Da der Mensch ja immer seinen Horizont erweitern soll, haben wir uns gedacht, übertragen wir dieses Leitmotiv auch auf die Musik. Das Prinzip ist relativ simpel: Der Gepeinigte bekommt für eine Woche ein Album zu hören, was überhaupt nicht seinem Musikgeschmack entspricht. In diesen sieben Tagen darf keine andere Musik gehört werden, weder im Radio, im Fernsehen noch auf mobilen Endgeräten. Entweder der Zuhörer bricht das Experiment ab, weil er die Musik nicht mehr aushält oder er schreibt über seine Zeit in einem gefürchteten Musikgenre.

Dieses Mal bin ich dran, Kira.

Okay, ich bin bereit, meine Rap-Ära wieder aufleben zu lassen! Schon früher habe ich mich hingebungsvoll „Beginner“, „Freundeskreis“ und „Nico Suave“ gewidmet, von jedem mindestens ein Album im Schrank stehen. Gegen so etwas habe ich also eigentlich nichts. Deutscher Hip Hop, Rap, alles kein Problem! Solange es ein bisschen Oldschool ist.

Genetikk ist nicht Oldschool. Genetikk sind von sich so überzeugt, dass sie ihr Album „Achter Tag“ nennen. Das wäre dann der extra Tag, an dem Gott sie erschaffen hat, verstehe ich das richtig?

Ich möchte in einem Brief an Genetikk Stellung zu den Klängen, die mein Ohr erfahren durften, nehmen.

Hallo Genetikk,

eure CD hörte ich mir zum ersten Mal an, während ich gerade am Adventskalender für meine Mutter bastelte.

Meine friedliche Besinnlichkeit wurde durch das erste Lied stark getrübt. Ich hatte Angst. Die Stimmen schienen von überall her zu kommen. Und ich habe sie nicht verstanden. Ergibt das tiefe Gemurmel einen Sinn? Ich hatte Angst, dass sie darüber sprechen, dass eine Apokalypse droht und ich als erstes darunter leiden werde.

Wie in einer schlechten Geisterbahn. Oder in den Katakomben verschiedener Kirchen. Da werde ich immer ein bisschen empfindlich. Ich habe sehr gehofft, dass das nicht die Musik ist, die ich mir nun eine Woche anhören muss.

Ich hatte bei den weiteren Tracks das Gefühl, dass ihr einfach ein zu großes Ego habt. Ich verstehe, dass man als Rapper so tun muss, aber dann muss der Text ja auch einigermaßen anspruchsvoll sein, oder? Weil, mir ist aufgefallen: „Drogen“ reimt sich leider nicht auf „Rolex“. Das ist noch nicht einmal ein unreiner Reim, Genetikk!

Das fünftes Lied heißt „Dago“. Ich freue mich für Dich, Karuzo, dass Du, wie immer wieder wiederholt wird, einer bist. Nur was das genau ist, kann ich leider nicht so richtig definieren. Ich habe es gegoogelt und es heißt „Kanacke“. Okay, das ist natürlich total cool. Ironie.

Euer sechstes Lied „Wünsch Dir Was“ kenne ich! Also die süßen Kinder, die immer „wünsch Dir waahaaahas“ singen. Dieses Mal habe ich auch auf den gerappten Part gehört und muss sagen: Dieser Text gefällt mir wirklich sehr gut! „Du willst ne Yacht vor der Küste? Im Wasser treibt, wer’s nicht geschafft hat, zu flüchten“. Auch wenn der Reim wieder nicht überragend ist, trifft die Aussage es momentan auf den Punkt.

Ich weiß nur nicht, ob ich es euch abkaufen kann, dass ihr gerne Woodstock miterlebt hättet, wie im dem Text gesagt wird.

Nach diesem Lied ging es bergauf. Dachte ich. Die Prelude zu „22MMM“ gefällt mir sehr gut. Sick, das ist wohl Dir zu verdanken! Das ist schön, auch wenn Karuzo nicht singt. Vielleicht gerade deswegen. Sorry! Aber die Hintergrundmusik ist immer echt super. Einmal das ganze Album in Instrumental, bitte!

