Ich höre Rap-Musik. Schon mein ganzes Leben lang. Klar, ich feier auch Pop, Rock und Heavy Metal. Aber Rap wird immer meine große Liebe bleiben. Jedoch bin ich mittlerweile alt genug, um mich differenziert mit Rap auseinanderzusetzen. Das Schöne an Rap war für mich immer, dass der Grundgedanke des Rap eine friedliche Welt ist, in der alle gleiche Rechte haben.

Beispiele gefällig? Die NWA („Niggas with Attitude“) war eine der ersten großen Rapgruppen und sie kommen aus einem der größten sozialen Brennpunkte der USA – Compton, California. Worüber haben sie gerappt? Nutten, Drogen, Waffen, Gewalt. Aber wieso?  Compton ist eine der Städte, die vom Bandenkampf am stärksten betroffen ist. Im Compton-Spezial der Juice hat der Rapper Boogie gesagt, dass man in Compton „tagtäglich gefragt wird, zu welcher Gang man gehört“.

Überlegt euch das mal in Deutschland. Du willst nur schnell eine Packung Kippen kaufen und man fragt dich „Gehörst du zu den Hells Angels oder den Bandidos?“. Antwortest du falsch, kannst du leicht erschossen werden. Und die Polizei? Die juckt es nicht. Also versuchten die Jungs um Mister Eazy-E, Dr. Dre und Ice Cube ihrer Verzweiflung eine Plattform zu geben: die Musik. Und wenn du in deinem Leben nichts anderes als das Gang-Life kennengelernt hast, worüber sollst du dann sonst noch rappen?

„Fuck tha Police“ ist eine Anti-Polizei-Hymne, ja. Aber die Polizei in Compton hat sie verdient. Wenn auf der Straße Kinder erschossen werden und es die Polizei und die Öffentlichkeit nicht interessiert, dann läuft was falsch. Was war das Ergebnis? Als in Charleston ein Jugendlicher von einem Polizisten erschossen wurde, gab es Massendemonstrationen. Schlimm genug, dass es für Polizisten überhaupt möglich ist, so schnell zur Waffe zu greifen, aber wenigstens interessiert es die Gesellschaft mittlerweile. Das ist ein Verdienst der Rap-Musik, den man einfach anerkennen muss. Die Country-Musik wird heute noch von Weißen dominiert, da hätte keine Änderung herkommen können.

Natürlich kommt das Beispiel aus den USA, allerdings steht Rap-Musik abseits von Haftbefehl und Bushido auch in Deutschland noch für sozialkritische Lyrik und das ewige Hinterfragen. Beispiele dafür gibt es überall. Sei es nun Max Herre, der sich in „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“ schon 1997 mit dem Krieg und den großen Intrigen auf der Welt auseinander gesetzt hat:

„Meine Mutter presste, gebahr‘ und liebt mich
trägt mich an der Brust, stillt und wiegt mich
Indes ’ne Mutter mit Sohn in Kambodscha den Schuss zu spät sah
Er wär wie ich jetzt 23“ – Freundeskreis – Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte (Quadratur des Kreises, 1997)

Oder ein Prinz Pi, bürgerlich Friedrich Kautz, der seit Jahren schon öffentlich über seine Manischen Depressionen rappt, weil er anderen mit solchen Problemen helfen will:

„Höchste Höhen, tiefste Tiefen
An warmen Tagen glaub‘ ich wirklich
Dass mich alle lieben
Und fühl mich, als könnt‘ ich fliegen
Dann kommt die schwarze Wolke
Macht mich klein und ich will mich erschießen
Standardkrisen eines Manisch-Depressiven“ – Prinz Pi – Schwarze Wolke (Kompass Ohne Norden 2013)

Der wirkliche Rap in Deutschland war schon immer der, der die Mittel hatte, zu sagen, was falsch läuft. Pop-Musik und Schlager zum Beispiel ähneln sich. Sie stellen eine schöne Welt da. Friede, Freude, Eierkuchen. Gähn, ist das langweilig. Ganz ehrlich, unsere Gesellschaft ist nicht in Ordnung, warum also so tun? Ich bin politisch links ausgerichtet, daher passt der Hip-Hop zu mir. Außerdem freuen mich Künstler wie Prinz Pi. Ohne diese bedingungslose Offenheit würde ich vermutlich heute noch nicht mit meinen manischen Depressionen klar kommen.

Das Wichtigste zum Schluss: Rap und Hip-Hop sind dem Grundideal des theoretischen Kommunismus untergeordnet. Es gibt keine Klassen. Keine Unterschiede. Alle gleich. Die einzigen Unterschiede, die sich ergeben, sind die der eigenen Leistung. Jeder kann Rapper werden, wenn er will. Allerdings bedeutet Rap auch Ansporn. Bei einer Cypher* sind wir alle gleich und im Rap kann man Konflikte musikalisch regeln. Natürlich lassen sich alle Konflikte auf einer künstlerisch-sportlichen Ebene lösen, allerdings ist das im Rap noch einmal eine andere Qualität.

Der Ursprung der Rap-Battles war es, dass Feinde einander ihre Meinung geigen konnten, ohne, dass einer dabei drauf geht. Das sollte man auch mal im Leben beherzigen. Einfach miteinander reden, statt hinter dem Rücken Mist zu reden. Warum kann nicht alles so einfach sein? Und ja, mir ist klar, dass es auch im Rap noch Rassismus gibt, dass es rechten Rap gibt. Aber mir geht es darum, mit den Vorurteilen vom gewaltverherrlichenden Hip-Hop aufzuräumen. Rassismus, Nationalismus, nichts davon ist wirklicher Hip-Hop. Das sind Idioten, die sich diese Musik zu eigen machen, um damit ihre Ziele zu erreichen, junge Menschen zu beeinflussen und ihnen ein falsches Weltbild zu geben. Dass dafür die Musik missbraucht wird, die eine bessere Welt erreichen will, indem sie das richtige Weltbild darstellt, ist fast schon pervers.

In diesem Sinne: Peace Out.

*Anm. des Redakteurs: Bei einer Cypher handelt es sich um ein Zusammentreffen verschiedener Rapper um sich dem Freestyle zu widmen. Meist nacheinander. Eine Unterform wären die klassischen Rap-Battles.

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