Da der Mensch ja immer seinen Horizont erweitern soll, haben wir uns gedacht, übertragen wir dieses Leitmotiv auch auf die Musik. Das Prinzip ist relativ simpel: Der Gepeinigte bekommt für eine Woche ein Album zu hören, was überhaupt nicht seinem Musikgeschmack entspricht. In diesen sieben Tagen darf keine andere Musik gehört werden, weder im Radio, im Fernsehen noch auf mobilen Endgeräten. Entweder der Zuhörer bricht das Experiment ab, weil er die Musik nicht mehr aushält oder er schreibt über seine Zeit in einem gefürchteten Musikgenre.

Man sagt, irgendwann holt einen alles wieder ein. Henning ließ mich vor einiger Zeit zu einem glücklichen Mitglied der „Aushalten“-Rotation werden. Daraufhin durfte ich ihn mit einem Album meiner Wahl peinigen. Um dem alteingesessenen Rock-Fan so richtig eins auszuwischen, übergab ich ihm kurze Zeit später das aktuellste Meisterwerk des begnadeten Künstlers „SSIO“, sein Album „0.9“. Doch der Gerechtigkeit wurde genüge getan – und so landete einige Tage später dann auch sein Album der Woche in meinem Sortiment. Wenn es eine musikalische Achillesferse gäbe, wäre meine wohl der gute alte Schlager. Und so schickte mich mein guter Kollege in die Hölle; zusammen mit Wolfgang Petry und seinem „Alles Live„-Album.

Eine sehr lange Zeit versuchte ich mich aus der Affäre zu ziehen, denn wenn eines noch schlimmer ist als Schlager, dann das Ganze als Live-Version. Ich hörte mich dann notgedrungen trotzdem ins Album rein, das seinen Auftakt mit „Wieso und Weshalb“ gab. Schon hier bemerkte ich mal wieder, worin meine Abneigung gegen den Schlager, den „Siebzehn-Bier-Intus-Mitgröhl-Rock“, begründet lag. Wie es auf Malle, in Diskotheken oder auf Partys gang und gäbe ist, verkommt das Feiern unter dieser Art von Musik in meinen Augen immer zu einem Akt des Fremdschämens. Das liegt aber nicht immer am Publikum. Klar, auf Malle sind die krebsbraunen Party-Folks sicherlich ein Vorzeigebeispiel dafür, warum Schlager hier Dauerprogramm ist – nämlich weil man da so wunderbar sinnlos mitsäuseln kann, auch ohne Textsicherheit; und weil mit und ohne Text das Ganze inhaltslos bleibt. Bei diesem Live-Album allerhöchster Qualität hingegen war es dann eher der Interpret, der mir die Ohren bluten ließ. Hierzu ein kurzer Auszug aus dem Intro, das noch eine „kurze“ Begrüßung seitens Petry parat hielt:

„Ich will euch nur kurz begrüßen Freunde, darf ich? Muss sein ne… Ich find es schön, dass ihr hier zu unserm… Familienfest hier gekommen seid. Und heute ham wa alle ma Platz miteinander! Sonst warn immer Probleme da, heute hat jeder hier die Möglichkeit gehabt, hier zu erschh…scheinen. Ich habe das Gefühl, das Ganze… endet noch ganz extrem. Laola will ich gleich noch sehn nöö – Jede Menge! Ich will das sehn von links nach rechts, so wie das sein muss! Freunde! Ich würd sagen, wir reden nicht so viel, wir beginnen einfach. Seider einverstanden? Dann könn wa ja beginnen. Begrüßen wird heute schwierig hier, mit jedem einzelnen. Das is der Hammer ne! Gibt lange Soli…
Okay!!!“

Begrüßung prophezeit Programm. Wolle hat Bock, Publikum auch, ich nicht. Nach dem gelungenen Intro, das mich irgendwie an so manchen Abend erinnerte – einige Kurze über den Durst getrunken, auf den Tischen stehend, sich selbst so feiernd, dass man nicht mehr merkte, dass das, was man den Trinkkumpanen zuschrie, im eigenen Kopf besser klang als im Ohr der anderen – begann es.

Ich für meinen Teil hatte innerlich schon auf Standby geschaltet, Wolle wollte mir aber lieber einige Lebensweisheiten mitteilen. Weil wa Freunde sind, denke ich. So nennt er ja seine Gefolgschaft. Alles Freunde. Für mich… absoluter Wahnsinn. Und mit dem Wahnsinn brannte sich mir ein neuer Leitspruch in den Schädel ein: Wolfgang… Warum schickst du mich in die Hölle?

Dieser Klassiker wurde mir natürlich auch nicht vorenthalten, man ist bei einem Best-Of-Live-Album vor nichts gewahrt. Ich fürchte aber, ich habe es darauf angelegt. Und Henning hat seine Karten gut ausgespielt. Schachmatt. Aber weiß der Geier… ich musste irgendwie die Woche hinter mich bringen.

