Der Amoklauf von München war schlimm, das will ich in diesem Kommentar gar nicht bestreiten. Worum es mir geht, ist die Berichterstattung im Nachgang.

Meine Freundin wohnt in München, 6 Kilometer vom Olympia-Einkaufszentrum entfernt,. Das heißt, ich weiß, wie sich die Angehörigen von Menschen in der Nähe gefühlt haben. Dieser Freitag fühlte sich so unwirklich an, dass ich es nie vergessen werde. Wie sich jedoch die Menschen fühlen, die am Freitag ihre Lieben verloren haben, kann ich mir gar nicht vorstellen.

Beim Täter hat man keine Verbindung zum IS finden können. Die Berichterstattungen drehten sich anschließend nur um drei Punkte, die den Amokläufer direkt betrafen. Er litt an ADHS und Depressionen, womit er  in Therapie war. Außerdem spielte er in seiner Freizeit gerne Ego-Shooter, was mittlerweile im Volksmund gerne auch „Ballerspiel“ genannt wird. Das sind drei schöne Gründe, die man natürlich sofort nachverfolgen muss.


ntv stellte am Samstag bereits die Verbindung zu Ballerspielen her. Natürlich muss jemand, der Ego-Shooter spielt, gewalttätig werden. Das ist im Prinzip immer die erste Verbindung, die man herstellt. Ein Computerspiel kann nicht die alleinige Schuld für eine solche Tat tragen. Das ist eine Verzweiflungsbegründung für Medien, weil sie nicht verstehen können, wieso ein Mensch so etwas tut. Ein Computerspiel ist nämlich, egal wie gut die Grafik wird, am Ende des Tages nur eine Sache: Ein Spiel. Es macht doch einen großen Unterschied, ob man einen Controller in die Hand nimmt und auf Pixel schießt, oder  eine echte Waffe in der Hand hat und auf echte Menschen schießt. Verrohung durch Videospiele halte ich für unrealistisch.

Aber das war nicht das Einzige, das den Täter ausmachte. Denn wie die Bild erkannt hat, hatte der Täter auch ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. 

Eine psychische Erkrankung kann eine Rolle spielen, aber ADHS? Nicht. ADHS sorgt lediglich dafür, dass man eine geringere Aufmerksamkeitsspanne hat und einen erhöhten Bewegungsdrang. Das bedeutet nicht, dass ADHSler eine Waffe in die Hand nehmen und um sich schießen, sondern, dass sie nur sehr ungerne lange still sitzen bleiben. Das ist das gleiche wie bei den Ego-Shootern und der Flüchtlingsrolle. Wann immer ein Mensch in eine größere Gruppe passt, versucht man diese Gruppe unter Generalverdacht zu stellen. Wieso, versteht ihr nicht, dass es einfach bösartige Menschen gibt, die ohne jedes Zeichen von Reue, auf Menschen schießen? Dass ein Mensch unter jahrelanger Zermürbung von außen, sich nicht mehr anders zu helfen weiß?

Die dritte große Nachricht war natürlich, dass der Amokläufer an Depressionen litt und in Therapie war. Wer meine Texte verfolgt, kann sich vielleicht daran erinnern, dass ich zu dem Thema selbst schon mal berichtet habe. Depressionen sorgen dafür, dass man in ein tiefes Loch fällt, übrigens auch eine häufige Krankheit unter Mobbingopfern. Depressionen sind eine schlimme Krankheit, keine Frage, aber sie sind nicht schuld an einem Amoklauf. Sie nehmen dir den Blick für die schönen Dinge des Lebens, den Appetit für dein Lieblingsessen und das Gefühl, dass das Leben auch schön sein kann. Das ist hart, aber Depressionen bringen dich nicht dazu, eine Waffe in die Hand zu nehmen und zu schießen.

Was mich am meisten an all diesen Berichterstattungen stört, ist folgendes: Es banalisiert die Tat und verhöhnt die Opfer. Warum nicht die Gründe in der Gesellschaft aufdecken und solche Taten für die Zukunft verhindern. Nicht indem man depressive, AD(H)Sler und Gamer unter Generalverdacht stellt, sondern in dem man beispielsweise effektivere Mobbingprävention leistet. Indem man einem Deutschiraner trotz IS und Konsorten nicht das Gefühl gibt, ein Fremdkörper der Gesellschaft zu sein. Indem auch ein Sonderling die Möglichkeit hat, Teil der Gesellschaft zu sein. Indem wir jedem Menschen zeigen, dass er wertvoll ist, jeden Tag aufs Neue. Dazu müssen wir Vorurteile abbauen und Diskriminierung abschaffen. Die Tat aufdecken muss sein, aber ich glaube nicht, dass es hilft, die Gründe in Dingen zu suchen, die auf so viele andere auch zutreffen. Gebt den vielen traurigen Menschen in der Gesellschaft die Möglichkeit, ihren Schmerz in Kunst zu wandeln. Ein gutes Beispiel ist Matt Stone, einer der beiden Schöpfer von South Park. Er ging in Littleton auf die Heritage High School und war auch ein Außenseiter. Aber statt um sich zu schießen, fing er an Kunst daraus zu schaffen, indem er Probleme in der Gesellschaft aufzeigt. Doch heutzutage kennen wir Littleton nur durch den wirklich schlimmen Amoklauf an der Columbine High School, nicht wegen Matt Stone. Amokläufe sollten nicht entschuldigt werden. Gründe sollten wir aber auch nicht in Killerspielen oder psychischen Krankheiten suchen, sondern die Probleme in unserer Gesellschaft beheben.

Dazu hier auch abschließend ein Video von Kaas, dass sehr gut passt. „Amok Nachtrag“:

Abschließend sieht man, dass die Berichterstattung zu viele Menschen auf einmal unter Verdacht stellt und sie unzureichend ist. Vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an Depressionen- 3,1 Millionen an ADS oder ADHS. Und das Spiel Counter Strike wurde insgesamt 25 Millionen mal verkauft. Alle drei „Argumente“, die in der Berichterstattung zu hören waren, treffen auf mich zu. Bin ich deswegen Amokläufer?

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