Seit Tagen hatte ich es versäumt, neue Zahnpasta zu besorgen, obwohl ich bei der alten Tube sämtliche Künste im Herauspressen von Zahnputzmittel aufbieten musste.

Es gibt fußläufig mehrere Discounter und Drogeriemärkte, doch wer kennt das nicht, dass man einige Dinge, die man erledigen sollte, länger und länger unerledigt lässt.

Heutmorgen war es dann so weit, ich quetschte vergeblich, bis mir die rettende Idee kam: In meiner Kulturtasche, ich mag das Wort Kulturtasche, könnte noch eine Tube sizilianische Zahnpflegepaste schlummern. Es handelt sich um ein Mittel der Marke Pepsodent, Pepsodent Herbal mit vielerlei Kräutern, nicht so richtig sizilianisch, sondern nur auf Sizilien gekauft, entweder Ende Oktober oder schon im November 2013. Mein Problem schien gelöst.

Ob ich es wollte oder nicht, mit diesem Urlaubsrelikt aus meiner Kulturtasche wurden Bilder in den Kopf gespült, erst einmal Bilder von dem Supermarkt in Giardini Naxos, ein Supermarkt in einem Kellergeschoss, hell beleuchtet von künstlichem Licht.

Draußen gab es auch nicht viel an Licht, die große Insel hing unter einem zunehmend belastenden Dunstschleier, so gar nichts für Sonnnenhungrige und auch nichts für Liebhaber der ruhigen Nachsaison. Giardini Naxos mag im Sommer ein quirliger Ort sein, Ende Oktober, Anfang November hängt das Leben dort in den Seilen. Wie gesagt, für eine solche Trostlosigkeit gibt es Liebhaber, ich zähle mich bedingt dazu. Bedingt, weil es selbst mir am siebten Tag zu viel Grau war, zu viel Endzeitstimmung.

Andernorts waren mehr als genug Menschen: Wir kamen von dem Stadtfest in Zafferana am Fuße des Ätna, im Magen hing eine sizilianische Bratwurst, die alles in den Schatten stellte, was ich jemals an Bratwürsten probiert hatte, und mit dieser Last durchkreuzten wir eine verlassene Kleinstadt, deren Namen ich nicht mehr parat habe, weil ich geschockt war von der Szenerie:

Wirklich wie eine Geisterstadt, bedrückend oder womöglich gar faszinierend, je nachdem wie groß die Begeisterung für dauerhaft verlassene Orte ausgeprägt ist. Endgültige Nachsaison. Es zog in der Bauchgegend.

Ich sah eine schwarze Mafialimousine hinter uns her fahren, ich fühlte ein herankommendes Kidnapping, irgendeine Verwechslung, weil wir den falschen Wagen gebucht hatten, ein Cinquecento, der vor ein paar Tagen noch von einem Mafiajäger gefahren wurde, der ständig seine Autos wechseln muss.

Nach dieser haltlosen Übertreibung komme ich nun auf die graue Stadt zu sprechen, deren Namen mir ebenfalls gerade nicht präsent ist, ich meine nicht Catania, die Stadt aus grauem Lavastein, nichts für sensible Menschen, Verkehrshölle in gigantischem Grau!

Ich meine eine ätnanahe Kleinstadt, in der es unvergleich gute Pizza gibt, wenn man unorthodoxe Pizza vom Bäcker mag, und wenn man dabei gerne aus der Bäckerei heraus einen langen Trauerzug betrachtet, der offenbar wie ein Korso kreuz und quer durch die ansonsten menschenleeren Straßen zieht, für Liebhaber der Nachsaison ein Fest.

Etwas morbid ist immer schön, nur der anschließende Anblick von schwammigen Ätna-Pilzen in einer Holzkiste am Straßenrand hatte mich ein kurzes Würgen gekostet. Pilze sind generell so eine Sache. So eine Sache wie Sülze. Den einen Tag muss es Sülze sein, den anderen Tag verdirbt einem Sülze die Laune.

Nun musste ich mir die Zähne putzen… mit all diesen Bildern von Bratwurst, Pilzen und Sülze im Kopf. Nicht schlimm. Wer Sizilien in der späten Nachsaison übersteht, der wird robuster im Nehmen.

Und vieles war schön: Der rauchende Ätna am ersten Tag, dem einzigen, für ein paar Stunden dunstfreien Tag; der alte Taxifahrer mit dem riesigen Brillengestell, der sich palavernd die Zeit mit dem Warten auf die ausbleibende Kundschaft vertrieb; der Schwertfisch mit der schönen Note von Salz und Knoblauch; die geliebten Vespas, die einen Sound wie Musik abgeben; die Dachterrasse einer Kneipe im Bergdorf Castelmola, du kommst dort nicht weg, bevor du den Mandelwein des stolzen Hausherrn probiert hast.

Sizilien ist anders, ich möchte sagen, es ist dort alles etwas unheimlicher als dort, wo ich mich sonstwie rumtrieb in Europa, mal abgesehen von Korsika und seinen Korsen und dem Käse mit Maden… eine ziemlich schwierige Spezialität.

Und wie lange ist Zahncreme haltbar?

Mir schmeckte sie gut.

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