Nach einer halben Ewigkeit in gequälten Momenten, der Autofahrt mit Wolle zur Arbeit, mit Wolle in den Feierabend, mit Wolle zur Schule, mit Wolle ins Wochenende, gab es den einen oder anderen Moment, in dem ich tatsächlich an meiner geistigen Gesundheit zweifelte. Jedes verdammte Lied drehte sich um verlorene Liebe (wortwörtlich! Wer kennt nicht das gute alte „Verlieben, verloren…“), da würde ich als Interpret nach 30 Jahren Auftritten und zahlreichen Alben doch manisch depressiv werden. So viele Geliebte wie Wolle im Laufe seines Lebens verloren haben musste… das war wirklich traurig und stimmte mich melancholisch. Aber er lernt auch nicht daraus! Nach so vielen Jahren singt er immer noch davon, dass er – wen auch immer – wieder zurück haben möchte… Aber anscheinend klappt es nicht. Geh weiter, Wolle! Andere Mütter haben auch schöne Töchter… und es wird irgendwann echt eintönig, immer die gleichen Schnulzen zu hören!

Im Auf und Ab der Gefühle erreichte ich etwa in der Mitte der höllischen Woche einen Punkt, an dem ich so vertieft in das mittlerweile penetrant im Ohr festsitzende Gedudel war, dass ich begann, alle Songs, die ich kannte, mitzusingen (Natürlich kenne ich sie, wer bitte kennt die großen Stücke dieses Musikers nicht… man kommt ja nicht daran vorbei, wenn man irgendwann schonmal feiern war). Und irgendwie war es dann plötzlich gut. Meine anfängliche Hoffnung, ich könnte den Schrecken des Schlagers entschärfen, weil Wolle ja irgendwie doch ein Rocker war (und Rock mag ich echt gerne!), schien sich zu bestätigen. Und geplagt von Ohrwürmern, einem dauerhaften Band auf Repeat in meinem Kopf laufend, mit Zeilen wie „Weiß der Geier oder weiß er nicht… ganz egaaaal ich liebe dich…“ und „Wieso und weshalb denn, warum und wofür… hätt niemals geglaubt, dass mir sowas passiert…“ arrangierte ich mich mit dem Übel.

Halbwegs zufrieden mit meiner doch nicht ganz so schlimmen Situation bestritt ich einen weiteren Tag. Und verfiel erneut der Wolle-Depression. All das Liebesleid-Geschwafel hatte sich festgesetzt, der immerzu halb betrunken klingende Lall-Rocker hing mir in den Ohren und attackierte mich mit seinen Dauerbrennern. HÖLLE HÖLLE HÖLLE HÖLLE!!! Freunde, singt mit! Verlieben verloren… vergessen verzeihn… verdammt war ich glücklich… Verdammt macht mich diese Musik jetzt WAHNSINN… WARUM SCHICKST DU MICH IN DIE… bitte. Ich will nicht mehr. Mach, dass es aufhört.

Es hörte auf. Die Woche endete… irgendwann… Nach gefühlten Jahren der Tortur, den Qualen, den auf geistigem Höchstniveau abgefassten Texten, der eingängigen Melodik… der Petry-Plage… war ich wieder frei. Als würde sich der Himmel auftun, nach sieben Jahren Regenwetterwolken, klarte mein Geist wieder auf und ich legte die Ohrwürmer ab, wie die Ketten des Schlagerkerkers.

Und als es vorbei war, kam die Erkenntnis: Ich war viel zu hart mit mir, viel zu hart mit Wolle, viel zu hart mit dem Schlager. Ich litt unter meiner Abneigung gegen diese Art von – und es fällt mir noch immer schwer, es beim Namen zu nennen – Musik. Aber Wolfgang Petry, trotz des Ruhrpott-Rock-Looks, trotz der Filzmatte, der Armbänder, dem Asi-Schnäuzer, ist nichtsdestotrotz deutsches Kulturgut. Der Mann der verzweifelten Romantiker (die in Bier ihren Schmerz ertränken), der Kneipensänger versteckter Bars in Gelsenkirchen, Düsseldorf, Köln und dem Rest des Potts, der Held der Schlager-Rock-Szene… Wolle ist Geschichte, deutsche Geschichte. Und auch mit Lallen und furchtbaren Reden; auch mit all dem „Freunde! Das is der Hammer ne!“ hat es einen ganz eigenen Charme, wenn man seinen Geschichten lauscht, weil es halt sein Stil ist. Ich werde nie ein Fan sein… und ich fand es beinahe unerträglich, mir eine Woche einzuverleiben, woran der alte Herr in seinem Leben schon gescheitert ist (hauptsächlich an der Liebe)… Aber wenn ich dann nochmal irgendwo in einer Kneipe oder Diskothek höre, wie einer zu mir sagt „Ihr seid das Ruhrgebiet…“ dann werde ich sehr wahrscheinlich laut gröhlend, halb lallend und mit dämlichem Grinsen antworten „UND DAS RUHRGEBIET BIN ICH!“ Denn wie es die klassische Droge tut, ist man doch auch mit Hass und Abneigung irgendwie süchtig. Weil man irgendwann irgendwo irgendwie schonmal alles gehört hat, was Wolle so singt. Und weil alle es kennen, feiern alle mit, wenn es dann doch im Radio oder auf der Bühne gespielt wird.

Also lieber Wolle: Du bist echt der Wahnsinn! Und du hast mich für sieben Tage und sieben Nächte in die Hölle geschickt! Aber weiße wat? Verjessen, Verzeihn! Ich werde sowieso wieder mitsingen…

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