Wenn ich durch die Stadt gehe, ausnahmsweise mal die Kopfhörer in der Tasche gelassen habe und dem Raunen der Stadt lausche, erhasche ich nicht selten Konversationen, die haarsträubender kaum sein könnten.

Wenn ich abends mit Freunden um die Häuser ziehe und wir in irgendeiner Kneipe, Diskothek oder belebten Gasse versacken, verfolge ich manchmal Diskussionen, bei denen ich Begriffe wie Fremdschämen als Untertreibung auffassen könnte, würde ich ein passenderes Wort für solche Gespräche finden.

Ich habe es selbst gesagt: „Würde ich ein passenderes Wort finden…“ aber das tue ich nicht, weil ich genauso schutzlos einer Krankheit, nein, einer Seuche gegenüber stehe, wie der Rest der „Jugend von heute“, wie man seit Generationen schon gerne die Art junger Leute nennt, die so gar nicht das repräsentieren, was man für vernünftig erachtet; „Als ich in deren Alter war…“. Natürlich. Du warst damals ganz anders.

Ich ertappte mich neulich jedoch dabei, wie ich genau diese Worte wählte, um mich von der Gruppe abzugrenzen, um die sich dieses Thema dreht. Ebenjene Jugend, die so repräsentativ für das ist, was den Deutschen heute wirklich fehlt. Und auch, wenn man viele Vergleiche aus der Vergangenheit ziehen könnte, die aussagen: „Heute ist alles besser! Gott sei Dank sind wir nicht wie früher“, ist uns doch ein Titel abhandengekommen, den Deutschland einst mit Stolz trug.

Deutschland: Das Land der Dichter und Denker

Wenn ich diesen Titel überdenke, wird mir beinahe schlecht. Wir sind mittlerweile maximal das Land der „F*ck-deine-Mutter-Rap-Giganten“. Offensichtlich sind wir aber kein Land der Dichter und Denker mehr, wenn man seinen Blick auf die heutige Alltagssprache richtet. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass der kleine Prozentsatz an Menschen, die ihr Studium trotz des Zeitgeistes mit summa cum laude abschließen, eine Leistung für das Land bringen können, die dem Titel „Land der Denker“ gerecht werden könnte. Ob die Dichter unserer Zeit im Kampf gegen diese Sprachseuche noch lange bestehen können, weiß ich nicht.

Dichter kann man nämlich niemanden mehr nennen, der im Geschäft der „Reimkunst“ heute noch tätig ist. Die Message spielt keine Rolle mehr, würde man sein Leben nämlich nach dieser richten, hätten wir sehr viel mehr Ehebrecher, Drogendealer und Lebemänner, als wir vertragen können. Dann würden Söhne nur noch Mütter von Mitschülern angraben und alle Frauen nach der Schule oder Arbeit auf dem Strich auf und ab laufen, um testosteronüberbelasteten Fitnessjunkies Gefälligkeiten zu erfüllen (weil die natürlich alle eine ganze Stange Geld verdienen, die sie nur für Drogen, Hauspartys in den eigenen Villen und Lapdances zahlreicher silikonverkleideter Frauen ohne Selbstvertrauen ausgeben).

Im Grunde will ich mich eigentlich so gar nicht über die heutige Thematik des Genres auslassen, ich höre mir selbst gern den einen oder anderen Interpreten an. Die Frage ist, ob dabei alle Zuhörer den gleichen Gedankengang haben wie ich. Wenn ich so manches Gespräch in düsteren Ecken von Diskotheken erinnere, befürchte ich nämlich das Schlimmste. Da geht es nur noch darum, wer wen verprügelt hat, wer mehr in der Hose hat, was er mit ebendiesem Gerät so alles in seiner Freizeit treibt und vieles mehr… aber bitte dabei mit möglichst geringem Wortgebrauch. Die Seuche von der ich spreche, vernichtet nämlich systematisch jedes Beiwort, das man erübrigen kann. Stattdessen hängt man zusammenhanglose Floskeln an, die möglichst adrett daherkommen sollen, ohne zu viel Tiefe zu bieten. Aus „Wie war dein Tag?“ „Mein Tag war eigentlich nicht so spannend“ (als banales Beispiel) wird im Slang: „Wie war Tag, Bruder?“ „Bruder voll minus ja“. Ob hier der Ursprung in der Rapszene liegt, weiß ich nicht, das Wort Bruder war jedenfalls noch nie so präsent in Alltagssprache und Hip-Hop-Lyrics wie heutzutage. Vielleicht kann man hier von einer nationalen Sprachreduzierung sprechen, oder gar Sprachverfall, ich für meinen Teil kann jedenfalls nicht bestätigen, dass die Menschen „immer schlauer“ werden, wenn ich ein Fazit aus allen an einem Tag gehörten Gesprächen ziehe.

Ansonsten bleibt mir nur der verschwindend geringe Gedanke, der mich zum Anfang meiner These zurückführt: Wahrscheinlich hat man so auch über mich und meine Generation gedacht, als ich jünger war – und diese Personen so alt, wie ich jetzt. Wenn es nur ein Problem des Heranwachsens bleibt, besteht eine Chance auf Rettung. Falls aber bald Worte wie Chabo und Babo in den Duden einziehen und stattdessen Artikel restlos gestrichen werden, sollte man anfangen, sich ernsthaft Sorgen zu machen.

Es gibt eintausend Motive und Hintergründe, Ideen und Denkansätze für die Herkunft, Ausprägung und Präventionsmaßnahmen in Bezug auf den „Sprachverfall“ der Jugend. Mir würden womöglich auch eintausend Texte dazu einfallen, eintausend Ideen und eintausend Lösungsansätze. Keiner davon wäre optimal, allgemeingültig oder rettend für die deutsche Kultur. Aber ich werde diesem Thema weiter auf den Zahn fühlen. Denn wenn wir unsere Sprache verlieren, verlieren wir das größte Gut der deutschen Kultur.

Demnächst gibt es mehr dazu.

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