Wenn sich zwischen Gott und der Welt auch ein bisschen Zivilcourage finden lässt

„Durch diese ganzen Flüchtlinge hier habe ich richtig Angst, auf die Straße zu gehen! Die sind ja alle kriminell!“, schallt es durch das Zugabteil, nachdem ich mich gemütlich auf meinem Zweiersitz eingerichtet habe. Ein bisschen unruhig werde ich beim Zuhören schon: Woher will denn diese Frau das wissen? Warum sagt die das so? Sollte man dazu was sagen? Ach, jetzt ist eh schon zu spät.
Oh, eine andere Stimme! Aber die kommt von weiter weg: „Entschuldigung, aber sowas können sie wirklich nicht sagen! Für so etwas schäme ich mich! Das ist so typisch! Versuchen sie sich doch mal in die Lage hinein zu versetzen, in der diese Menschen stecken! Peinlich, dieser Gedanke, wirklich! Bitte versuchen sie das nächste Mal, sich selber mal zuzuhören!“

Oh man, danke! Ganz schön hart, aber wahr! Das wäre auch meine Chance gewesen, um was zu sagen. Warum eigentlich nicht? Keine Ahnung. Aber das nächste Mal, dann sage ich auch was! Vielleicht! So wie das Mädchen!
Die macht das aber bestimmt öfter und ist total informiert. Und auch generell einfach so ein Typ dafür.
Ich hab sie mal gefragt. Weil meine Gedanken mich so verrückt gemacht haben.

„Hallo!! Echt cool eben!! Kann ich Dir mal ein paar Fragen stellen??“ Ein bisschen indiskret und unhöflich vielleicht. Aber Julia ist nett und freundlich und vielleicht ein bisschen überrumpelt.

Augen zu und durch?
„Eigentlich wollte ich nichts sagen, aber ich bin diese ganze Diskussion so leid! Solche Äußerungen hört man ja oft, vor allem in Clubs auf der Straße oder hier in Zügen. Mich macht es echt wütend, dass es wirklich Menschen gibt, die ausnahmslos so reden.“
Findest du die Frau, die dieses fremdenfeindliche Zeug gesagt hat, jetzt doof?
Julia verurteilt im ersten Sinne natürlich nur die Aussage der Frau und nicht den Menschen. „Aber es fällt schwer, über eine Person etwas Gutes zu denken, wenn diese so eine Aussage tätigt.“

Machst du bei solchen Sachen öfter mal deinen Mund auf?
“Nein, leider nicht. Das war gerade mit das erste Mal, dass ich mich eingemischt habe. Und ich war froh, als die Frau, die hier eben ausgestiegen ist, mich ermutigend angelächelt hat! Ich muss zugeben: Oft wartet man einfach, bis es eskaliert oder stellt sich irgendwelche Ultimaten und drückt ein paar viele Augen zu. Ganz oft ist aber auch das Problem da, dass man ja eigentlich gar nichts so richtig in der Hand hat. Ich hätte jetzt auch nicht mit Zahlen und Fakten kontern können, aber ich konnte immerhin meine Meinung äußern und die Frau dazu bringen, über ihr Gesagtes nachzudenken. Vor einem Club würde ich mich allerdings irgendwie nicht trauen, etwas zu sagen. Ist einfach ein schwieriges Thema.“
Julia ist nämlich nicht super politisch aktiv, seitdem sie nach Köln gezogen ist. Sie beschreibt sich und ihren Freundeskreis eher als Wohnzimmer-Kommunisten, bei denen das Thema “halt oft auf den Tisch kommt.” Und auch soll! Damit Gedanken wie diese der Frau einfach thematisiert und hinterfragt werden können.

Woher, denkst du, kommen solche fremdenfeindlichen Gedanken?
„Man lässt sich viel durch viel beeinflussen. Das eigene Umfeld beeinflusst unsere Sichtweisen extrem. An erster Stelle stehen aber die Medien! Das, was im TV angerissen wird, glauben viele direkt. Oft steigert man sich aber auch einfach zu sehr in Situationen rein. Dann wird ein Gedanke durch die ganzen fremden Erzählungen einfach noch verstärkt – auch wenn man selbst gar nicht dabei war!“

