Es ist also durch. Großbritannien tritt aus der Europäischen Union aus. Die europäische Idee, die 1945 wiederbelebt wurde und 1957 in der EWG eine erste Begründung fand, steht vor ihrem Zusammenbruch. Nigel Farage, seines Zeichens britischer Nationalist und einer der größten Brexit-Befürworter sagte angesichts des Sieges seiner Bewegung: „Lasst uns Brüssel, die Flagge, die Hymne und alles was schief gelaufen ist, abschaffen und ein Europa der souveränen Nationalstaaten schaffen.“ Mein erster Gedanke war simpel. „Bist du völlig bescheuert Nigel?“ Wie ein Europa aus souveränen Nationalstaaten aussieht haben wir bis 1945 erleben können. Ein solches Europa besteht aus einem Wort: Krieg. Kaum ein Kontinent ist so kriegsgeschädigt wie das Europa des 8. bis 20. Jahrhunderts. Anstatt dass die ganzen Rechten Vollidioten froh sind, dass wir mittlerweile in einem Europa ohne innere Kriege leben, nein sie wollen das wieder abschaffen. Das kann doch nicht deren Ernst sein. Nach dem Sieg für den Brexit hat Geert Wilders, von der niederländischen Partei der Freiheit bereits ein solches Votum für die Niederlande gefordert. Als wäre das alles noch nicht schlimm genug, machen mich die Statistiken zur Abstimmung wirklich traurig. Denn der Brexit war eine Entscheidung der Generation 40+.

 

Der Tweet von Lydia fasst das perfekt zusammen. Die Alten haben eine Entscheidung getroffen, mit der die junge Generation leben muss. Die 18-29-jährigen sehen ihre Zukunft in Europa, in der EU. Und was genauso schlimm ist: Nordirland und Schottland haben sich mehrheitlich gegen einen Austritt ausgesprochen. Staaten, die in einer Union sind. Mit England und Wales. Und jetzt überlegt mal: Die Schotten haben schon einmal ein Referendum über ihre Unabhängigkeit abgehalten. Und wenn ich ein Volk kenne, dass stur genug ist, sich aus einer Union mit England und Wales zu lösen, um dafür in der größeren Union zu überleben, dann sind es die Schotten. Und während ich das hier schreibe und kurz auf Twitter blicke, folgende Nachricht: Die Schottische SNP strebt ein erneutes Abspaltungsreferendum an. Bald könnte es also eine EU mit und ein Großbritannien ohne Schottland geben. Wenn die Schotten, die als geizig gelten, in der EU bleiben wollen, dann scheinen die Kosten die Leistungen auszugleichen.

Jeder denkt, die EU sei so schlimm, weil sie nur Geld kostet. Äh ja, Schnauze halten jetzt. Die EU ist das verdammt nochmal beste, was uns je passiert ist. Überlegt mal es gäbe keine EU. Wo bekommt ihr die Uncut-PEGI-Spiele her, die ihr immer aus Österreich bestellt? Ach ja, gibt es nicht mehr, weil ihr Zoll zahlen müsstet. Anderes, simples Rechenbeispiel: Deutschland ist einer der größten Auto-Exporteure der Welt. Wo denkt ihr müssen die Autos hin? Die werden nicht geschlossen in den USA oder China verkauft, sondern hier – in der EU. In London ist ein Porsche genauso ein Statussymbol wie in Berlin (okay, Berlin ist ein anderes Thema). Aber selbst, wenn es uns wirtschaftlich ohne die EU besser gehen würde (das möchte ich arg bezweifeln), so gibt es noch andere Gründe, wieso die EU gut ist.

Wir zahlen vielleicht viel für die EU. Aber kann man einen Preis an Frieden und Einigkeit hängen? Ist den ganzen „besorgten Bürger“ (a.k.a. Volldeppen) und EU-Kritikern (a.k.a. Geschichtsfachdeppen) ein Europa souveräner Nationalstaaten lieber, wo der nächste Krieg nur um die Ecke lauert? Ich habe bis zum Schluss gehofft, dass die Briten richtig entscheiden, aber die Grundsätze der Demokratie sind halt einfach: Das Volk ist dumm. Das zeigt auch das Plus von 250% auf Suchanfragen nach „what happens if we leave the EU“ – Die Brexit-Befürworter haben gewählt und dann geguckt, was das eigentlich für sie bedeutet. Das ist wie sich ein Auto zu kaufen und NACH dem Tanken gucken, ob das Auto wirklich Super tankt, obwohl Diesel drauf steht. Wie die Briten so schön sagen „The damage is done“ – Die Milch ist verschüttet.

