Drakes Album ist zwar schon am 29.4. erschienen, aber es hat mich ein paar Tage gekostet, eine vernünftige Rezension zu schreiben. Das Album Views (vorher als „Views from the 6“ angekündigt) greift mal wieder klassische Themen auf: falsche Freunde, falsche Frauen, seine Erfolge und The 6, wie Toronto wegen der beiden Postleitzahlen 416 und 647 genannt wird. Und dazu der klassische Drake Flow, auf den ich später noch eingehen werde. Dass ich das Album seit einer Woche durchgängig höre, findet besonders Raphael nicht so geil, da ich immer noch nicht in Samys neue Platte reingehört habe. Seine Rezension zu „Berühmte Letzte Worte“ gibt es hier!

Grundsätzlich lässt sich Views in zwei Stimmungen einteilen: Sommer und Winter. Es zeigt die Emotionen, die man in Toronto übers Jahr hat. Sehr schöne Sommer, die Drake über Dancehall-Beats mitteilt und kalte Winter, die eher über langsame, amelancholische Beats vermittelt werden.

Arbeiten wir die Themen mal einzeln ab und fangen mit falschen Frauen an: Während es bei „U With Me?“ eher um Chats und Psychospielchen in einer kaputten Beziehung geht, zeigt „Feel No Ways“ eher eine sehr melancholische Sicht. Darum beginne ich auch mit den falschen Frauen. „U With Me?“ beginnt sehr interessant: Ein Freizeichen; darunter setzt der Beat ein. Gefällt mir sehr gut. Produzent ist Kanye West – und man kann von Yeezy halten, was man will, aber Beats kann er wirklich. Drizzy stellt in dem Song in einer sehr melodischen Singsangflow-Hook eine Frage: U wit‘ me or what? Es geht dabei um die Frage, die jeder von uns kennt. Wenn eine Beziehung stressig wird und man anfängt, Spielchen zu spielen, dann tritt die Frage in den Kopf „Bist du noch für mich oder gegen mich?“ Dabei bringt er in dem Song viele Anspielungen an, die auf den ersten Blick gar nicht so auffallen. Die erste ist direkt DMX. Die Raplegende und der 6God hatten in der Vergangenheit immer wieder Beef, dass der Song aber mit einer Line von DMX beginnt („What These Bitches Want from a nigga?„) kann darauf hindeuten, dass der Streit vorbei ist. Wer weiß. Aber die Frage zieht sich durch das gesamte Album. Drizzy scheint viel Mist mit Frauen erlebt zu haben, was er besonders auf „U With Me?“ zeigt. Dafür ist die Zeile „So much grey in our conversation history, you/playin‘ games when you sayin‘ things“ ein gutes Beispiel. Die Line habe ich am Anfang gar nicht verstanden, bis meine Freundin es mir erklärt hat: In iMessage sind erhaltene Nachrichten wohl grau hinterlegt. Drizzys Mädchen scheint ihn also mit Textnachrichten zu bombardieren, um Psychospielchen zu spielen. Daraufhin gibt er aber zu: „Playin‘ mime games, we both doin‘ the same thing“ (spiele Spiegelspiele, wir tun beide das gleiche). Er spielt also selber Spielchen mit ihr, was er aber auch zugibt. Das Ganze mündet dann in den grandiosen Refrain, bei dem man nur mitnicken kann

What types of games are bein‘ played/How’s it goin‘ down/If it’s on ‚til we gone then I gots to know now/Is you wit‘ me or what?/Yeah

Er will also von seinem Mädchen wissen, was zwischen ihnen noch ist. Die Zeile „If it’s on ‘til we gone then I gots to know now“ ist dabei sehr doppeldeutig: Einerseits: Geht die Beziehung der beiden noch weiter und andererseits gehen die Psychospielchen weiter. Darum auch die Frage „Is you wit‘ me or what„. Er will nur Klarheit haben.
Kleine Zwischeninfo: Auf dem Song ist auch die wohl grandioseste Zeile des Albums:

A lot of niggas cut the cheque so they can take this flow/A lot of niggas cut the cheque so they can take this flow

Bei den Zeilen wird er richtig laut und rappt beinahe aggressiv: Er sagt, dass er immer noch Angebote von anderen Rappern bekommt, ein Feature für sie aufzunehmen. Drizzy hat das aber nicht mehr nötig, obwohl er bisher für ein Feature laut Gerüchten bis zu 200.000$ bekommen hat. Aber er will niemanden mehr in seinem Namen pushen, den er nicht mag. Macht auch Sinn, denn er hat bereits auf If you’re reading this it’s too late angekündigt, dass er keine Features mehr macht, da er das Geld nicht braucht. 2015 und 2016 sind daher auch nur Features mit befreundeten Künstlern wie Future oder Rihanna entstanden. Gänsehautzeile.

