Ich habe lange gebraucht, um einen Sport zu finden, den ich wirklich mag. 19 Jahre um genau zu sein. Dabei habe ich alles Mögliche ausprobiert – Schwimmen, Cheerleading, Leichtathletik. Nichts davon konnte mich lange begeistern und so hörte ich mit 17 auf mit Sport. Ab und zu war ich Inlinern oder beim Schulsport, aber wirklich zählen tut das ja nicht.

Wie kam es dazu?

Mein Exfreund macht Taekwondo und hat mich zu der Zeit in der wir zusammen waren einmal zum Zuschauen mitgenommen. Und irgendwie habe ich dort meine Liebe zum Kampfsport entdeckt. Ich bin nicht so der Zuschauer beim Sport, Fußball gucken liegt schon nahe an meiner Schmerzgrenze, ich mache lieber mit– das gleiche gilt beim Zocken. Also habe ich mich informiert. Ich wollte etwas tun, was ich nutzen kann, um mich zu verteidigen. Ich bin zwar recht groß mit meinen 1,74 Metern, aber trainierte Muskeln hatte ich nicht. Und ich sehe jünger aus als ich bin. Ich habe immer Angst spät abends im Dunkeln als leichtes Opfer zu gelten. Also brauchte ich etwas, das mir hilft, mich zu verteidigen.

Obwohl ich die asiatischen Kulturen sehr wertschätze, finde ich die Kampfsportarten zu passiv. Wenn mich jemand angreift, will ich ihn umhauen, einen Krankenwagen rufen und gehen. Also blieb ich beim Boxen hängen. Boxen fand ich schon als ich klein war sehr cool, wir hatten damals so Handschuhe für Kinder und einen dazu passenden Box-Sack. Aber nur mit den Händen kämpfen wollte ich auch nicht. Und so kam ich zum Kickboxen.

Erst fand ich kein Studio, dass Kickboxen anbot und in meiner Nähe war – ich hatte keine Lust jedes Mal weit zu fahren, außerdem habe ich ja auch noch meine Arbeit. Aber ich hatte wohl einfach falsch gesucht, denn irgendwann entdeckte ich durch Zufall das Karate-Dojo Sandokan, direkt am Bahnhof in Korschenbroich, wo ich wohne. Im Juli 2014 machte ich eine Probestunde – und war begeistert. Zwei Monate später, zu Beginn meiner Ausbildung, fing ich dann richtig an. 2 Mal die Woche Training. Jede zweite Woche musste ich samstags aussetzen, wegen meiner Fernbeziehung, aber ich merkte schnell, wie ich fitter wurde, Muskeln aufbaute und dehnbarer wurde. Am Anfang habe ich häufig mit Muskelkater gekämpft, manchmal tue ich das auch jetzt noch, aber es hat sich gelohnt und lohnt sich immer noch.

Und jetzt?

Mittlerweile gehe ich so oft wie ich kann trainieren. Vor ein paar Wochen waren das 4 Tage in der Woche, mittwochs 2 Stunden. Vom 16.10. bis 18.10. war ich sogar in einem Trainingslager. Etwas, das ich bei einem anderen Sport nie gemacht hätte. Ich fühle mich besser. Ich habe weniger Angst. Ich weiß, dass ich nach über einem Jahr ziemlich gut bin. So gut, dass ich einem 1,90 Kerl aus dem Stehen gegen den Kopf treten kann. Ich habe noch viel zu lernen, aber darauf freue ich mich. Gleichzeitig bin ich immer noch ich. Ich bin keine bullige, breitschultrige Frau geworden. Man sieht mir nicht an, dass ich diesen Sport mache. Jedes Mal, wenn ich erwähne, dass ich kickboxe, treffe ich auf Unglauben – und dann auf eine Art Bewunderung.

Das Training ist anstrengend und ich habe schon viel gelitten – aber so ist das halt bei Dingen, die man wirklich mag. Ich leide gerne für diesen Sport. Er hilft mir ausgeglichen zu bleiben. Ich bin eigentlich eine ruhige Person, alle meine Aggressionen lasse ich an meinem Partner aus. Natürlich gemäßigt. Außerdem ist es ein guter Ausgleich für meinen Schreibtischjob. Nicht nachdenken, einfach immer dieselben Techniken ausführen, die man nach einem Jahr einfach automatisch macht. Bewegung. Kopf abschalten.

Was genau mache ich da?

Und um mit den Vorurteilen aufzuräumen – Kickboxen ist kein reiner Männersport, in dem sich harte Kerle die Fresse polieren. Natürlich gibt es Kämpfe, das sogenannte Sparring, aber die werden häufig nur im (mit) Leichtkontakt ausgeführt. Das heißt der Gegner wird kaum berührt und die Techniken nur angedeutet. Im Kickboxen sind Technik und Kontrolle viel wichtiger als Kraft.

Natürlich muss man auch das richtige Studio finden. Ich liebe meins. Ich kann direkt nach der Arbeit vom Bahnhof hin, es hat eine große, helle Fensterseite und eine Spiegelseite zum Betrachten und genügend Möglichkeiten zu trainieren. Außerdem habe ich mit Benni den für mich besten Trainer erwischt, der mich fordert, aber auch nicht überfordert und mit dem ich auch Witze machen kann. Und wenn ich mich nicht benehme oder “gefoltert” werden will, trainiere ich einfach mit dem Co-Trainer Rene, der bei uns als Drill-Sergeant bekannt ist.

Und was heißt das jetzt?

Ich liebe Kickboxen und ich bin froh diesen Sport für mich gefunden zu haben. Und ich würde ihn jedem weiterempfehlen, der mich danach fragt.

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