Von Fabrice F.

Weniger ist mehr! Was für ein großartiger Gedanke!

Begeistert sitze ich am Frühstückstisch über meinem Paleo-Frühstück mit Speck, Eiern, Mandelkaffee und Banane, der Laptop vor mir mit einem Artikel über „Minimalismus als Lebensstil.“ Eine Unterüberschrift:„Kaufe nur Dinge, die du brauchst.“

Es klingelt, halb angezogen schlurfe ich an meiner Peek-und-Cloppenburg-Tüte, die immer noch im Flur steht, vorbei Richtung Tür und nehme das Amazonpaket entgegen. Der Postbote hält mir ein elektronisches Gerät unter die Nase, auf dem ich irgendwas zwischen einer binomischen Formel und Putin schreibe. Zurück in der Küche reiße ich freudig das Päckchen auf. Neben sehr viel Papier erblicke ich ein Buch, in Plastik verpackt, und das Geschenk für meinen Mitbewohner. Aus Bequemlichkeit lasse ich den Karton einfach neben mir liegen, schweife einen kurzen Blick über das Buch „Raketenmänner“ und frühstücke weiter. Das kommt auf meinen „muss ich mal lesen, wenn ich die anderen Sachen ausgelesen habe“-Stapel.

Ich bin beeindruckt von dem Gedanken, irgendwo zwischen Fightclub „verlier´alles, um frei zu sein“-Mentalität, Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit und spartanischer Einrichtung soll es diese Oase der Einfachheit und Freiheit geben. Alles, was ich besitze, passt in einen Koffer, hat mal jemand gesagt, der diesen Kram echt ernst genommen hat. Da möchte ich auch mal hin, einfach den ganzen Plunder loswerden und nur das Nötigste haben und damit glücklich sein.

Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.“(Epikur, griechischer Philosoph)

Das Zitat hat mich gepackt, jetzt ist Schluss mit dem endlosen Hinterherjagen von Besitz! Hui, das klang jetzt etwas ungewollt kommunistisch. Viele Ideen setze ich jetzt schon mehr oder weniger um. Einen Fernseher habe ich nicht, dafür schau ich aber wohl zu viel Youtube. Mehr in die Natur heißt es – ich geh gern wandern, das spricht mich an! „Arbeite weniger“, jetzt hat der Artikel mich voll gepackt! Mein Dauerstudentenherz macht Saltos, denn zu viel Zeit im Leben verbringt man mit Zeit, die man nicht für sich nutzt. Mit größter Ruhe kratze ich die letzten Reste Rührei vom Teller und frage mich trotz meines großen Glaubens an die Paleo-Steinzeiternährung, ob ich nicht doch in voller Fahrt auf einen Gichtanfall zusteuer.

Ich hebe das Plastik vom Boden auf – „Leben ohne Müll, das Selbstexperiment“ habe ich eben noch als Artikelvorschlag vermerkt. Ich trenne Müll wie ein Verrückter und hasse es, dass unsere kleinen WG-Mülleimer immer zu schnell voll sind. Plastik minimieren, das steht schon seit langem ziemlich oben auf meiner Liste. Alles ist eingepackt, sogar Bio Bananen, aber ich schweife ab. „Fahr weniger Auto.“ – Aber ich mag mein Auto! Zu sehr gewöhnt man sich an Sachen, die einem das Leben bequemer machen.

Minimalismus, da wird meine Familie staunen, wenn ich all den Schnickschnack hinter mir lasse!

Es ist wie mein letzter Trekkingurlaub, ein Stück Eigenständigkeit und Freiheit, mit dem Gefühl für das Essentielle und allernötigste, wenn du froh bist um jede warme Mahlzeit oder einen warmen Schlafplatz. „Vergiss Vielleicht, sag Ja oder Nein!“- jetzt wird es nicht nur ökonomisch, sondern auch grundbedeutend philosophisch.

I love it, ich hatte schon immer einen Hang zu extremen Lebensentscheidungen! Das rückgratlose Wörtchen „vielleicht“ ist seit längerem schon nicht mehr in meinem Wortschatz. Stolz schließe ich den Tab und fühle mich schon ganz als Minimalist. Zurück in mein Zimmer frage ich mich, wer wenn ich schlafe immer wieder mein Zimmer zumüllt – muss ich wohl mal wieder aufräumen! Oder noch besser: Entrümpeln! Raus mit dem ganzen Plunder!

Als ich wieder unbewusst auf mein Handy zusteuer sagt eine minimalistische Stimme: „Weniger Social Media!“ – kein Problem, erst noch ein Nickerchen, sind ja noch Semesterferien.

Ich träume von einem leeren Zimmer, nur mein Bett, meine Bücher und meine Klamotten, ein leerer Boden, weniger Müll, weniger Kram im Leben und auf der Seele, das hat etwas spirituelles. Am besten auch ohne Bücher, denn der moderne Minimalist von heute braucht nur ein iPad. Das würde mir schwer fallen, denn ich mag meine Büchersammlung. Und ich mag es, ein Buch wirklich in den Händen zu haben, da bin ich überzeugt nostalgisch. Aber wenn ich mich bemühe, könnte ich bestimmt eine Lieblingsauswahl treffen und mich auf 25 Bücher beschränken.

Damit wäre ich wohl immer noch zu weit entfernt vom „100 Dinge Minimalismusexperiment“.

Es funktioniert so, dass man all seinen Besitz in ein anderes Zimmer oder Garage verlagert und pro Tag darf man sich wieder ein zwei Dinge zurückholen und nach 30 Tagen wird man feststellen, was man wirklich braucht und was man nur geglaubt hat, dass es unbedingt ins Leben gehört.

Das klingt vielversprechend, aber ich habe gerade keine Garage zur Hand und all meinen Plunder bei meinem Mitbewohner ins Zimmer zu stauen, dann erklärt er mich endgültig für verrückt… Obwohl, wenn er es als Geschenk sieht, brauch ich nichts mehr bestellen und eventuell freut er sich sogar über plötzlich ungewöhnlich viele Bücher. Alberner Gedanke! Ich werde einfach so etwas reduzieren – ich besitze im Moment nur zwei Jeans, das ist doch schon mal was.

The things you own end up owning you“ sagt Tyler Durdan aus Fightclub.

Mach den Test. Was würdest du retten, wenn dein Haus in Flammen steht? Fotos? Laptop? Wenn wir schon nicht komplett loslassen können, lass uns doch wenigstens verdammt dankbar sein für alles, was wir haben. Langsam döse ich ein, beeindruckt vom Artikel und meiner Koffeinimmunität: sollte wohl öfter Tee trinken! Dabei fällt mir ein, dass ich noch eine neue Teekanne brauche. Meiner Alten aus Plastik traue ich nicht mehr: Weichmacher und so! Erstmal gleich bei Amazon schauen – Nein, eine gebrauchte wäre auch nicht schlecht… aber ich als Minimalist weiß, das hat Zeit!

Und vielleicht ist schon morgen Weniger mehr.

 

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