Die zweite Rezension in einer Woche? Bin ich jetzt im Kultur-Ressort hängen geblieben? Nein, allerdings wusste ich schon im Januar, dass ich dieses Album rezensieren würde. Denn Megaloh’s Geschichte ist mehr als einen Blick wert.

Seit knapp zehn Jahren gehört er zur deutschen Rapszene, sein erstes Album allerdings erschien erst 2013. Er ist das Paradebeispiel für einen begabten Künstler, der von der Szene verschluckt wird. Bis zur „Endlich unendlich“-Platte vor drei Jahren. Die Frage, die sich mir allerdings stellte, als „Regenmacher“ gestern veröffentlicht wurde: Was hat sich verändert? Arbeitet er immer noch im Lager, um seine Familie durchzubringen? Und kann er noch besser werden? Denn egal welches Genre im Rap ihr feiert, Mega beherrscht es.

Der Moabiter Rapper kann deepen Rap, aber auch harten Battle-Rap. Außerdem hat er einen Vorteil, der vielen jungen Künstlern in Deutschland fehlt: Er hat Kontakte. Das beweist er auf Regenmacher sehr eindrucksvoll. Die Feature-Liste klingt wie ein Who’s-Who der deutschen Musik-Industrie: Trettmann, einer der größten Dancehall-Künstler Deutschlands, Joy Denalane, Max Herre, MoTrip, Jan Delay, Musa, Patrice, Tua, Afrob, Samy Deluxe und Gentleman geben sich die Ehre. Bei so einer Feature-Liste hat man natürlich Erwartungen. Aber auch genau das ist der Sinn des Albumtitels. In der afrikanischen Kultur ist der Regenmacher in Zeiten der Dürre dafür verantwortlich, für Regen zu sorgen. Die Menschen legen all‘  ihre Hoffnungen in einen einzigen Menschen, der mehr sein muss als er ist. Diesen Anspruch merkt man den Album auch an. Obwohl Megaloh immer noch im Lager arbeitet und sich immer noch um seine Famile kümmert, versucht er einen möglichst großen Teil seines Lebens auch der Musik zu widmen. Die Texte sind dabei sehr durchdacht und auch die Beat-Auswahl ist sehr passend zu Mega’s Musik. Er beweist seine Wandlungsfähigkeit. Das fällt besonders beim Song „Oyoyo“ auf. Der Beat ist von Mega’s Haus-und-Hof-Produzent Ghanian Stallion. Der Beat hat mehr hohe Töne und die Geschichte des Tracks ist einfach: Mega möchte Afrika in seiner Musik wiederspiegeln. Daher kommt auch die Hook

„Oyoyo uwa diya(2x)
Biko mmetum aka“

Das ist Igbo, die Sprache Nigerias und bedeutet wörtlich „Wie schön diese Welt, doch wenn Gott seine Hände wegnimmt, geht alles kaputt.“ Es ist kein klassischer Rap-Song, er fällt mehr in den Trap, Mega selbst nennt das „African-Trap“ und ich finde das passt am besten. Er hat sich mit Musa und Patrice sogar starke Unterstützung geholt, die selber als afrodeutsche Künstler im Hip-Hop bzw. Reggae bekannt sind. Besonders gefällt mir, dass die Hook von Megaloh’s Mutter kommt und ein nigerianisches Kinderlied ist. Denn die Hook ist eher eine Beurteilung des Lebens als Afrodeutscher in einem weißen Land. Aus diesem Konflikt (Schwarzer in einem weißen Land) heraus ist Megaloh auch Rapper geworden: In den Medien fehlten die schwarzen Vorbilder, die er nur im Hip-Hop finden konnte. Er sagt dazu „wenn du dir vorstellst, dass du fernsiehst und niemand der Leute mit denen du dich zu identifizieren versuchst aussieht wie du“ und ich denke wenn ich mir diesen Konflikt vorstellen könnte, dann würde ich auch in die Richtung gehen, in der ich Vorbilder finden kann. Die Hook geht spätestens nach dem zweiten Spielen in Mark und Bein über und dann verlässt einen der Song auch nicht mehr. Das zieht sich durch das Album. Mega’s Tracks bleiben schnell in deinem Kopf hängen und geistern da umher. Man muss einfach über seine Musik nachdenken. Das Album ist gespickt mit Perlen wie Exodus zusammen mit Afrob und Samy Deluxe, Max Herre und Gentleman. Der Song spiegelt pure Gesellschaftskritik wieder, da alle Konflikte sich auf einen Kernkonflikt zusammenfassen lassen können: Arm gegen Reich, Proletariat gegen Regierung, Die Kurden gegen die Türkei. Die Hook von Gentleman ist dabei auf den Punkt:

„I see People going to and from
Say they got to find somewhere to go
In a system that is so unjust
There goes another Exodus
What I see is a mass migration
Another Movement of the nation
When the people don’t know who to trust
There will always be an Exodus”

Das ist natürlich auch ein Querverweis auf die Flüchtlingskrise. Die Leute kommen hier her und die gesetzten Bürger können den Flüchtlingen nicht vertrauen. Und so wird es zwangsläufig zu einem Exodus kommen. Besonders packt mich an dem Song, wie gut Afrob, Samy, Max und Megaloh zusammen mit Gentleman klingen. Das versetzt mich ein wenig zurück ins Jahr 1999 zu den En Directo-Konzerten. Dabei klingt Mega’s Rap aber nie eingestaubt, sondern sein Flow ist immer frisch wie der erste Morgentau. Dieses Gleichgewicht zu beherrschen, ist in Deutschland nur wenigen Künstlern vorbehalten.
Was bleibt zu Mega’s Platte zu sagen? Ist er der Regenmacher? Meine Antwort ist hier ein Nein. Er ist einer der begabtesten Rapper Deutschlands, keine Frage, aber auch auf Regenmacher ist er nicht mehr geworden als er ist. Aber ich denke, dass er das auch gar nicht möchte. Er will mit seiner Musik berühren und das schafft er 2016 wie 2013 oder 2010. Er bleibt ein Ausnahme-Talent, das unseren Blick ein wenig mehr für die afrikanische Kultur öffnen kann.

4 Responses

  1. Ares

    Großartig. Ich habe am Wochenende zum ersten Mal reingehört und lese dann 3 Tage später hier die Rezension 😀

    Antworten
      • Ares

        Großartig. Ich kannte Megaloh zwar schon vorher, aber ich war verblüfft, wie einprägsam seine Songs sind. Ich hab seit Tagen einen Ohrwurm von „Regenmacher“
        und höre mir einmal die Stunde „Exodus“ an, das sind auch meine persönlichen Favoriten des Albums. Lyrisch passt es gut in die Ecke Max Herre und Co., was es sowieso dafür prädestiniert in meiner Playlist zu landen. Bin aber durchaus positiv überrascht gewesen. Like it!

      • Ares

        Was heißt „lyrisch passt es gut…“. Muss es ja, da es nicht das erste Feature dieser Musiker ist, das auf dem Album erscheint. Das bezog sich nur darauf, dass klar war, dass mich das Album überzeugt :D.

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