Macklemore & Ryan Lewis haben ihr neues Album am Freitag veröffentlicht und ich habe es am Wochenende die ganze Zeit gehört. Daher nun meine eigene Rezension zu dem Album mit dem wohl sperrigsten Titel 2016.

Das Album beginnt groß mit dem Song „Light Tunnels“. Dort behandelt Macklemore seine Erfahrung als erfolgreicher Musiker. Seine Homies können nicht zu den Veranstaltungen kommen, zu denen er eingeladen wird, dafür sitzt er bei Beyoncé, Jay-Z und Taylor Swift. Daher nehme ich an, dass es sich um die Grammys handelt, da er nur Musiker nennt. Wenn im Refrain dann Mike Slap singt:

„So thats who we are
Just like the Stars”

Kann man nur eine Gänsehaut bekommen. Aber am meisten flasht mich der dritte Part. Das ist mehr oder weniger eine Dankesrede für den Preis den Mack und Ryan gerade bekommen haben und Macklemore schließt mit den Worten:

„Time to explain this unruly mess I’ve made”

Dabei geht es darum, dass The Heist ein sehr radioaffines Album geworden ist. Mit dieser letzten Zeile wird bereits der weitere Verlauf des Albums klar: Mack will sich zurückberufen auf den klassischen Hip Hop. Hats geklappt oder ist es wieder ein Pop-Rap-Album?

Weiter geht’s mit Downtown. Feature-List? Grandmaster Caz, Kool Moe Dee, Melle Mel, Eric Nally. Große Liste, große Rap-Nummer, Jazziger Refrain, alles in allem ein Song der sehr gut gefällt. Worum es geht? Mopeds. Ja, richtig, Mack kauft sich am Anfang des Songs ein Moped und fährt damit nach Downtown. Das ist so ziemlich die gesamte Handlung, was den Song sehr spaßig macht. Macklemore beweist mit dem ersten Song, dass er auch lustige Songs wie Thrift Shop machen kann ohne poppig zu klingen.

Der dritte Song „Brad Pitt’s Cousin“ ist einer meiner Favoriten auf dem Album. Darin sagt der Rapper aus Seattle, er sei Bradd Pitts hässlicher Cousin, aber „When you’re drunk at the wedding, you still gon‘ fuck him“ – Worauf dann der Refrain zusammen mit XP folgt, in dem er noch einmal bestätigt, dass Brad Pitt sein Cousin ist. Der geilste Part ist aber der Anfang des Ganzen: Mack macht einen Instagram-Account für seine Katze und sie hat mehr Follower als du, wobei mit „du“ so ziemlich alle anderen Rapper gemeint sind. Er gibt seiner Katze Cairo sogar eine eigene Zeile, nämlich „Meow“. Der Song ist ein Clubplayer, da er basslastig ist und eine eingängige Hook hat. Das gefällt mir an dem Song, aber das Album gibt mehr her, wie zum Beispiel Song Nummer vier, „Buckshot“.

Der vierte Song behandelt eine der größten Traditionen des Hip-Hops: Das Taggen oder auch Graffiti bzw. neudeutsch Streetart. Sehr klassischer Raptrack, mit gerappter Hook und mit KRS-one und DJ Premier sehr begabte aber unbekannte Künstler. Auch das zieht sich durch das Album: Es gibt nur einen Song ohne Feature, was bei zwölf Songs schon sehr wenig ist. Doch die Features sorgen für eine sehr krasse Abwechslung, was mir persönlich sehr gut gefällt.

Der fünfte Song ist „Kevin“ mit Leon Bridges. Dort geht es um Mack’s Bruder der an einer Medikamtenüberdosis gestorben ist. Dabei kritisiert er das gesamte Pharma-System. Wenn er dann sagt „He was gonna quit tomorrow, we’re all gonna quit tomorrow“, dann hält das auf grausam-ehrliche Weise einen Spiegel ins Gesicht. Wenn wir krank sind, bekommen wir Medikamente. Auch das erklärt Macklemore kurze Zeit später: „Got Anxiety? Better go and give him Xanax. Focus, give him Adderall, sleep, give him Ambien“ und in der Welt ist es so. Das Kind konzentriert sich nicht? Hier das Rezept für Ritalin. Du kannst nicht schlafen? Hier ein Schlafmittel. Kopfschmerzen? Aspirin! – So sieht es heute aus. Dabei hilft bei Kopfschmerzen Ruhe, beim Schlafen das Handy einfach mal auszumachen und wegzulegen und nicht ständig Angst zu haben, etwas zu verpassen. Im Refrain kommt dann der Schluss aus dem Ganzen: An den Doctor richtet Leon Bridges: „All this is on you, we’re overprescribed“. Obwohl dieser Song emotional so hart ist, kann man nicht anders, als bei dem melodischen Beat einfach stumm mitzunicken. Obwohl der Beat perfekt fürs Radio wäre, so ist er es aufgrund der offenen Gesellschaftskritik nicht mehr. Das wollte Mack mit This Unruly Mess I’ve Made erreichen. Er will seine Meinung sagen und sich nicht verstellen. Das ist respektabel, weil er damit nach dem Megaerfolg von The Heist Einbußen befürchten müsste. Das zeigt, dass das Schreiben für Mack nicht zwangsläufig auf die Millionen aus ist, was er auch später weiter ausführt.

