Ab und zu kommt es vor, dass grandiose Musik aus den Sphären des Hip Hop völlig an mir vorbeigeht und ich sie erst Monate später entdecke. Ein gutes Beispiel dafür ist das Mixtape „Coloring Book“ von Chance The Rapper aus Chicago. Nachdem ich jedoch auf das Mixtape gestoßen bin, habe ich es mir direkt angehört und werde euch hier meine Eindrücke schildern.

Coloring Book – Das Erwachsenwerden muss nicht immer hart sein.

Music is all we got
So we might as well give it all we got
– All we got (Kanye West)

Kurz eine kleine Geschichte zu Chance: Sein erstes Mixtape (10 Day) schrieb und produzierte er während eines zehntägigen Schulverweises, weil man bei ihm Gras gefunden hat. Sein daraufhin zweites Mixtape Acid Rap beschäftigt sich hauptsächlich mit Drogen. Bei vielen Künstlern wüssten wir was jetzt kommt, aber nein: In seinem dritten Mixtape geht es nur in einem Song um Drogen und auch da ist das grüne Gold eher eine Metapher. Vielmehr geht es um das Leben aus Chances Perspektive. Denn seit Acid Rap hat sich vieles verändert: Er ist Vater einer Tochter, Kinsley, geworden, kann mittlerweile gut vom Rap leben und hat mit einigen Songs aus Kanyes Meisterwerk The Life of Pablo bereits eines der wichtigsten Alben diesen Jahres mitgeschrieben. Diese in sich gekehrte Zufriedenheit merkt man Chance definitiv an. Der erste Song „All We Got“ mit Kanye West und dem Chicago Children’s Choir gibt da bereits einen schönen Einblick. Er liebt seine Freundin, die er zu seiner Verlobten machen will, seine Tochter könnte keine bessere Mutter haben und falls sie jemals einen neuen findet, dann sollte er sie besser auch lieben. Aber er ist eben auch nicht fertig. Daher auch der von Kanye grandios eingesungene Refrain. Chance möchte der Musik alles geben, da sie alles ist, was er hat. Diese Zufriedenheit und trotzdem der Hunger nach mehr ist eins der Kernmotive des Mixtapes. Aber auch das Motiv des Erwachsenwerdens ist sehr prominent. Und Chance hat wie Drake vor ihm bewiesen, dass ein Mixtape einem Album in nichts nachstehen muss. Coloring Book hat eine Laufzeit von knapp 57 Minuten auf 14 Tracks. Es gibt Alben, die kürzer sind!

Was dieses Mixtape so völlig anders macht, als alle Musik, die ich je gehört habe ist die Mischung. Für sein drittes Mixtape hat sich Chance nicht dazu entschieden, auf bewährten Rap zu setzen, er wählt stattdessen viele kirchliche Motive und bedient sich beim Gospel. Dadurch hat Chance mal kurz eine neue Musikrichtung geschaffen: Gospel-Rap. Zwei Songs die besonders herausstechen sind „Same Drugs“ und „Smoke Break“

When did you start to forget how to fly?
– Same Drugs (Chance The Rapper)

Same Drugs bedient sich einer Kindergeschichte um das Auseinanderleben und -lieben zu schildern. Das fällt auf, wenn Chance sagt: „When did you change, Wendy you’ve aged..“ Wendy ist das kleine Mädchen, dass von Peter Pan mit auf Reisen genommen wird. Chance setzt hier auf einen sehr simplen Beat: Klavier, Schlagzeug und Gitarre, fertig ist Same Drugs. Das verstärkt aber seine Stimme, da der Beat nicht von seiner Geschichte ablenkt. Es fühlt sich mehr wie eine Hörgeschichte an. Wenn er dann im Refrain zu singen beginnt, dann spürt man tatsächlich einen gewissen Schwermut. Die Drogen im Refrain sind dabei nur eine Metapher für die Dinge, die sie als Kinder gemeinsam hatten und nun nicht mehr teilen. Jeder von uns hat so einen Menschen mal gekannt. Jemand, mit dem man früher alles gemeinsam gemacht hat, und heute schreibt man sich zum Geburtstag per Whatsapp und das wars. Die Metapher von Peter Pan und einer mittlerweile erwachsenen Wendy zu nehmen finde ich so brillant, gerade weil sie so offensichtlich ist. Chance hat sein Leben nicht groß verändert. Er lebt immer noch einen Traum (Musik zu machen und davon leben zu können) und das Mädchen wird wohl eine normale Karriere gemacht haben.

Gar nicht begeistert ist Chance übrigens von der Diskussion, ob es in Same Drugs um Drogen geht. Wie er auf Twitter sehr knapp erklärt hat, ist das nicht der Fall:

 

We don’t got time for no sex
– Smoke Break (Chance The Rapper)

Smoke Break ist ebenfalls ein eher wehmütiger Track der sich damit beschäftigt, was passiert, wenn ein Paar Kinder und Karriere vereinen will. Man hat weniger Zeit für Zweisamkeit. Der Smoke Break und das Gras, über das Chance dabei rappt, ist auch hier wieder eine Metapher für die Abende vor dem Kinder kriegen: Man konnte gemeinsam im Bett liegen und einfach chillen. Diesen Track teilt sich Chance mit Future, den viele schon von dem „What a time to be alive“-Mixtape mit Drake kennen. Chance erklärte Future’s Mitarbeit damit, dass niemand besser gepasst hätte. Future ist selber Vater und kennt daher das Problem über das Chance in der Hook rappt.

Chance ist erwachsen geworden. Das merkt man in seiner Musik. Und durch den Gospel-Part in dem Mixtape wirkt es auch erwachsener. Und anders als uns bekannte Kirchenlieder ist Gospel schon immer frischer gewesen, jünger, wenn man so will. Daher passen diese beiden Genres so perfekt zusammen. Insgesamt ist Coloring Book ein Blick in das Leben eines jungen Vaters, der versucht sich mit der Zerissenheit zwischen Erwachsensein für sein Kind und junggeblieben sein im Herzen abzufinden. Definitiv eins der besten Alben/Mixtapes diesen Jahres!

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