In der nationalen wie in der internationalen Hip-Hop-Szene hat sich im Umbruch 2015/2016 einiges getan. Kanye setzt sich selbst wieder auf den Götterthron, Drake haut einen Megahit nach dem anderen raus, der selbsternannte King Kolle zerreißt das Business, Ali As, Kontra K, Megaloh… alle kommen zurück und wollen mitmischen. Wird Zeit, dass jemand aufräumt. Und wer wäre dafür besser geeignet, als einer, der von Anfang an dabei war?

Kollegah und Co. können schon mal die Taschen packen… denn der Deutschrap-Papa ist zurück.

Und er beweist dem Genre, dass man sich Talent nicht kaufen kann. Erfahrung, Gefühl für Wortwitz und ein kritisches Auge in einer Person vereint, die alles in den Schatten stellt, was die Kindergartenreimereien der neuen Generation versucht, auszusagen. Der Mann, der alles auseinandernimmt, ohne eine Mutter zu beleidigen. Der Mann, dem beim Freestylen kein Mensch das Wasser reichen kann (außer vom Bühnenrand). Der Mann, der Deutschland endlich aufwecken will:

Samy Deluxe ist wieder da – und er hat ne Menge neuer Messages im Gepäck!

Nach harten Jahren, angereichert mit Kritik der alteingesessenen Fans „Früher war alles besser, Samy hat sich zu sehr verändert…“ liegen eine ganze Stange Alben hinter Samy, etliche gesellschaftliche Themen, lyrische Meisterwerke und viele Experimente, die sowohl gefeiert als auch verrissen wurden. Wo fügt sich sein neuestes Projekt nun an? Die guten alten oder die neuen Jahre?

Gestern wurde sein neues Album Berühmte letzte Worte rausgebracht – und ich fasse hier meine ersten Erfahrungen mit diesem Hip-Hop-Kunstwerk zusammen.

Das Album hat 16 Tracks im Angebot, darin sind ein Intro, das aber schon fast als eigenes Lied durchgehen könnte, sowie zwei Skits enthalten. Im Grunde kriegt man also 14 Songs serviert. Und die sind vom feinsten!

Die Songs:

Im „Vorwort“ beginnt Samy seinen Auftritt mit jubelndem Publikum und einem Einblick in seinen Alltag als Rapvater. Ein kurzer Rückblick zu den Anfängen und eine Vorhersage: „20 Jahre hinter mir / schaffs noch 100 länger / ich und mein Mikrofon sind unzertrennbar / […]“. Straighter Beat gemischt mit Piano-Riffs, ein gelungener Aufmacher für das, was da kommen mag.

Der zweite Track lässt schon vermuten, welcher musikalische Stil sich durchs Album zieht. Keine harten Bässe, sondern sanfte Beats, taktgebende Drums, Trommelklänge und Background-Gesang. „Haus am Mehr“ erzählt von der Moral des „immer mehr Wollens“, das irgendwann die Erkenntnis bringt, dass man mit weniger auch glücklich sein kann. Nicht mein Favorit, aber schon ein guter Start.

Dann folgt der erste Bombast des Albums: „Countdown“. Klingel- und Airhorn-Sounds begleiten Afrobs Intro, der prophetisch daherredet. Dann beginnt Sam zu reflektieren: „10, 9, 8, 7 / Der Countdown läuft während ich im Bett wach liege / Reflektier‘ meine Karriere nenn‘ es Hassliebe / Kalkulier mein nächsten Zug als ob ich Schach spiele / […]“. Rückblickende Fragen, ob das Album alle Kriterien erfüllt, unterlegt mit bösen Beats. Meine persönlichen Lieblingslines des Tracks: „[…] / Und klar ist auch bewiesen, das Singles funktionieren und man Geld verdien‘ kann / Wenn man Andreas Bourani oder Poisel drauf featured / Nein das ist kein Dissrespekt / Nur Fakt; Das Radio will es leicht verdaubar doch dies‘ kein Picknick-Rap / Dis is n Fried-Chicken-Rap für dein‘ Intellekt / […]“. Dieser Song verführt zum Kopfnicken!

