Wo sind wir nun angekommen? Am Ende der Straße scheint das Licht nur noch schwach und die Wegweiser am Waldesrand sind kaum noch lesbar. Wir wissen nicht mehr wohin, denn eine Gabelung stellt uns vor die Wahl. Gehen wir rechts oder links? Erst, wenn wir die Entscheidung getroffen haben, unsere Reise fortsetzen, können wir sehen, was uns auf dem neuen Pfad erwartet. Doch wo finden wir das erhoffte Schicksal? Gehen wir die befestigte Straße entlang, im Schutze des Laternenscheines – oder wandern wir den Trampelpfad hinab, durch das düstere Dickicht? Die Frage ist: wo wird sich uns die wahre Schönheit der Welt auftun? Wo werden wir das Glück finden, das wir suchen, seit wir das erste Mal die Wärme der Sonne auf unserer Haut spürten? Mit jedem Atemzug gehen wir einen Schritt weiter voraus; ein Moment verblasst im Hintergrund, eine Perspektive tut sich im Vordergrund auf. Selbst, wenn wir im Jetzt verweilen, vergeht die Zeit wie im Fluge und wir nähern uns mit kleinen Schritten dem Ende. Denn von Anbeginn unseres eigenen Seins verrinnt unser Leben wie Sand in den Händen. Und in unserer kurzen Zeit auf Erden wollen wir die eine Erkenntnis erreichen, die uns den letzten Gedanken erlaubt: „Ich habe mein Leben gelebt – und es war gut“.

Erfüllung… Die Essenz des Lebens.

Das Leben in all‘ seinen Facetten zu verstehen, wird kein Mensch jemals erreichen. Wir werden für alle Zeit hinterfragen, wieso wir leben, wer oder was uns erschaffen hat, wo unser Platz auf dieser Welt ist, wohin wir gehen sollen… was der Sinn unseres Daseins in der Schöpfung ist.

In zwei Richtungen können wir unseren Blick richten, doch sowohl die eine als auch die andere wird umhüllt vom Schleier der Zeit. Vor uns die Zukunft, mysteriös, unvorhersehbar, aber auch strahlend. Wir sehen die Dinge, die uns bevorstehen, wie Silhouetten von Menschen, die in weiter Ferne umherwandern, für einen Moment auf der Bildfläche erscheinen und im Bruchteil einer Sekunde wieder verschwinden. Wir sehnen hoffnungsvoll Zukünfte herbei, die uns Glück und vor allem Antworten auf all‘ unsere Fragen bieten, doch sie sind nicht greifbar, verflüchtigen sich wie Rauch im Wind, sobald wir ihnen näherkommen. Es gibt unendlich viele Wege, die wir sehen können, unendlich viele Möglichkeiten, die uns einen Schritt weiter führen auf unserem Weg durch das Leben. Mit jeder Entscheidung jedoch verblassen alle alternativen Pfade als verlorene Gedanken in der Erinnerung, bis sie sich gänzlich in der Vergessenheit verlieren. Gleichermaßen tun sich eine Million neue Wege auf, die im Ganzen zu erfassen uns unmöglich ist.

Fehlt uns der Durchblick, die Kraft, die Weisheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, selbst wenn wir nicht in der Lage sind, diese Entscheidungen bewusst zu steuern, wenden wir den Blick ab. Die Zukunft ist nicht gewiss, gar unvorhersehbar. So suchen wir woanders nach Antworten, in einer Richtung, die mehr Gewissheit innehat; eine unbewegliche, definierte Richtung; eine, die nicht mehr durch die immerwährende Veränderung undurchsichtig wird. Das Auge erfasst also das Vergangene, die Erinnerung, die im Verstand zurückgeblieben ist. Das, was neben all den Dingen, die bereits zu Staub zerfallen sind und davon geweht wurden, im Gedächtnis blieb, weil es für uns einst einen Wert, eine Erkenntnis bot; die Würdigkeit, nicht vergessen zu werden.

Irgendwann, gefangen in den beiden Zuständen der Suche, irren wir umher zwischen Zukunft und Vergangenheit, weil wir nun nicht mehr nur unser Schicksal finden wollen, sondern auch die Dinge herbeisehnen, die bereits hinter uns liegen. Wir erhoffen uns, die ersten Erfahrungen, die schönen  und manchmal sogar die schlechten Erlebnisse noch einmal zu erfahren, wieder genauso zu fühlen, wie wir es einst taten – und sei es nur in einem Moment, in dem wir eine abendliche Sommerbrise spürten, die unseren Geist berührte.

Selbst die banalsten Dinge scheinen uns zu fehlen, wenn wir an früher denken. Und je mehr wir uns darin verlieren, desto schleierhafter wird der Pfad vor uns. Verschlungen im Vor und Zurück wissen wir weder ein noch aus. Und dann landen wir dort, wo wir eigentlich hingehören. Im Jetzt.

Neben all‘ den Plänen und Träumen, Denkmälern und Erinnerungen finden wir immer wieder in die Gegenwart zurück. Sie hält uns fest, denn sie verbindet uns mit der Welt. Während alles, was vor und hinter uns liegt, aus Bildern und Ideen besteht, ist das Jetzt die greifbare Realität. Sie erinnert uns daran, dass wir weder die Vergangenheit noch einmal leben, noch die Zukunft vorherbestimmen können. Sie erdet und führt uns, schenkt uns den Bruchteil einer Sekunde, um eine echte Entscheidung zu treffen, wieder und wieder, in einer ewigen Verkettung von gegenwärtigen Momenten.

Die Zeit ist unsere führende Hand auf der Straße, an deren Ende wir uns zur Ruhe betten, mit der Antwort auf die wichtigsten unserer Fragen: Was ist meine Aufgabe in dieser Welt, wo ist mein Platz, was bedeutet Glück für mich? Sie ist gleichermaßen Freund und Feind, denn selbst als unser Begleiter entreißt sie uns Momente des Erlebten im Zuge eines Wimpernschlages. Jede Handlung der Gegenwart ist bereits zur Vergangenheit geworden, unabänderbar, kaum, dass sie sich aus der Zukunft in unser Jetzt bewegte. So bleibt jeder greifbare Moment eben nur ein Augenblick, den wir uns im Gedächtnis bewahren können, aber niemals in exakt der gleichen Weise wieder erleben werden; weil wir ihn bereits nur noch als Erinnerung kennen, sobald er uns begegnet und an uns vorüberzieht.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchdringen jede Faser der Welt, jede Existenz, weil sie alles Sein erschaffen und wieder auslöschen. Die Zeit ist ewig, überall, sie bestimmt das Leben, während wir sie nur als das Ticken der Zeiger einer Uhr wahrnehmen – oder als Falten auf der Stirn unseres Spiegelbildes. Diese drei Aspekte bestimmen unser Leben, jeder für sich auf eine unvergleichlich machtvolle Art und Weise. Denn die Zeit selbst, in jeder ihrer Richtungen verschieden, doch in Ewigkeit verbunden, war, ist und bleibt die größte Kraft der Schöpfung, im Traum wie in der Realität.

Vier Themen möchte ich mich im Laufe der Zeit noch widmen, sie hinterfragen und meine Erkenntnisse darüber teilen:

Teil II: Echos der Vergangenheit

Teil III: Leben in der Gegenwart

Teil IV: Pfade der Zukunft

Teil V: Das Ende der Zeit

Mehr wird folgen…

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