St. Ides ist der sechste Song des Albums. Eine kurze Recherche hat mich darüber aufgeklärt was St. Ides ist: Es ist ein amerikanisches Bier mit 8,5% Alkohol. Daraus ergibt sich auch die Handlung des Songs. Macklemore spricht über Familie und die Kleinigkeiten des Lebens, also das, wofür man nicht die Millionen auf dem Konto braucht. Es klingt wie ein typisches Gespräch nach 2-3 Bier, wie es jeder von uns schon geführt haben wird. Ich finde den ruhigen Flow von Mack auf dem Song zwar sehr entspannend, aber mein Fall ist es nicht so ganz.

Need To Know ist Selbstkritik. An Mack und seiner Karriere. Er sagt, dass er seine Meinung nur sagen sollte, wenn er gefragt wird. Daraufhin gibt er einen sehr tiefen Einblick in seine Persönlichkeit. Doch es ist vergleichbar mit Prinz Pi: Trotz der sehr persönlichen Sichtweise gilt der Song für uns alle. Das wird besonders deutlich in der Zeile „I’m tryna find God through a purchase, I’m not tryna go to church“. Das ist deutliche Kritik an der heutigen Gesellschaft. Der Refrain ist das Gegenstück zur Strophe. Dort singt Chance, the Rapper:

„I’mma tell you what you need to know
I’mma tell you what you need to hear
Cause the truth would be too much”

Auch das ist exemplarisch für die heutige Gesellschaft. Wir reden über die oberflächlichen Themen, da die Wahrheit oft zu viel wäre. Dieser Widerspruch zwischen Hook und Strophe ist für mich so genial, das ich den Song teilweise 10 Mal hintereinander gehört habe. Es gibt nur einen Song, der noch häufiger in meinem Kopf lief: Dance Off

Dance Off ist ein richtiger Dance-Track. Er beginnt mit Idris Elba – Ja der Schauspieler aus der BBC-Serie Luther:

„I challenge you to a dance off
Hands off, no trash talk no back walk
On the Black top, just me, you, that’s all
No cat calls, no tag teams, no mascots
Right Now, Dance off”

Diese tiefe Stimme perfekt auf dem Beat löst bei mir sofort eine Gänsehaut aus. Wenn dann Macklemore einsetzt und nebenbei noch kurz einen Oma-Diss einbringt muss man Grinsen. Allerdings ist Idris Elba nicht der einzige Feature-Gast. Den Anderen kennt der geneigte Leser bereits: Anderson .Paak (Gesprochen: DotPaak). Da ich ein großer Fan von Paak’s Stimme bin, mag ich den Song sehr. Allerdings ist er sehr radioesque. Vergleichbar mit Can’t hold us von The Heist. Es würde mich nicht wundern, wenn man den Song bald im Radio hört. Da es aber auch aus Marketing-Gründen notwendig ist und es dieses Mal nicht ganz so viele Songs sind, wie auf The Heist, bin ich zu frieden. Ingesamt sind es zwei: Der andere ist „Let’s Eat“, wieder mit XP an Bord, wie schon auf Brad Pitt’s Cousin.

In Let’s Eat geht es darum, dass Mack abnehmen will, aber „I love fried shit.“  Referenzen zu Hugh Jackman, Ben Affleck, Batman, Matt Damon und Paleo-Diäten inklusive. Vieles davon kenne ich selbst von mir. Am ehesten noch die Zeilen:

„My girl shaped like a bottle of coke
Me? I’m shaped like a bottle of nope”

Ich finde den Song zwar klasse, da er das Album bei aller Kritik auflockert, allerdings ist er halt genauso Unruly Mess, wie die Radio-Songs von The Heist. Aber man merkt dem Album an, dass er definitiv ehrlicher geworden ist. Aber er hat auch wieder mehr Spaß am Hip-Hop. Das vereint Song Nummr 10 am besten: Bolo Tie zusammen mit dem Rapper YG aus Compton.

Dort beginnt Mack seine Reise in der Grundschule, wo ihm bereits gesagt wird, dass er niemals genügen wird. Dann geht es schnell weiter mit der ersten Frau, die immer nur ein Haus, einen Ring und ein sicheres Leben wollte. Aber Mack hat genau das nie getan. Er hat keinen Nine-To-Five-Job und alles in allem mit einem unsicheren Leben zu kämpfen. Seine Karriere kann nach jedem Album vorbei sein und dann steht er ohne Beruf da. Aber im Refrain geht’s dann im klassischen Rap-Slang los.