Was in der Nacht von Donnerstag auf Freitag ans Licht kam ist ein Armutszeugnis für die gesamte EU und im Besonderen für UK. Ich war letzten Samstag in einem Irish Pub in Düsseldorf und habe aus Interesse einige Briten gefragt, wie sie das Referendum sehen. Eine Antwort hat mir besonders gefallen: „Ich habe in London keinen Studienplatz gefunden, aber durch die EU konnte ich mich problemlos auch an der Heinrich-Heine-Uni bewerben, wenn das nicht mehr möglich wäre, wäre das ein großer Verlust für uns,“ Und genau darum regen mich diese Statistiken auf. Mal wieder hat die grauhaarige Elite, die selber keine Ahnung mehr vom Leben hat, einfach entschieden, was für die Jugend besser ist. Die Briten, die 65+ sind, müssen nur noch 20 Jahre mit der EU leben, haben aber schon 43 Jahre damit gelebt (Das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland ist am 1. Januar 1973 der damals noch EG beigetreten). Wieso dann eure letzten 20 Jahre als souveräne Briten verbringen? Ihr seid keine Kolonialmacht mehr. Alles was ihr seit Ende des Commonwealth of Nations hattet, war eure Stellung als Fels in der Brandung für Europa. Ihr habt diese Wächterrolle geliebt. Und jetzt wo die Brandung etwas härter wird verschwindet ihr ans Land. Das ist schwach, liebe Briten, das ist wirklich schwach.

Trotz der Entscheidung ein Paradebeispiel der demokratischen Mechanismen

Aber eine Sache muss man über das EU-Referendum sagen. Egal wie es ausgegangen ist, es ist ein beispielloser Akt in Demokratischen Grundlagen. Das Volk hat entschieden. Es hat entschieden, seine eigenen Arbeitsplätze abzubauen. Das Volk hat entschieden, sich aus einer der größten Freihandelszonen der Welt auszuschließen. Das Volk hat entschieden, dass Großbritannien auch heute noch kein Teil von Europa sein will, sondern lieber der Verbitterte alte Mann auf dem Hügel. Aus der Ferne meckern könnt ihr gut, liebe Briten. Es wäre nur schön, wenn ihr wenigstens euch selbst die Chance gegeben hättet. Das wirklich schlimme ist…. Die Generation Europa, die am stärksten unter den Arbeitsplatzeinbußen zu leiden hat, wird keine EU haben, die helfend zur Seite springt. Die europäische Union ist der größte Erfolg dieses Kontinents. Sich nach 2 Jahrhunderten dauerhafter Kriege, gerade einmal 12 Jahre nach dem schlimmsten Krieg, den die Welt bis dahin gesehen hat, in einer Union friedlich zusammen zu setzen und von da an nie wieder Waffen und Heere gegeneinander zu richten ist geschichtlich ein einmaliges Ereignis. Die europäischen Unionsstaaten haben einen Teil ihrer Souveränität bewusst aufgegeben um gemeinsam in der Welt zu bestehen. Auch die Briten haben diese Entscheidung 1973 getroffen. Und 43 Jahre später haben sie entgegen aller geschichtlichen Vernunft ihre Mitgliedschaft weggeworfen. Und das in einem basisdemokratischen Verfahren. Das muss man respektieren. Cameron hat sich völlig verkalkuliert, aber er steht dazu und hat daher – völlig zu Recht seinen Rücktritt in drei Monaten angekündigt.

Mir fällt zum Brexit nur noch ein Song von Drake und PartyNextDoor ein:

It’s about us right now girl, where u going?
– Drake&PND – With You

In jedem Fall werden die nächsten Monate sehr interessant. Zum Abschluss noch den wohl passendsten Brexit-Comic:

 

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