Von Ines K.

„Früher war alles besser“ – das sagt mir mein Vater täglich, wenn er meinen Bruder seine Ballerspiele spielen sieht.

Aber war früher wirklich alles besser? Verschwenden wir unser Leben tatsächlich? Sind wir wirklich in der Welt der Smartphones gefangen?

Nun, wenn mein Vater nach der Arbeit heimkommt und ich mir nach einem langen Tag die dritte Folge meiner Lieblingsserie anschaue, erwische ich mich dabei, wie ich beim Hören der Schritte den Laptop zuklappe und zum Buch greife, das schon seit mehreren Wochen berührt, doch ungelesen, auf meinem Nachttisch liegt. Mein Vater schaut mich dann zufrieden an, fragt wie mein Tag war, und betritt, schon genervt, das Zimmer meines Bruders. Dieser hat, dank seines Headsets, natürlich nichts von der Anwesenheit unseres Erzeugers mitbekommen. Er darf sich jetzt anhören, dass er doch verblöde.

Ganz einverstanden bin ich damit nicht. Doch wenn ich daran denke, dass ich vor wenigen Jahren tatsächlich lesend, schreibend oder malend in meinem Zimmer saß, frage ich mich, was in der Zeit passiert ist. Die Bildschirme sind fesselnd und machen süchtig. Langweilt mich eine Szene der Serie, greife ich zum Handy. Slide links, rechts, Tinder hat auch nichts Neues zu bieten. Whatsapp, Instagram, Facebook und sogar für einen Blick aus dem Fenster reicht es. Neulich kam es sogar dazu, dass ich, nicht ganz nüchtern, versuchte mit Daumen und Zeigefinger an ein Foto einer Zeitung heranzuzoomen. Alle lachten, doch ich machte mir Gedanken. Eine Bildschirmpause einlegen? Dem Rat meines klugen Vaters folgen und die Stunden aufschreiben, die ich vor dem Handy und Computer verbringe, um nachher schockiert festzustellen, dass man ja eigentlich kaum mehr noch etwas anderes tut?

Natürlich verbringe ich auch viel Zeit mit meinen Freunden, ja, im „real life“ sogar. Doch das Handy ist immer mit dabei. Ständig erreichbar sein. Erzähle ich einem Freund vom letzten Wochenende, so kann es gut sein, dass er währenddessen auf sein Handy schaut und seine volle Aufmerksamkeit nicht auf mir liegt. Ist es etwa zu egoistisch, so etwas zu erwarten? Aber nein, er freut sich natürlich, dass wir Zeit zusammen verbringen. Dies müssen wir natürlich all unseren Freunden mit einem Snapchatbild demonstrieren. Kommen noch ein paar mehr Freunde dazu, kann man sich sicher sein, dass sich mindestens ein paar aus dem Gespräch ausklinken und lieber schauen, was die anderen machen, die sie vielleicht gar nicht kennen aber doch interessanter scheinen als das aktuelle Gesprächsthema.
Zum Glück gibt es aber noch den „Handystapel“. Alle legen ihre Handys übereinander, und der Erste, der sein Handy wiedernimmt oder vielleicht checkt ob er ein neues „Gefällt mir“ auf seinem Profilbild hat verliert und muss im besten Fall eine Runde ausgeben. Ziemlich hart für die meisten, sich so der Realität zu stellen, weshalb das Spiel häufig schon nach 15 Minuten endet, da Entzugserscheinungen auftreten. Man hat nichts mehr in der Hand, man ist sich nicht mehr sicher, ob der Freund einen wirklich noch liebt, und vielleicht verpasst man ja gerade den allerwitzigsten Post von 9gag.

Am Ende des Tages habe ich Kopfschmerzen, und wünsche mir, ich hätte auf die Freeletics App reagiert, die mir unter die Nase reibt, dass ich letztes Jahr einige Kilo weniger wog und ich im letzten Monat insgesamt nur zweimal joggen war.

Also, warum nicht einfach mal das Handy ausschalten, komplett? Nicht nur auf stumm, oder in den Flugzeugmodus schalten. Falls es brennt, gibt’s ja immer noch das Festnetztelefon, und falls ich die Nummer nicht mehr weiß, mache ich jetzt besser noch einen letzten Klick ins Internet, und notiere sie mir – handschriftlich!
Ich möchte etwas ändern und vielleicht weniger Zeit im Bett und vor dem Bildschirm verbringen. Vielleicht möchte ich wieder so werden, wie ich vor ein paar Jahren noch war. Mein Aufladekabel werde ich heute Abend nicht mit zu meiner Freundin mitnehmen. Wenn ich danach nach Hause komme, werde ich mal schauen was denn nun wirklich im Buch passiert – neugierig bin ich ja schon.
Und wenn das nicht klappt, überrede ich meinen Bruder, auch mal eine Pause zu machen. Um sich dann, wie früher, Mensch ärger dich nicht zu schnappen, und sich auch vielleicht mal zu streiten, Zeit miteinander zu verbringen.Vielleicht wird dann ja wieder alles besser.

Mut zur Stille

Ich laufe immer mit Musik in den Ohren die Straße entlang, fühl mich gut mit der Playlist meiner Woche. Wie schön, dass Spotify weiß was ich mag und was gerade in mein Leben passt.
Der Straßenmusiker, an dem ich vorbeilaufe scheint gut zu sein, denn eine Gruppe alter Damen, wahrscheinlich ohne Smartphone, schauen ihn begeistert an. Komm ich zu Hause an, schalt ich das Radio an, um zu wissen was so geht. Und ein Mädel erzählt mir von ihrem Lieblingsmensch, den selbst ich zu kennen scheine, so oft hab ich das Lied schon gehört. Sogar auf der Toilette ist ein Radio, das mich beim Pinkeln von meinen eigenen Gedanken abhält.

20 Uhr, Tagesschau, und auch der Sprecher erzählt mir dies und das. Danach hör ich mir ein Hörspiel an, doch konzentrieren kann ich mich nicht mehr.

Jetzt schalt ich mal aus. Ich trau mich. Setz mich hin, in die Stille. Und lass meine Gedanken zu. Trau mich mal mir zuzuhören und mich mir selbst zu stellen. Meinen Ängsten, Gedanken und eigenen Träumen und Wünsche. Denke nach über meinen Lieblingsmensch, der mir zuhört, aber mit dem auch Stille erträglich ist.

Probiert es doch mal selbst aus und schaut, ob ihr die Stille als genau so angenehm empfindet wie ich!

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