Ich sitze hier und grüble. Ich sitze hier, verzweifle. Ich sitze hier vor einem Blatt Papier – und es ist weiß, matt, unbeschrieben. Eine gähnende Leere mit unsichtbarer Farbe auf das feinfaserige Stück Geschichte gemalt, das einst in leeren Poesiealben langsam vergilben und verrotten wird. Naja. Geschichte ist womöglich der falsche Begriff… denn erzählen tut es mir nichts. Oder etwa doch?

Vielleicht erzählt es eine einzige kleine Geschichte; eine traurige. Sie handelt von einer tiefen Angst in mir; solch einer, die viele Menschen teilen, die sich der Kunst der Worte verschrieben haben. Das leere Blatt Papier, vor mir liegend, schweigsam, erzählt von Wortkargheit, Spracharmut, Kreativlosigkeit. Ich weiß nicht, worüber ich schreiben soll. Warum? Weil ich gebunden bin an eine Arbeit, eine Aufgabe, die mir auferlegt wurde, um einem Zweck zu dienen. Ich diene dem Auftraggeber, demjenigen, der mir gebietet, zu schreiben, um einem Programm irgendeines Systems Inhalt zu verleihen. Bin ich dadurch noch kreativ? Bin ich ein Künstler? Nein, ich bin Arbeitnehmer.

Das Blatt füllt sich noch immer nicht, liegt schweigend dort, im Dämmerlicht. Es rührt sich nicht, es spricht kein Wort, zieht mein Gedankengut nur fort. Wohin? Fernab. Fernab dem Thema, dem ich mich widmen wollte. Der Text sollte „Das zweite Gesicht“ lauten. Doch über diese drei Worte hinweg herrscht Dunkelheit. Ein sich in jedem Winkel des Kopfes windendes Wirrwarr aus Worthülsen, die so viel Tiefe bieten wie trübe Teiche aus Regen in den Rinnen der Straßenränder.  Raum für große Gedanken bleibt kaum, ist man gebunden an einen Auftrag. Man schreibt nicht mehr aus eigener Motivation heraus, sondern aus Zwang. Zwang aber führt zu Willenlosigkeit – und diese schwächt den Geist. Und ein schwacher Geist ist der Feind jedes Künstlers.

Man mag nach außen hin so zerbrechlich wirken, es wäre egal. Denn innere Stärke macht die Kreativen aus. Sie zeigt sich nicht in Fassung, in Empathie und anderen emotionalen Regungen oder psychischer Klarheit, sondern in der Tiefe des Charakters, dem Menschen hinter der Fassade.

Öffnete man eine erdachte Tür in den Verstand des Literats, man würde in einer atemberaubenden Halle mit einer Million weiteren Türen stehen, jede davon in ein irrsinniges Reich der Fantasie führend. Der Verlust der inneren Freiheit schließt irgendwann jedoch, eine nach der anderen, jede Tür. Man verliert den Zugang zu den eigenen Gedankenwelten, den Geschichten, dem Kollektiv der Träume. Komplexe Gestalten falten sich zusammen, stürzen ein und überschlagen sich, werden verpackt und in Kisten gelagert, nehmen zwar Raum ein, doch bieten keine Tiefe mehr. Mein Kopf ist voll. Das Blatt ist leer.