Der nächste Song „Klopapier“, gleichzeitig die erste Single-Auskopplung des Albums, fügt sich nahtlos an die aktuellen politischen Problematiken an. Die Flüchtlingskrise, bzw. der Umgang mit dieser, wird angeprangert, Volksverdummung durch fehlende Aufklärung und rechtes Gedankengut kriegen auch ihr Fett weg. Zwar wirken manche Zeilen überzogen und pauschalisiert, aber sie sagen aus, was Samy auf dem Herzen liegt: Den Menschen (und Politikern) den Spiegel vorzuhalten. Das Ganze wird von einem grandiosen Orchester und einem Frauenchor begleitet. Einer großen Bühne würdig.

Epochalität“, Track 4, ein Feature mit Megaloh, hält sich nah am Grundstil des Albums. Keine extravaganten Sounds, dafür Back to the Roots: Backgroundgesang, entspannte Bässe, instrumentale Begleitung. Kein außergewöhnlicher Song, aber wieder tiefgreifende Lyrics.

Ein weiterer richtig starker Song des Albums ist „Tellerrand“, in dem Sam uns auf eine Weltreise mitnimmt. Geschichten von Perspektiven, die Träume entstehen lassen, die man niemals ergreifen kann, wenn man sein Leben lang in der Heimat verbringt. Schaut mit ihm über den Tellerrand. Im letzten Drittel packt er dann das Gänsehaut-Feeling aus, rappt die Hook auf epische Sounds, die klingen, als wären sie einem Blockbuster entsprungen. Stimmig, tiefgründig, erkenntnisreich. Man will gleich aufbrechen und den eigenen Horizont erweitern.

Mittendrin“ macht einen kurzen Exkurs in die „Herr Sorge“-Zeiten, eine der musikalischen Phasen des Samy Sorge, die auf gewaltige Kritiken bei Fans stieß. Hier zeigt er, was die musikalische Extravaganz ausmacht. Philosophische Fragen, die uns beschäftigen, werden aufgegriffen und mit der Hook in einen Rahmen gefasst „Über uns das Weltall / Unter uns der Erdball / […] / Wir sind mittendrin und wir kommen nicht raus / […]“. Die Beats passen perfekt zum Thema, die Autotune-Stimme aus dem „Herr Sorge“-Programm hat er ausgelassen, was die Fans freuen dürfte.

Die Songs „So Good“ und „Bisschen mein Ding“ würde ich in der Rangliste ins untere Drittel stellen. Interessante Melodien, gute Texte – aber kein „Wow“-Effekt.

Bereits in den Medien angeteasert wurde „Mimimi“ – Mitbürger mit Migrationshintergrund – Samys Konter gegen alle, die Deutsche mit ausländischen Vorfahren zu Ausländern erklären. „Leute fragen mich woher ich komm / Ich sage ich komm aus Hamburg City / Sie sagen: ne du weißt schon was ich meine / Dabei war die Antwort richtig / […]“. Im Internet kursiert das passende Video zur Single.

Ein Flashback in die Zeiten des Albums „SchwarzWeiss“ gibt Titel 13: „Was ich fühl“. Die Atmosphäre passt zu Tracks wie „Wahre Geschichte“ aus dem 2011 releasten Album. Ein eher ruhigerer Track, der eine sehr emotionale Tiefe hat und nachdenklich macht. Zwar wird man hier nicht mit fetten Beats bedient, aber spätestens wenn in der Hook ein Max Herre-Einspieler „Fühl, was ich fühl, wenn ich fühl wie ichs fühl“ (Wer Max Herre kennt, wird sich an die Line erinnern) einsetzt, hat man die richtige Stimmung, um einfach ewig weiter zuzuhören, wie Samy hier reimt und erzählt.

