Seit gut zwei Jahren versuche ich, so viel wie möglich von der Welt zu sehen. Jedes lange Wochenende und längere Urlaube verplane ich schon Monate im Voraus, schaue fast wöchentlich im Internet, an welchen Tagen es günstige Flüge gibt, egal wohin die Reise geht. Hauptsache, ich sitze nicht zu Hause herum und vergeude meine Zeit, sondern sammle wertvolle Erfahrungen, die ich später im Alter vielleicht nicht mehr machen kann. Doch wie kam ich eigentlich zu der Einstellung, dass ich mein Geld lieber in Erlebnisse als in Besitz investieren möchte? Woher kam der Wertewandel vom Materialisten zu einem Menschen, der sein Geld nun lieber verlebt?

Seit ich denken kann, war ich scharf darauf, Besitz zu erlangen. Zugegeben, mir wurde als Kind auch versucht, alles zu ermöglichen. Vielen Dank an dieser Stelle an alle Beteiligten. Das kam früher vielleicht etwas zu kurz. Ich war meist der kleine, dicke Junge, der von allem das Meiste hatte. Egal ob es um Batman, Power Rangers oder Turtles-Figuren ging. Ob es sich um Pokémonkarten, Videokassetten und Hörspiele, Gameboy und PlayStation-Spiele drehte.. Mir mangelte es an nichts – Ich hatte alles, was mein Kinderherz damals begehrte. Es gab tatsächlich auch eine Zeit, zu der ich drei Konsolen gleichzeitig besaß. Totaler Überfluss, ich wusste gar nicht, mit was ich als erstes spielen sollte.

Ich war ein kleiner Sammler. Doch wo ist hier das Problem, denn schließlich sammelt doch jeder etwas, oder? Bei mir war es kritisch, da ich immer gleich alles sofort haben musste, um meine Sammlung schnellstmöglich zu komplettieren. Das zeigte sich, als ich mit meinen Eltern im Urlaub war. An der Rezeption im Hotel gab es kleine Figuren des Hotelmaskottchens zu kaufen. Natürlich habe ich mich direkt in diese verguckt und wollte sie haben. Was wollte ich eigentlich damals nicht haben? Jedenfalls war meine Mutter so nett und wollte mir eine dieser Figuren kaufen. Daraufhin sagte ich, dass ich nicht nur eine haben möchte.

„Wenn dann, will ich alle haben, eine ist doof.“

Ich kleines, verzogenes Kind. Na gut, so kann ich es auch nicht nennen. Verzogen war ich ganz und gar nicht, nur diese Habgier war erschreckend. Anstatt, dass ich einfach mal zufrieden bin mit dem, was ich habe, war ich extrem habgierig. Mein Vater hatte sich tierisch über mein Verhalten aufgeregt. Damals habe ich das überhaupt nicht verstanden, heute schon.

Lange Zeit ging das noch genau so weiter. Die deutsche Hip Hop Szene, der ich jahrelang Anhänger war, hat das ganze Gehabe noch intensiviert. Ich verurteile hiermit den deutschen Hip Hop ganz und gar nicht, aber mir wurde in der Musik oft vorgelebt, dass man der „Geilste“ sein muss. Ein teures Auto und „geile Chicks“ am Start zu haben ist Pflicht, sowie „fett Para machen“, um bei Gucci und Luis Vui einzukaufen. Da ich diese Musik tagein tagaus verschlungen habe, wollte ich immer mehr Statussymbole und teuren Schnick Schnack besitzen, eben wie die ganzen Rapper in den Musikvideos. All´ das führte dazu, dass ich mein hart verdientes Geld lange Zeit sparte, nur um mir beispielsweise ein extrem teueres Parfüm mit ganz speziellen Essenzen aus dem Orient zu bestellen. Auch legte ich mir kurze Zeit später einen Guccigürtel zu, da mein Lieblingsrapper ja auch solch einen trägt.

Und hier kommen wir auch schon zum Punkt. Als ich in Düsseldorf auf der KÖ in besagtem Laden war, fühlte ich mich großartig, denn ich kaufte ja gleich etwas von Gucci. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das einfach gar nicht mein Lifestyle. Denn als ich so durch den Laden schlenderte, kam ich mir beobachtet vor, weil mein sonstiges Erscheinungsbild ja nicht unbedingt auf meinen vermeintlich unverkennbaren Reichtum schließen ließ. Den Gürtel habe ich mit solch einer Vorsicht anprobiert, als wäre er aus Glas und würde jede Sekunde zerbrechen. An der Kasse dann der tiefe Griff ins Portemonnaie – 250€ für einen Gürtel, aber was solls? Ist halt von Gucci. Der Service an der Kasse war aber immerhin top, die Rechnung gibt es extra in einem Umschlag!

Irgendwann in meinem Leben gab es dann eine Zeit, in der ich mehrere Wochen krankheitsbedingt ans Bett gefesselt war. Ich brauchte Ruhe und konnte nicht wirklich viel machen. So kam es dann auch, dass ich nicht mit meinen Freunden zusammen in den Urlaub fahren konnte. Ich wusste aber, dass ich das auf jeden Fall nachholen möchte. Tatsächlich: Als ich zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf den Beinen war, bin ich mit meinen Freunden verreist. Wir hatten so viel Spaß zusammen, dass ich mir geschworen habe, jetzt öfter auf Reisen zu gehen, bevor ich irgendwann wieder durch irgendeinen Grund verhindert bin. Und das habe ich auch wirklich so umgesetzt. Meine Ausgaben für meist sinnlosen Besitz habe ich reduziert. Stattdessen wurde es meine Mission, die ganze Welt zu erkunden.

Inzwischen sage ich mir:

„Robin, du nimmst nichts mit ins Grab. Also investiere dein Geld in Erfahrungen und Erlebnisse.“

Und das stimmt zu Hundert Prozent! Nimmst du dein Auto, Smartphone, MacBook oder deine ganze Film- und Spielesammlung mit, wenn du irgendwann einmal von der Erde gehst? Nein! Aber unsere ganzen Erlebnisse und Erinnerungen kann uns keiner mehr nehmen. Zudem verlieren diese auch nicht an Wert im Gegensatz zu allen anderen Besitztümern, die wir im Verlauf unseren Lebens erlangen. Letzten Endes sind es auch die Momente und Erlebnisse, die das Leben lebenswert machen. Ich ärgere mich teilweise noch heute, wie viel Geld ich damals für Videospiele, Filme, limitierte Sammlereditionen und andere Dinge ausgegeben habe, die heute einfach nur alt und wertlos sind und zudem noch im Regal verstauben. Von daher sollte man lieber zweimal überlegen, worin man sein Geld investiert.

Nun frage ich dich: Lebst du schon oder kaufst du noch?

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