„Motherfucker you ain’t my accountant
You don’t know what I’m doing“

Niemand hat das Recht, Mack zu kritisieren, da niemand seine Beweggründe versteht. Ich bin Fan von harten Rapnummern und da sind Beat und Flow einfach perfekt synchron. Hart, basslastig und einfach wie ein Schlag ins Gesicht.

The Train behandelt das Leben auf Tour. Wenn man so viel Zeit im Zug verbringt, dass man irgendwie nirgendwo ist. Ein sehr persönlicher Track, mit sehr melodischem Beat und spanischer Hook von Carla Morrison. Dort singt die mexikanische Indie-Pop Musikerin „Otra Cuidad, Otra Vida“ – wörtlich übersetzt: „Andere Stadt, anderes Leben“. Das fügt sich perfekt in das Motto des Songs ein. Wenn man so oft Zug fährt, dann lebt man mehrere Leben. So ist es beispielsweise auch bei einer Fernbeziehung: Das Leben zuhause, das Leben im Zug und das Leben beim Partner. Daher kann ich mich mit dem Song sehr gut identifizieren. Da ich außerdem die spanische Musik sehr mag, gefällt mir auch die einzeilige Hook sehr gut.

Nun kommt der Song über den ich mir seit Freitagmorgen Gedanken mache: „White Privilege II“

Der Album Closer beinhaltet jede Form von Kritik, die es gibt. Selbstkritik, Gesellschaftskritik und das, was Konservative als Kritik bezeichnen. Der musikalische Teil ist schnell abgehandelt: 8:45 Spieldauer, mehrere Beat- und Flowwechsel und der Song zeigt das gesamte Können von Macklemore. Er spielt mit seiner Stimme, sie wird härter und an einer Stelle sogar weiblich. Handlungsgrundlage sind die „Black Lives Matter“-Proteste in den USA. Im letzten Jahr wurden ja viel schwarze Menschen von der Polizei erschossen. Daraufhin entwickelten sich zwei Positionen: Die, die sagen, dass die Polizei nicht tun kann, was sie will gegen die, die der Meinung sind, dass die Leute selbst Schuld sind. Dabei übt Mack auch Kritik an sich selbst. Er sagt, er hat die schwarze Kultur genutzt aber setzt sich nicht für sie ein. Er macht sich Vorwürfe. Außerdem stellt er eine Mutter da, die sagt, dass sein Hip-Hop der einzige ist, den ihre Kinder hören dürfen, da sie die ganzen Themen der Schwarzen zu negativ findet. Auch die Proteste:

„Even the protest outside, so sad, and so dumb
If a cop pulls you over, it’s your fault if you run”

Das Ganze ist gespickt mit Zitaten aus den Medien. Am Ende setzt die Afro-Amerikanische Sängerin Jamilia Woods ein und erklärt:

„Your Silence is a luxury, Hip Hop is not a luxury (4x)
What I got for me, It is for Me
What We made, we made to set us free(3x)”

Das, finde ich, fasst Hip-Hop am besten zusammen. Hip-Hop ist Teil der schwarzen Kultur und schon Martin Luther King erklärte, dass die Weißen irgendwann begonnen haben, die Dinge stillschweigend zu akzeptieren, auch wenn sie ihnen nicht gefielen. Natürlich ist das einfacher, gerade wenn man nicht der diskriminierte Teil der Gesellschaft ist. Außerdem ist Ungerechtigkeit niemals richtig. Der Song ist sehr hart, da er einem einen Spiegel vorhält. Keiner von uns ist damit zufrieden, was Pegida in Deutschland tut, aber wie viele von uns laufen gegen Pegida bei Demos? Wie viele helfen Flüchtlingen? Die Wenigsten, weil nichts tun immer noch angenehmer ist. Als der Song das erste Mal vorbei war, habe ich erst 2 Minuten später gemerkt, dass ich keine Musik mehr höre, da ich immer noch über den Song nachdenken musste.

Aber was bleibt zum Album zu sagen: Ist Macklemores „This Unruly Mess I’ve Made“ tatsächlich die Befreiung von den Zwängen des Pop? Nicht ganz. Es ist definitiv ein richtiges Hip-Hop-Album aber mit Songs wie Dance Off und Let’s Eat sind immer noch deutliche Pop-Einflüsse zu hören. Aber es bleibt ein grandioses Album eines Ausnahmekünstlers, der mit Kevin und White Privilege II deutlich Kritik an der amerikanischen Gesellschaft übt. Ich würde Mack und seinem Produzenten Ryan Lewis daher bei einem 10 Punkte-System eine solide 8 geben.

Und am 12.3. präsentiert Der Bomber der Herzen das deutsche Auftakt-Konzert in der Lanxess-Arena in Köln, Karten gibt es bei Eventim noch. Ich denke ich werde mir wohl eine Karte holen und mir Macklemore live anhören. Werde ich euch treffen?

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

7 + 8 =