Zum Ende hin verändert sich der Beat von „U With Me?“ und leitet über in „Feel No Ways„. Der ist thematisch zwar ähnlich, aber der Schluss ist ein anderer: Drake hat seine Beziehung mit dem Mädchen beendet und sich für seine Karriere entschieden. Die Frau versucht ihm deswegen ein schlechtes Gewissen einzureden, da er sie schlecht behandelt hat und seine Karriere ihr vorgezogen hat – womit wir wieder bei mind games sind. Sein Konter im Refrain ist dabei einfach wie genial: „And you don’t feel no way, you think I deserve it.“ Er erklärt, dass sie das falsch versteht, da er mit ihr immer nur im Bett lag und gekifft hat. Und für ihn gehört mehr zum Leben als sleeping in and getting high with you. Auch hier ist es wieder eine klassische Singsang-Hook von Drake, die gleichzeitig gerappt und gesungen wird. Der Song ist lyrisch um einiges kürzer als „U With Me?“, weswegen man ihn als Fortsetzung sehen kann. Das wird besonders in der Post-Hook klar:

Feel a way, feel a way, young nigga feel a way/I’ve stopped listening to things you say/Cause you don’t mean it anyway, yeah

Nach den mind games hat er das Mädchen verlassen und aufgehört sich für das zu interessieren was sie sagt, da er erkannt hat, dass alles besser gelaufen wäre, wenn er die Dinge so gemacht hätte, wie er das wollte. Also ist seine Lösung für Falsche Frauen: Aufhören zuzuhören und sich selbst beweisen, was man auch alleine schaffen kann.

Kommen wir zum nächsten Thema: Falsche Freunde. Das Album beginnt mit „Keep the Family close„. Der Song ist an Leute wie Nicki Minaj gerichtet: Alte Freunde, die keinen Kontakt mehr zu ihm halten. Denn seit dem Beef mit Meek Mill (Nicki’s Ehemann) ist es kühl um die beiden geworden. Sein Schluss aus dem ganzen ist relativ simpel: Behalte deine Familie nah bei dir. Der Song fällt sehr klar ins Winterthema des Albums, sowohl thematisch als auch vom Beat her, der sehr drückend daher kommt. Dennoch kann man Drake nur zustimmen: Die Familie und die besten Freunde sollte man schätzen, da besonders Drake aktuell erfährt, was das Problem ist, wenn man an der Spitze steht. Auf dem Cover von Views sitzt er auf dem CN Tower in Toronto, was metaphorisch für die Einsamkeit und Kälte an der Spitze steht. Wenn er dann in der Hook rappt

All of my „let’s just be friends“ are friends I don’t have anymore/How do you not check on me when things go wrong/Guess I should’ve tried to keep my family closer/Much closer

bekommt man schon eine leichte Gänsehaut. Das Zitat „let’s just be friends“ Ist dabei von Nicki Minaj entlehnt, die, als die Gerüchte um sie und Drake aufkamen, über ihn sagte „We’re just friends“. Aber mit dem immer noch andauernden Beef mit Meek Mill haben sich die beiden voneinander entfernt. Er ist zwar einer der erfolgreichsten Rapper, aber er hätte seine Familie lieber nah halten sollen.

Das Thema falsche Freunde führt er im Verlauf des Albums weiter, wobei er in den anderen Tracks eher auf seine Gegner schießt. Gutes Beispiel dafür ist der Track „Hype„. Der Song arbeitet mit einem basslastigen, drückenden Beat und beginnt mit einer jamaikanischen Zeile: „Man don’t live of a di hype, huh?„, was soviel bedeutet wie „Man, leb nicht nur vom Hype“ – Das bezieht sich auf das sehr erfolgreiche Jahr 2015. Drake hat die beiden Mixtapes „If you’re reading this it’s too late“ und „What a Time to be alive“ veröffentlicht, die sowohl kommerziell als auch in der Presse sehr gut ankamen. So wuchs der Hype um das Album, das damals noch als „Views from the 6“ angekündigt war. Drake macht sich frei davon und liefert einfach das Album, das er möchte. Mehr aber noch als mit dem Hype beschäftigt er sich mit dem vielen Gerede um ihn und nimmt klar Maß gegen seine Gegner, allen voran Mister Meek Mill. Nach den direkten Angriffen auf „Charged Up“ und „Back to Back“ wählt er bei Hype einen eher indirekten Weg. Ein gutes Beispiel ist hierfür die erste Strophe

