Meine Augen schweifen durch die Gegend, während ich mit der Hand an der Brust vor meinem Spiegelbild stehe und auch mir eingestehen muss: Ja, auch ich habe mir schon einmal die “Zehn Dinge, warum Single-Sein doch gar nicht so schlimm ist” durchgelesen. Hatte ich das wirklich nötig? Oder war das einfach auch ein Tab, den ich beim scrollen durch Facebook geöffnet hatte? Möglich. Denn die Gedanken an die Liste vermischen mit dem Expertenrat, welcher besagt, dass ein Glas Milch am Tag doch gar nicht so gesund sei!
Glaube ich also nun dem Milch-Mythos und höre auf, jeden Morgen zu meinem Nutellatoast ein Glas Milch zu trinken oder freue ich mich, dass ich als Single mein ganzes Brot für mich alleine habe? Und das Glas Milch natürlich auch!

Weder das eine noch das andere streifen mich mehr als peripher. Und trotzdem mache ich weiter und öffne Artikel, deren Überschriften mir versprechen, dass Single sein supercool ist, mir Tipps geben, wie man total gut bei den Jungs ankommt und die mir aufführen, welche der folgenden zehn Sätze Single-Mädchen einfach nicht mehr hören können. Will ich mich darin wiederfinden, wenn ich bei Letzterem etwas lese wie: “Ach, irgendwann kommt schon dein Prinz!”? Oder mich bestätigt fühlen, wenn mir als Tipp gegeben wird, dass Jungs total auf lachende Mädchen stehen? Ich bin einfach nicht so oft ein Kind der Traurigkeit: Bei mir müssten doch nun schon alle Schlange stehen, oder? Vielleicht liegt es daran, dass nicht immer alle Ohropax dabei haben und meinen nicht ganz elfengleichen Klang konsumieren müssen. Und Entschuldigung, aber wenn ich Platz in meinem Bett möchte, dann nehme ich mir den auch! Liege neben mir, wer wolle! Das sollte definitiv nicht zu den zehn Single-Vorteilen gehören!

Außerdem fühle ich mich überrannt von diesem ganzen “Hey, es ist okay, Single zu sein!”. Genau wie “Hey, es ist okay, homosexuell zu sein.” Natürlich ist es das! Es ist vollkommen normal! Aber danke, dass ihr mich die ganze Zeit daran erinnert. Denn: Genau, manchmal vergesse ich, dass mich zuhause gar keiner erwartet, der frische Rosen in eine neue Vase gestellt und meine Kuscheldecke vorgewärmt hat. „Hallo Jolie, na, lieber Lachssteak auf Gemüsereis mit Broccoli oder Penne al Promodoro zu einem leckeren Schluck Wein?“ Schnulzen sagen mir schon oft genug, dass es einfach zum Leben dazugehört, auch mal mit Chips und Cola auf dem Sofa zu liegen! Das andere Zeugs will ich gar nicht.

Wir sind keine Spezies, die man ermutigen muss, weiter zu gehen. Wir denken es einfach nur, weil es uns so aufgehalst wird! „Ernährt euch gesund!“ – „Oh, oh man, ich glaub, ich ernähre mich total ungesund!“ lässt sich also locker mit „Fühlt euch nicht einsam!“ – „Oh man, ich glaube, ich bin einsam!“ abgleichen. Arbeiten so nicht auch Sekten? Seid ihr, ihr vergebenen Halunken, vielleicht zu einer Einheit geworden? Eine Einheit, die versucht, den Hinterlassenen, den Singles zu zeigen, dass es zu zweit viel schöner ist und es unabdinglich bleibt, sich früher oder später zu paaren? Seid ihr es also auch gewesen, die Dating-Apps erfunden haben?

Von denen werde ich mich nämlich erst einmal fernhalten. Deswegen möchte ich auch eigentlich nicht sehen, welche Profilfotos was genau über mich aussagen. Danke, aber nein danke, liebe Foto-Experten, die ihr wahrscheinlich Profilfotos studiert habt. Denn nur, weil ich ein Foto mit einem Babywelpen habe, heißt es nicht, dass ich tierlieb bin, sondern einfach nur zufällig ein super seltenes, rattenscharfes Grinsen aufgelegt hatte, während mir diese kleine Kröte fast auf meine Hose gepinkelt hätte.

Aber ich habe auch eigentlich eh keine Fotos mit Hunden. Meistens habe ich Fotos mit Essen. Na? Was sagt das über mich aus? Dass ich einen guten Stoffwechsel habe, weil man es mir nicht ansieht? Tja, dann habt ihr den unteren Teil meines Körpers noch nicht gesehen, liebe “Oben-Ohne-Sportler” und “Vor der Party eben noch ein Selfie”- Macher. Ach, und außerdem habe ich keine Lust auf ständiges Handyvibrieren. Dann kann man mal nicht mal in Ruhe den Mittagsschlaf machen. Ich möchte mich auch nicht bei der Frage “Und? Was guckste gerade so?” dafür rechtfertigen, dass ich “Auf den Spuren des Hobbits” gucke, obwohl ich weder “Herr der Ringe” noch “Der Hobbit” gesehen habe. Und dann möchte ich auch nicht erzählen, warum ich beides noch nicht gesehen habe. Nein, ich möchte es auch nicht mit dir sehen. Lieber.. “Vom PC-Licht angeleuchteter Webcam-Fotografierter”.
Aber komisch, dass ich diesen Dialog in meinem Kopf schon einmal durchgegangen bin.

Und wenn ich doch noch so tun möchte, als würde ich Singles ermutigen wollen, obwohl sie es natürlich nicht nötig haben, dann sollte ich diesen Abschnitt wohl in dicken Buchstaben stehen lassen:
Vielleicht ist das das Gute am Single sein: Ich kann mich im Stillen über Dinge aufregen, von denen ich eigentlich keine Ahnung habe und die von anderen vielleicht widersprochen werden. Zynismus als Weg zum Glücklichsein! Ja, vielleicht kommt bald irgendwann mal ein Traumtyp. Aber bis dahin lese ich erst einmal Dinge, die ich eigentlich verurteile und denen ich nicht glaube, entscheide mich gegen die Jungs, dessen Schuhe mir nicht gefallen und trinke ein Glas Milch, während ich durch unsinnige Artikel scrolle. Dann lege ich meine Hand von der Brust, setze mich aufs Bett und füge einen weiteren Punkt hinzu: “Und bleibe ich selber, mit offenen Augen und einem offenen Herzen.”

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