Von Marie-Sofia T.

Warum von Rebellion in unserer Jugend keine Spur ist

So richtig rebellisch sind wir doch alle nicht. Wir sagen „Bitte“ und „Danke“, fahren mit unseren Eltern nach Sylt, gratulieren Opa zum Geburtstag und tragen Strickpullis mit weißen Kragen. Wir lernen für Klausuren und verhauen wir doch mal ’ne Mathearbeit, beteuern wir Besserung, lesen Zeitung und sogar die Nerdbrillen, für die wir früher auf dem Schulhof verhauen wurden, sind auf einmal der letzte Schrei. Wir wohnen nicht in zwielichtigen Vierteln, sondern in schnuckligen Altbau-WGs mit netten Mitbewohnern. Wir hören keinen Aggro-Rap um unsere Eltern zu ärgern, sondern Cro, Adel Tawil und Coldplay. Wir gehen natürlich wählen und mixen uns gesunde Smoothies und wissen, was Inflation ist und wie man das Bruttoinlandsprodukt errechnet, oder hast du etwa im Unterricht nicht aufgepasst?
Ehrgeiz ist chic. Gingen unsere Eltern noch für Feminismus und gegen Atomkraftwerke auf die Straße, brummeln wir ein wenig über den Gehaltsunterschied der Geschlechter und „diese Leute, die ihren Müll nicht trennen“ und wenden uns dann wieder Wichtigerem zu. Wir achten darauf, acht Stunden pro Nacht zu schlafen und trinken Tee. Oder trinkst du Kaffee? Falls ja, bist du sowas von gestern. Hast du etwa noch nie was von den Folgen von Koffein gehört?! Das heißt nicht, dass wir keinen Spaß haben. Oh doch, das haben durchaus! Wir feiern, tanzen und singen. Nur dieser jugendliche, sarkastische, besserwisserische Unterton und die allgemeine Anti-Haltung sind zu einem Mythos geworden. Wir sind kompromissbereit, zuvorkommend und gut drauf. Naja, meistens jedenfalls.

Wahrscheinlich gab es noch nie eine Generation junger Leute, die so bewusst und gesund gelebt hat. Globalisierung durch Instagram & Co. macht‘s möglich. Gefühlte 90% der hippen Blogs, die „man eben liest“, drehen sich um diese neuartigen grünen Getränke, bestehend aus Blattspinat und Obst, vegetarische Gerichte und Tipps fürs Konditionstraining. Fast Food? Fehlanzeige. Gerichte mit Hipsternamen wie „Overnight Oatmeal“ sind die neuen Burger. Haferflockenbrei mit Früchten in supercoolen Konservengläsern mit Schraubverschluss. Najaaa, so ganz neu ist die Idee ja nicht, könnte man jetzt sagen. Haferflockenbrei gibt es schon seit Generationen. „Quatsch!“, sagt der ernährungsbewusste junge Mensch. Das ganze sieht instagramtauglich aus und außerdem fühlt man sich sofort so, wie sagt man, gesund.

„Hauptsache dagegen“, das war lange Zeit die Devise, die Teenager zusammengeschweißt hat.

Doch, Moment mal, wogegen überhaupt? Heute ist die Angriffsfläche, ehrlich gesagt, ziemlich gering. Atomkraftwerke gibt’s schon lange nicht mehr in Deutschland und wenn ich mal eine Stunde später nach Hause komme, drohen mir weder Hausarrest noch die Prügelstrafe. Meine Eltern könnten verständnisvoller nicht sein, ich kann zu jeder Zeit über alles mit ihnen reden. Auch über Ausgehzeiten lässt sich vernünftig mit Ihnen verhandeln. Dafür bin ich täglich dankbar, und ehrlich gesagt bin ich in den meisten Fragen mit ihnen einer Meinung.

Wogegen sollte ich rebellieren?

Eine Zeit lang dachte ich, Teenager müssten eine Phase voller Piercings und schwarzer Klamotten durchleben. Jetzt bin ich glücklich mit meinen Blumenkleidern und Coldplay-CDs und weiß genau: Es ist ein großes Glück, in einem so entspannten und ausgeglichenen Umfeld und einer so intakten Gesellschaft zu leben, dass Rebellion keine Notwendigkeit ist.
Trotzdem habe ich mir vorgenommen, als Studentin „irgendwo gegen“ zu sein. Vielleicht Massentierhaltung. Vielleicht Pelzmäntel. Oder die schlechtere Bezahlung von Frauen. Irgendwie gehört‘s ja doch dazu. Und dann, nach der Demonstration, gehe ich in meine Altbau-WG und mix mir ’nen Smoothie. Mmmh.

Ich schlage die Zeitung auf. „800 Millionen Menschen weltweit leben in extremer Armut“, steht da. Und wir denken, wir hätten keinen Grund zur Rebellion? Unsere Überflussgesellschaft ist mit schuld an Hungersnöten. Wieso ist das kein Thema in unserem Alltag und wird viel zu oft ausgeblendet? Wieso lernen wir in der Schule nicht, wie jeder von uns mit einfachen Maßnahmen etwas für Gerechtigkeit und gegen Welthunger tun kann?  Keine Lebensmittel wegwerfen, weniger Fleisch essen – und das jeden Tag!
In einer Gesellschaft, die von Überfluss und Konsum geprägt ist, sind „über den Tellerrand blicken“ und „an andere denken“ schließlich Rebellion pur.
Dafür ist das neue Dagegen: Fragezeichen.

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