Will ich am Arbeitnehmertum zweifeln? Nein. Wir arbeiten, weil wir unser Leben sichern wollen: ein ureigener Instinkt. Tu etwas, dann geht es dir gut. Leiste etwas, dann geht es dir besser. Ich schreibe ja nicht mit Widerwillen jede Woche einen Text. Nein. Aber die fehlende Freiheit in meinem Kopf schränkt die Kreativität meiner Worte ein. Aktuell, Gott sei es gedankt, noch in einem erträglichen Maße. Das macht die Tatsache nicht besser, dass ich nicht schreiben kann, was ich schreiben will, weil meine Hände wie an Fäden dirigiert verfassen, was mein Verstand eigentlich nicht an die Öffentlichkeit hätte führen wollen. Doch es passiert, wie von allein. Aus der Nichtigkeit und Unfähigkeit die richtigen Worte zu finden entstehen neue. Wie unterbewusste Notfallpläne entfalten sich andere Fragmente, die zusammen einen neuen Sinn ergeben. Ein Konstrukt, sich aus den fehlenden Ideen und der mangelnden Kreativität zu einem besseren Bild formend. Denn schrieb ich gerade eben über das leere Blatt, ist es jetzt beinahe gänzlich gefüllt mit einer neuen Thematik. Was sagt uns das leere Blatt also? Habe keine Angst, wenn die Worte nicht kommen. Zweifle nicht daran, dass die Türen in deiner Seele sich je wieder öffnen. Das tun sie. Denn manchmal, für den Bruchteil einer Sekunde, fallen die Hemmungen vom Geist ab, er ergießt sich über den Schreibtisch, zieht ein in die Fasern des weißen Wortträgers wie Tinte in feinen Stoff. Und dann? Dann liegen sie vor dir, die Worte, die du nicht zu finden vermochtest, die du nicht sehen konntest, weil du zu beschäftigt damit  warst, dich zu etwas zu zwingen, das dir widerstrebt. Der Druck, der den Worten die Tiefe entzieht, ist nicht immerwährend. Er vergeht, wenn auch nur kurz. Man vergisst die Zeit, die Welt außerhalb des Raumes, in dem man sich befindet. Und man schreibt.

Fehlt diesem Text nun der tiefere Sinn, die Moral, die Auflösung des Konfliktes? Ist das Drama nicht mit fünf Akten angereichert, verkommt es zur sinnentfremdeten Aneinanderreihung von zusammenhanglosen Floskeln? Nein. Dieser Text handelt davon, dass ich nicht eine Sekunde darüber nachgedacht habe, was ich jetzt schreiben soll. Ich begann unwissend, entwarf ein Gedankenspiel um das Stück Papier herum, das vor mir auf dem Schreibtisch lag. Ich befreite mich vom Zwang, etwas schreiben zu müssen, indem ich mich kurz dem Wissen entzog, dass ich vor fünf Stunden einen Text hätte abliefern müssen – und es gelang. Nur ein Gedanke führte mich vom Anfang bis zum Ende dieses Artikels: Ein leeres Blatt Papier. Was daraus geworden ist und wie es wirkt; ob es irgendjemandem irgendwobei helfen mag, weiß ich nicht. Das bleibt euch überlassen. Ich habe den Arbeitsauftrag erfüllt, ohne zu arbeiten.

2 Responses

  1. Madness

    Ein interessanter Text über die Angst vor dem Weiß, über die Angst, dass sich kein Wort an die Oberfläche traut. Bedenke, es gibt Zeiten der Arbeit und die Zeiten, in denen Du einfach schreiben kannst, was immer du willst und wozu Du dich auch immer traust, aber selbst da bleibt das Papier manchmal weiß.
    Gute Gedanken, gefallen mir.

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    • Ares

      Diese zwei Zustände, den Zustand der Arbeit und den der „Freiheit zu schreiben“, zu differenzieren finde ich sehr schwer. Oftmals kommen einem die besten Ideen, wenn man sich gar nicht damit befasst. Das ist meistens so, wenn man in ganz andere Dinge Energie steckt, wie zum Beispiel die Arbeit selbst. Aber du hast Recht, vielen Dank für diesen Kommentar!

      Ich denke auch, dass sich das Blatt immer dann nicht füllt, wenn man sich einem großen Druck aussetzt. Das ist bei der Arbeit häufiger als in der Freizeit, weil man bei letzterem weiß, dass man nicht unbedingt etwas gutes produzieren muss. Ein wenig Entlastung in dieser Richtung könnte es vielleicht einfacher machen, das Eine vom Anderen zu trennen oder es sogar so zu kombinieren, dass dann wie im obigen Text aus freiem Schreiben ein Text wird, den man für den Arbeitsauftrag benötigt. Einfach ist es nicht. Ich lerne diese Dinge noch. Aber Kommentare wie auch Kritik sind dabei immer sehr hilfreich 🙂

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