Auch die Tracks „Papa weint nicht“ und „Von dir Mama“ erinnern an Themen alter Alben. Der Vater, der die Familie verließ, plötzlich verstarb, die Mutter und die Großmutter, die alles für ihre Kinder taten, der Sohn, der bei der Mutter lebt. Auch keine Welthits, aber mit guter Message behaftet.

Das Album endet mit dem titelgebenden Track „Berühmte letzte Worte“ – und mit diesen letzten Worten zeigt Samy, wieso er wahrlich ein Vater der deutschen Rapszene ist. Nicht nur wegen der lyrischen Tiefe, den stimmigen Reimen, tighten Beats, die mal oldschool, mal frisch, mal orchestral, mal technisch sind und einem Thema, das in jedem Song in einer anderen Facette beleuchtet wird, sondern auch durch diese letzten Worte des Albums sollte jeder Rapliebhaber meine Überzeugungen teilen können. „In Großstädten auf Hochhäusern / auf Koksfeten mit Kronleuchtern / Trink ich Freibier mit Freimaurern / Lass mich einfrier’n dann einmauern / Von Archäologen ausgraben / Dann, von paar Theologen ausfragen / Verschwörungstheorien in der Praxis / Höhenflüge noch tiefer als Atlantis / […]“. Musikalisch orientiert sich der Song an den guten alten Zeiten, als Tropf und DJ Dynamite noch die führenden Hände hinter den Mischpulten waren.

Mein Fazit:

Reinhören! Spotify hat es schon, aktuell erhält man zudem auch noch eine limitierte Fanbox, die ihr im Titelbild sehen könnt. Ich habe mir den Spaß gegönnt und bin jetzt stolzer Besitzer dreier Bonus-Tracks, einem Live-Album der letzten 20 Jahre aus Sams Karriere und einem Graffity-Marker mit Samy Deluxe-Kennzeichnung. Auch dabei ist ein Poster, 3 Postkarten mit Lines aus dem letzten Track des Albums. Ansonsten gibt’s die Audio-CD natürlich auch im normalen Format.

Wer seine Schwierigkeiten mit allen Alben ab „Dis Wo Ich Herkomm“ hatte, sollte sich vielleicht erst einmal ins Album rein hören und dann entscheiden. Die Songs sind zwar frischer und haben wieder einen anderen Stil als zuvor, heben sich aber definitiv von den guten alten Zeiten ab. Bis auf den Track „Berühmte letzte Worte“ sind die Songs nur partiell im Oldschool-Stil gehalten. Samy orientiert sich zwar an den Wurzeln des Hip-Hop, aber er lässt auch neuere Richtungen einfließen. Ich persönlich bin von der Mischung der alten und neuen Elemente, den abgemischten Beats und orchestralen Einlagen, den mal ruhigen und mal pompösen Bässen aber sehr angetan. Nein: Ich liebe es! Rundum ein wahres Kunstwerk. Hier hat Samy seine letzten Alben klar übertrumpft – und die ganzen halbstarken Hip-Hop-Affen, die sich um den Thron streiten, sowieso!

Macht euch ein eigenes Bild. Einen ersten Einblick konntet ihr hier ja vielleicht schon mal bekommen. Da steckt noch wesentlich mehr drin, als ich hier angeteasert habe: Großartige Texte, Sounds zum Anlage aufdrehen, Beats zum Mitwippen und Messages, die den Blick aufs Leben verändern – oder den Horizont erweitern werden.

Lieber Samy, ich hoffe, dass das hier nicht deine allerletzten Worte waren. Denn wer das Licht anmacht, sollte es am Ende auch wieder ausmachen. Und es gibt genug Leute, die auf deine nächsten letzten Worte warten werden! Falls es aber tatsächlich deine letzten Worte waren, hast du den Nagel auf den Kopf getroffen.

 

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