Im richtigen Track von „22MMM“ wird über Schuhe und so gerappt. Schon der Titel des Liedes und das musste ich ausnahmsweise mal nicht googlen, beschreibt ja schon ein bestimmtes Schuhmodell (Tipp: Nenn‘ es das nächste Mal doch einfach „ZX Flux“ oder so). Thema: Eins. Umsetzung: Naja, ich weiß nicht so recht. Ich denke „Einfach nein, Genetikk, einfach nein!“ trifft es sehr gut.

Das neunte Lied „Caput Mundis“ verwirrte mich zutiefst. Ich weiß nicht, ob ihr in einer Identitätskrise steckt. Wenn ja, möchte ich euch nicht zu nahe treten. Wenn nein, dann überdenkt bitte noch einmal genau, wessen Sohn Karuzo denn jetzt ist.“Caput Mundis“ heißt anscheinend „Head of the World“. Okay, Welt. Die Väter, die Du aufzählst, sind aber Wohl oder Übel aber Himmelsgestalten! „Goldringe an den Fingern“ unterstützen das Ganze jetzt auch nicht so. Und dann ist da auch noch Cäsar, dem ihr einen Finger nach unten zeigt. Könnt ihr das Ganze bitte mal in einer kurzen, von euch gewählten Interpretation zusammenfassen? Ich interpretiere folgendes: Karuzo sagst, ihm fehlen die Worte und versucht, besonders mächtige Namen mit in seine Texte zu schaufeln. Um ihnen Bedeutung zu verleihen?

Euer Kung Fu möchte ich übrigens auch nicht sehen. Das würde mein ganzes Bild von euch zerstören. Möchtet ihr wirklich, dass man sich euch in Kung Fu – Klamotten vorstellt? Wie die Ninja Turtles… Abgelehnt!

Ich bin froh, dass bei euren Featurings wenigstens noch Max Herre mit dabei ist. Den finde ich gut.

Generell habe ich aber das Gefühl, dass die vertonten Texte zum größten Teil aus irgendwelchen Notizen entstanden sind. Die Lieder haben für mich keinen Anfang und kein Ende. Das stört mich. Außerdem habe ich eure Musik lieber leise gehört, damit bloß keiner mitbekam, das ich Genetikk höre. Vor allem die Mama nicht, die hätte mich vielleicht enterbt.

Es tut mir Leid, aber ich habe heute leider keinen Platz in meiner Playlist für euch.

Liebe Grüße

Kira

1. Ps.: Euer Name ist komisch. Wie kommt man drauf? Im Bio-Unterricht? Außerdem verbessert T9 immer das letzte „k“ weg. Das ist ist auch doof.
2. Ps.: Wegen euch ist der Adventskalender für Mama nur halb so schön geworden!

Aushalten_Genetik_Kira_Kalender

4 Responses

  1. Ares

    Sehr schön geschrieben 🙂 Das gibt der Rapszene mal ein bisschen Kontra. Vor allem hinsichtlich des sich-selbst-zur-Schau-Stellens, das heutzutage so gern praktiziert wird. Vielleicht solltest du den Text mal den Genetikkern als Leserbrief schicken, die freuen sich bestimmt! 😀

    Mein geheimer Wunsch wäre ja, dass in zukünftigen „Aushalten“-Runden man Herrn Peters mal mit „Ring der Nebelungen“ von Marsimoto peinigen könnte. Das würde bestimmt zu interessanten Ergebnissen führen, vor allem, weil es sehr speziell aber auch noch relativ aktuell ist. Das würde Henning nicht gefallen, aber es beinhaltet viel Textmaterial! Max würde mir da bestimmt beipflichten oder? 🙂

    Ich bin echt begeistert von dieser Rubrik. Das ist ein spannendes Projekt, vor allem, weil es die Texter aus ihrer Wohlfühlzone herausholt. Erfrischend 🙂 Weiter so!

    Antworten
    • Henning
      Henning

      Sehe ich das richtig, dass Sie mich leiden sehen möchten, Herr Ralf?

      Erstmal kann ich die anderen mit meiner Musik nerven, dann bin ich gespannt, ob Max auch so sadistisch veranlagt ist wie du 🙂

      Antworten
      • Ares

        Sadismus finde ich überzogen. Ich bin einfach ein Befürworter der Unters-Volk-Bringung von wortgewaltiger Sprachkunst die mit extravaganten Bässen unterlegt wird 😀

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