Zivilcourage heißt nicht nur “was sagen”, oder?
Mit Worten verteidigen ist die eine Sache. Unter “Zivilcourage” versteht Julia aber auch Aktion! Das würde nicht nur den Zugezogenen helfen: Mehr Zusammentreffen könnten die Vorurteile mindern. Denn dann kann man sich seine eigenen Meinungen bilden. „Das kostet aber Überwindung“, muss Julia zugeben. „Ich würde auch nicht meine eigenen Wände mit dem Gedanken ‚Oh, jetzt gehe ich mal alleine zu einer Flüchtlings-Hilfestation‘ verlassen. Man hat keine Ahnung, was einen erwartet – oder was von einem erwartet wird! Gehe ich da hin, um Dinge abzugeben und mache dann noch Small-Talk? Was machen die anderen Menschen dort? Auch wenn der Wille schon einmal da ist und der erste Schritt der Wichtigste ist: Der innere Schweinehund muss überwunden werden. Deswegen empfehle ich jedem, mal in den Hilfe-Gruppen auf Facebook herumzuschleichen – vielleicht finden sich ja unter den Mitgliedern Leute aus der eigenen Freundesliste, mit denen man dann dort hingehen kann. Zu Zweit fühlt man sich dann doch sicherer!”

Facebook kann aber doch auch ganz schön gefährlich sein, wenn es um das ganze Thema geht, oder?
„Naja, ja. Facebook beeinflusst auf manchen Seiten sehr, aber wenn man alles ein bisschen bewusster wahrnimmt, vor allem auch seine eigenen Gedanken, dann ist die Ausrede ‚ich bin da einfach irgendwie reingerutscht‘ nicht mehr vertretbar. Auf der anderen Seite sind solche Gruppen auch wieder eine Grundlage, Courage zu zeigen: Wenn man so rechte Inhalte sieht, ist man ja immer dazu angehalten, diese zu melden.“

Denkst du, manche Vorurteile sind nicht unbegründet?
„Naja, ich will nicht sagen, dass alle Zugezogenen Heilige sind. Es sind bestimmt ein paar Arschlöcher dabei, aber davon gibt es auch genügend deutsche Exemplare! Und die werden oft nicht in überfüllte Unterkünfte gesteckt, in denen Kulturen und Religionen aufeinander treffen, die nicht miteinander kombinierbar sind.“

Gibt es nicht auch Spekulationen darüber, dass die Flüchtlinge hier im wahren Luxus leben sollen?
„Na klar, spekulieren kann man viel. Das ist aber auch schon wieder so eine Schlagzeilen-These! Hier ist wieder Empathie am Start: ‚Luxus‘ hat nämlich auch etwas mit Gedanken zu tun und die sind bei den Zugezogenen bestimmt nicht auf ‚Oh, mir geht es TOTAL gut‘ gestellt.. Ich erinnere mich noch an meine Ersti-Fahrt. Da waren wir auch noch 30 fremde Menschen, die in einer Jugendherberge untergekommen sind und uns eine Gemeinschaftsdusche auf dem Flur teilen sollten. Das war vielleicht ein Aufstand! Aber immerhin hatten wir eine Dusche. Und wenn bei uns schon eine Krise ausbricht, wenn sich Mädchen und Jungs was teilen sollen – wie würden wir handeln, wenn wir so erzogen wurden, dass Frauen sich anderen Männern nur mit Kopftuch gegenüber zeigen und diese nun auf engstem Raum zusammenleben müssen? Hier werden jahrelange Umgangsformen durcheinander geschmissen. Man sollte sich fragen: Was sind das eigentlich genau für Menschen, die jetzt hier leben?“

Dein Statement zum Thema Zivilcourage?
“Man traut sich nicht immer. Es ist auch nicht das Wichtigste, herumzulaufen und jedem rechten Indiz die rote Karte zu zeigen. Wenn man immer kleine Beiträge leistet und auf seine eigene Art und Weise einen bunten Fleck hinterlassen kann, dann sollte man das auch tun und den eigenen Schweinehund überwinden. ‚Einfach machen‘ ist manchmal gut, manchmal aber auch nicht.”

Bei den Pfadfindern heißt es ja auch: Jeden Tag eine gute Tat. Die Augen gehören offen, genau wie die Ohren. Und der Mund soll auch offen sein: Das nächste Mal überlege ich mir nicht dreimal, ob ich wirklich was sagen soll, wenn ich beispielsweise im Zug eine Situation mitbekomme, die so nicht okay ist. Du auch?

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