Last year I know you learned your lesson/I could GPS you if you need addressin’/Boss up, I’m the bigger homie/But I’m one year older than my lil homie

Dabei spiel er mit Doppeldeutigkeiten und Referenzen: Jay Z, mit dem sich Drizzy gerne vergleicht wird oft der big homie genannt, Drake nennt sich aber den bigger homie, weil er mit 29 wesentlich erfolgreicher ist als alle anderen. Und er sagt, dass er ein Jahr älter ist als sein little home (meistens sowas wie ein Protégé oder jüngerer Rapper, den man unter seine Fittiche nimmt) und jetzt kommt der Twist: Meek Mill ist 28. Dass er diesen mein,t wird durch die erste Zeile deutlich, denn die Disstracks gegen Mill sind 2015 erschienen. Indirekt sagt er also, dass Mill durch ihn was über das Rapgame lernt. Im Refrain schließt er dann mit „I’m just done in the hype“ Er ist also fertig mit dem Hype, es geht ihm nur noch darum, sein Ding zu machen, egal wer wann was über ihn sagt. Er ist fertig. Das stimmt sogar relativ offensichtlich. Denn den Beef mit Mill hat er bereits in der ersten Runde durch K.O. gewonnen. Das zeigt auch die zweite Strophe, in der es heißt:

I don’t run out of material/You shouldn’t speak on me, period/You try to give ‚em your side of the story/They heard it, but they wasn’t hearin‘ it

Mill hat ihn letztes Jahr beschuldigt, dass er seine Texte nicht selbst schreibt, dabei sagt er nur, dass ihm das Material (für Texte) nie ausgehen wird. Und die letzten beiden Zeilen nehmen Bezug darauf, dass Mill zwar auf Charged Up und Back to Back geantwortet hat, die meisten allerdings bereits überzeugt waren, dass Drizzy gewonnen hat. Man hat zwar mitbekommen, dass Mill geantwortet hat, aber die wenigsten hielten es für nötig, die Tracks zu hören. Wenn ein Disstrack für den Grammy nominiert wird („Back to Back), spricht das auch für sich. Dennoch erklärt er, das er an der Spitze ist und dementsprechend nicht mehr aufs Gerede angewiesen ist. Die Beatwahl passt auch sehr gut, da er sehr dunkel gewählt wurde. Kudos an Nineteen85 und Boi-1da für dieses Brett über das Drake reitet wie Mexikaner auf Bullen.

Das nächste große Thema ist natürlich die 6, Toronto, wo Drake geboren wurde und sich zuhause fühlt. Mit dem Song „9“ hat er der Stadt seine ganz eigene Hymne geschrieben. In dem Song geht es darum, wie sehr er die Stadt. Der Song folgt auf dem Album direkt auf „Keeping the Family Close“ und ist wesentlich härter gewählt als der Anfang des Albums. Er äußert sich in dem Song über seine Mutter, die vielen Beefs, seinen Producer, und dass er für seine Karriere sterben würde. Er schließt also diese Stränge in einer einzigen Konsequenz: „And I turned the 6 upside-down it’s a 9 now„. Er hat die Stadt auf den Kopf gestellt. Vorher kannte man Kanada nur für sehr friedliche Menschen und Ahornsyrup. Er hat jedoch die Härte der Stadt gezeigt und dass Kanada eben nicht nur für Frieden stehen kann. Außerdem wenn man den Beginn des Songs dazu nimmt (Momma hit my phone and said rap’s no good, better than telling me the check’s no good) bekommt man noch eine andere Bedeutung: Er hat sein Leben auf den Kopf gestellt. Vorher war er nur Aubrey, jetzt ist er Drake, der sich mit der Presse auseinandersetzen muss, Beef’s durchstehen muss und trotzdem für seine Familie da sein soll. Dieser Spagat scheint ihn innerlich aufzufressen, was man in dem Album wirklich merkt. Er mag es an der Spitze zu stehen, aber die Einsamkeit macht ihm doch zu schaffen.

