„One-Hundred and Eighty“ hallt es durch den Alexandra Palace. Das Publikum tobt. Wir sind bei der Weltmeisterschaft im Darts in London. Jetzt denkt jeder: Darts? Das ist doch noch nicht einmal Sport. Doch, ist es. Und ein faszinierender auch noch dazu. Warum? Das erkläre ich euch im folgenden Text.

3.000 Zuschauer, ungefähr dreimal so viel Bier auf jeden Zuschauer, Kneipen-bzw. Stadionatmosphäre, etwas kräftigere Menschen auf der Bühne, die Pfeile auf ein Board werfen. Dazu leicht bekleidete Mädchen, die nett lächeln oder tanzen. Das ist das Bild, was Darts für den Nicht-Kenner und gemeinen Fernsehgucker bildet.

Aber dahinter steckt ernsthafter, anstrengender, millionenschwerer Sport. Gut, ich muss zugeben, dass die Protagonisten mit Ausnahme der sogenannten „Walk-on-Girls“ wirklich nicht allzu sportlich aussehen. Allein schon die „Walk-Ons“ der Spieler sind pure Inszenierung für sich. Die Spieler sind eine Marke, angefangen bei Phil Taylor, dem wahrscheinlich besten Spieler aller Zeiten, über Michael van Gerwen bis hin zu Peter Wright, der, nun ja, gewagte Frisuren und Outfits trägt.

Aber dieser Sport spielt sich eher im Kopf ab. Es geht vordergründig um Konzentration. Eigentlich geht es nur um Konzentration. Und um Nervenstärke.

Ein Spiel kann, wenn es nahe ans Finale geht, schonmal an die 90 Minuten dauern. Das geht an die Substanz und die Konzentration muss aufrecht erhalten werden. Wenn dann noch die Zuschauer im Hintergrund lauthals vom „Taylor-Wonderland“ oder anderem singen, kommt das noch erschwerend hinzu. Dazu kommt noch der immense Druck, jetzt dieses kleine, nur 8 Millimeter große Doppel-oder-Triple-Feld zu treffen, um ein Leg oder ein Set zu bekommen. Das höchste Feld ist übrigens nicht das Bulls-Eye (der rote Kreis in der Mitte des Boards), sondern die dreifache 20 (Triple 20), womit man auf 60 Punkte kommt.

Kurz zu den Regeln eines Spiels, falls diese nicht geläufig sind: Bei der WM geht es darum, als erstes von 501 Punkten genau auf 0 zu kommen. Man darf nicht auf -5 kommen, dann hat man sich überspielt. Jeder Spieler hat drei Würfe pro „Aufnahme“. Auf dem Board sind Felder mit Werten von 1-20 vorhanden. Jedes Feld, außer das Bullseye hat ein Doppel- und ein Triplefeld, was die bevorzugten Felder sind. Um auszumachen, das bedeutet, ein Leg oder ein Set zu gewinnen, muss man ein Doppelfeld treffen. Wenn zum Beispiel 40 Punkte übrig sind, wirft man auf die Doppel-20, um auszumachen. Anders als in anderen Sportarten wie Fußball, Basketball, Handball, etc. gibt es das „perfekte Spiel“, den sogenannten „Nine-Darter“. Dabei braucht der Spieler nur drei Aufnahmen, sprich 9 geworfene Pfeile, um auszumachen. Für das Werfen eines „Nine-Darters“ bekommt man übrigens eine Prämie. Sehr lukrativ und besonders dafür geeignet, das Publikum in Ekstase zu versetzen.

Was mir an diesem Sport besonders gefällt, ist die Schnelllebigkeit. In dem einem Moment scheint man schon abgeschlagen hinten zu liegen, zwei Minuten später hat sich alles gedreht. Es geht um Minuten, Sekunden, Zentimeter, ja sogar Millimeter. Und es geht um tausende Pfund. Der letztjährige Sieger der Weltmeisterschaft, der Schotte Gary Anderson, bekam alleine für seinen Triumph im WM-Finale gegen Phil Taylor 250.000 Pfund. Insgesamt kam er auf eine Summe von 356.000 Pfund! Und das für ein Zwei-Wochen-Turnier.

In diesem Sport ist alles möglich. Man kann ein 0-6 noch in ein 7-6 drehen, man kann einen haushohen Favoriten als krasser Außenseiter schlagen. Klar, die Möglichkeit gibt es im Fußball oder in anderen Sportarten auch, nur beim Darts ist die Wahrscheinlichkeit unweit höher und deswegen ist jedes Spiel spannend. Kein Spieler der Welt kann sich sicher sein, zu gewinnen. Vor allem, weil immer ein Ziel vorgegeben ist. Es geht, außer bei einem Turnier, nicht auf Zeit, sondern auf gewonnene Legs (ein Durchgang, bis der Erste von 501 Punkten genau auf 0 gespielt hat) und/oder Sets.

Es ist einer der schnelllebigsten Sportarten die ich kenne, und gleichzeitig auch eine der spannendsten.

Zu den spannenden Spielen kommt das euphorische Publikum. Es herrscht immer Stadionstimmung, gepaart mit der Geselligkeit einer Kneipe. Dort hat die Sportart ihren Ursprung und, obwohl sie mittlerweile sehr professionell ist, schwingt in jedem Spiel ein bisschen Kneipengefühl mit.

Heute Abend startet die WM 2016. Deutschland hat drei WM-Starter, Rene Eidams, Jyhan Artut und Max Hopp, den Junioren-Weltmeister. Sport 1 überträgt mehr als 92 Stunden der WM dieses Mal. Und wer denkt, es wäre einfach, diese Felder zu treffen, der kann es gerne einmal ausprobieren. Wer auf Anhieb einen Schnitt von 100 Punkten schafft, meldet sich bitte bei mir, ich werde gerne Manager!

 

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