Zum Abschluss möchte ich noch auf die wenigen nicht drückenden Songs eingehen: „One Dance“ und das OVO-Double „With You“ mit PARTYNEXTDOOR (PND).
One Dance folgt der Dancehall-Passion die Drake wohl durch „Work“ mit Rihanna entwickelt hat. Der Dancehall-Beat ist ziemlich erfrischend und steht perfekt für den Sommer. Es geht darin um’s tanzen im Club und Beziehungen im Allgemeinen. Der Afrobeat-Style, den ich generell feiere, zusammen mit einer grandiosen Kyle und dem nigerianischen Genie Wizkid macht den Song zu einem meiner Favoriten. Die Nigerianische Art zu rappen passt sehr gut in den Song und Kyla’s stimme bietet den idealen Gegenpol zu Drake’s männlichen Part’s. Wenn der Refrain einsetzt, kann man nicht anders als mitzunicken und es ist schwierig, dabei nicht selbst tanzen zu wollen.

I need a one dance/Got a Hennessy in my hand/One more time ‚fore I go/Higher powers taking a hold on me

Die Higher Powers die er erwähnt werden der Alkohol sein, denn wir alle wissen, dass wenn man betrunken ist, man generell mehr Lust hat zu tanzen. Und Drake will mit dem Mädchen im Club noch einen Tanz, bevor er geht. Der Hennessy, den er erwähnt ist französischer Cognac, der im Hip Hop international als Standardgetränk angesehen wird (in Deutschland beispielsweise durch Joshimizu). Eine andere Deutung ist: Ich brauche noch einen Tanz, bevor ich dich mitnehme. Dann wären die Higher Powers sowohl der Alkohol als auch seine Intentionen mit dem Mädchen. Das wird durch die Frage von Kyla in der Bridge auch unterstützt:

Tell me/I need to know, where do you wanna go?/Cause if you’re down, I’ll take it slow/Make you lose control

Durch die Formulierungen wird – zumindest für mich sehr deutlich, dass es um Sex geht und um nichts anderes. Der Beat und die Nigerianisch-Englischen Parts von Wizkid passen in das sehr sexuelle Bild. Alles in allem ist One Dance vermutlich der ideale Clubtrack. Bass, Uplifting, Frauenstimme, Sex als Thema, Tanzen als Thema, Alkohol als Thema. Alles passt, definitiv mein Lieblingssong auf dem Album.

Der letzte Song auf den ich eingehe, bevor ihr erlöst seid, ist „With You“ mit dem OVO-Kollegen PND. „With You“ greift zwar auch das Thema von Exfreundinnen und Freundinnen auf, aber wesentlich positiver und auch mit einem Dancehall-Beat (Ich feiere Dancehall wirklich sehr. Nichts schlechtes kommt aus Jamaica). Die Hook ist dabei sehr eingängig und ein Instant-Ohrwurm.

It’s about us right now girl, where are you going?/It’s about us right now girl, where you going?/I’m with You

(das You wird dabei von PND sehr lang gezogen, wordurch es noch besser im Ohr hängen bleibt.) Es geht um Frauen, die dich verlassen und die es wert sind, um sie zu kämpfen. Das It’s about us right now girl zeigt auch, dass es den Jungs von OVO nicht um sich selbst geht, sondern um die Beziehung. Zum Ende hin setzt noch Jeremih, ein grandioser Chicago-R’n’B-Sänger ein und übernimmt PARTYNEXTDOOR’s Part in der Hook. Der melodische Flow der beiden Rapper passt sehr gut zum Beat, den Song kann man wirklich stundenlang hören, da er sehr direkt ins Ohr geht.

Was bleibt also zu Views zu sagen? Das Album ist musikalisch für Drake typisch absolute Oberklasse. Grandiose Beats treffen auf den wohl begabtesten Rapper unserer Zeit. Das einzige, was mich wirklich stört ist die starke Beschränkung auf die Themen. Der Beef mit Meek, Toronto, seine Erfolge als Musiker und naja Frauen… Das alles kennen wir schon Drizzy. Wirkt das Album dadurch langweilig? Nein, er kommt ja schon zu unterschiedlichen Schlüssen. Aber es ist ein sehr monotones Album. Die Songs bleiben in einem engen Spektrum. Das haben wir bei Rappern wie Kanye dieses Jahr schon besser gesehen. Ich finde es schade, das Drake sich nicht mal an neue Themen ranwagt. Aber gut, wer alleine im Jahr 2015 35,9 Millionen US-Dollar verdient hat, muss sich nicht zwangsläufig auf neue Themen einlassen. Könnte er aber. Es ist eins der Alben 2016, ich kann es nur empfehlen, solange euch die Themen nicht stören.

Ihr bekommt das Album auf iTunes und Apple Music, wann es auch bei Spotify, Amazon und den anderen üblichen Verdächtigen verfügbar ist, steht aktuell nicht fest.

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