Als wir in aller Seelenruhe schliefen, die Köpfe voller Träume, die Glieder verspannt vom Tagesgeschehen, dem stürmenden Wettlauf mit der Zeit, um der Alltäglichkeit ihre Gaben abzuringen, schlich er in den finstersten Ecken umher, ungesehen, unerwartet, leise. Waren wir es, die ihn nicht sehen wollten – oder er, der uns ihn nicht sehen ließ? Er war schon einmal hier. Einst. Die Alten erzählen von ihm und seinen Begleitern wie von den Reitern des jüngsten Gerichts. Die Medienmagnaten verschweigen ihn, sie umschiffen die brechenden Barken und die sichelförmigen Felsen, die das hölzerne Konstrukt, das uns trägt, zu zerreißen vermögen. Wir haben ihn und Seinesgleichen vergessen, uns an die schützenden Mauern des Vaterlandes gewöhnt, beinahe verwöhnt vom Wohle der Wohlständigkeit, dem Absoluten unserer alles versprechenden Welt der Glückseligkeit. Wir hätten ihn nicht vergessen dürfen.

Er ist wieder da – und er hat begonnen, uns erneut heimzusuchen. Erst nur im Stillen, in den Köpfen der Zweifler, in den Träumen der Realitätstrunkenen. Doch von Traum zu Traum schleicht sich der Keim dieser Dunkelheit auch in die Köpfe derer, die sich ihr bisher verwehrten.  Und wenn die Magnaten dann endlich ihren Tagelöhnern auftragen, die Botschaft zu verbreiten, ihnen die Worte in den Mund legen, die wiederum uns die Ideen in die Köpfe pflanzen, ist auch der altbekannte Feind wieder absolut. Er wird stärker, er ergötzt sich am Leid der Welt und erwächst zur Gänze aus den Schatten;  nicht mehr länger unsichtbar. Mit jedem sterbenden Kind, jeder brennenden Stadt, jeder zerstörten Zukunft, wird er größer, bis selbst die Sonne sein schwarzes Kleid nicht mehr durchdringen kann – dann werden wir in der Nacht leben; für immer.

Der Krieg rückt näher, er klopft an unsere Tore. Die Mauern des Staates sind brüchig, die Struktur verschwommen und uneinsichtig. Die Oberhäupter ringen nicht mit Entscheidungen, sondern um Plätze im Thronsaal, während vor den Fenstern Fahnen angezündet werden und die Unschuldigen ihre Köpfe in die Schlinge legen, als würden sie sich zum ewigen Schlaf betten; gänzlich machtlos gegenüber der Mächte, die sie niederdrücken und ihnen den Atem nehmen. Politik ist ein zweifelhaftes Feld, doch verblasst sie im Angesicht der Konsequenzen, wenn ein blindes Volk eine undurchdachte Entscheidung trifft.

Der Feind steht mittlerweile im Foyer, begutachtet die Gemälde der Zeitgeschichte und lacht, während er sie mit einem Streichholz in Flammen setzt. Warum er lacht? Weil er die ganze Zeit hier war. Er ist wie der Baum im Garten, der immerzu in Stille wuchs, von kleinster Knospe bis in höchste Höhen, seine Krone gen Himmel streckend, um die Sonne zu verdecken und Schatten auf das Haus zu werfen. Seine Wurzeln greifen tief in die Erde und halten ihn fest, unumstößlich.

Die Kriege unseres Landes haben uns das Fürchten gelehrt, doch sind sie nichts als Bilder und Worte in Geschichtsbüchern für jene, die sie nicht erlebten. Die Alten flüstern uns Märchen ins Ohr, wie sie auch Erzählungen des Krieges mit uns teilen. Doch wir unterscheiden nicht mehr zwischen Erinnerung und Märchen. Der Respekt vor dem Leid verblasst. Wieso? Weil Kriege uns nichts mehr angehen. Sie spielen sich nur noch im Fernseher oder in den Nachrichten ab. Und so unbeirrt, wie wir eine Geschichte zum Märchen deklarieren, verdammen wir auch die schrecklichen Taten unseres Volkes zu Ammenmärchen, machen uns frei von Betroffenheit. Weil wir aber denen, die eben doch betroffen sind, die Tag für Tag Tote zu Grabe tragen, viel zu früh dem Leben entrissen, die Hilfe verwehren, klebt das Blut dieser Menschen ebenso an unseren Händen.

Der Keim der Bosheit in uns wächst weiter – und wir sind wieder dort angelangt, wo wir einst begannen. Heute wählen wir Parteien voller Schaumschläger, die neue Kriege propagieren, jetzt noch versteckt hinter ganzen Lagerräumen von Vorhängen, die uns die Sicht auf den großen Plan verschleiern, doch bald schon so präsent, dass niemand mehr behaupten kann, er hätte sie nicht bemerkt. Wir unterstützen die eigene Nationalität, um das Vaterland zu ehren, weil wir unsere Verbundenheit mit den Wurzeln des Volkes demonstrieren wollen. Und letztendlich tun wir es, weil wir vergessen haben, wie grausam wir einst waren, wie grausam die Welt einst war. Sind wir nicht als herangewachsenes Volk in mehr als 2000 Jahren so weit aufgezogen worden, dass wir moralisch handeln können, dass wir die unseren und all jene, über deren Leben wir mitentscheiden können, schützen? Oder sind wir mittlerweile so abgestumpft vom Zeitgeist, dass  wir am heutigen Tag all die bestialischen Taten von einst nur noch als Entertainment im Abendprogramm betrachten?

In Amerika kämpft ein Mann an der Spitze um den Stuhl in einem ovalen Raum, der unter weißen Dächern die Regentschaft des Staates symbolisiert. Dass er ein modernes Diktat vollführt, wenn er die Macht ergreifen und seine Pläne in Angriff nehmen kann, scheint so vielen von uns (oder eben auch nicht) klar zu sein. Wir schreien und wüten und sind völlig fassungslos, wie ein so großes Land einen Kriegspopulisten so weit hat kommen lassen und währenddessen tanzen die Vorsteher von „alternativen Parteien“ vor Freude, weil sie so viele Jünger wie noch nie in ihren Bann ziehen konnten. Wie können wir uns anmaßen, die Augen zu verschließen, vor dem, was unser Land vor einem knappen Jahrhundert noch war – wenn wir doch jetzt einen Weg einschlagen, der diesem alten deutschen Weg so gefährlich nahe kommt? Dass Worte viel zu versprechen vermögen, ist wahr, doch sie zu halten, ist keine Selbstverständlichkeit. Besonders in Zeiten, in denen wir so vieles – was Menschen in den Medien erzählen, dem Volk oder eben nur dem Leser versprechen, gar schwören – anzweifeln können, gibt es immer noch so viele, die sich dennoch so blind ins Verderben stürzen. Warum? Ist es nicht ein unglaublich primitiver Instinkt, Fremde zu verurteilen? Die Angst, die diese Fremdheit schürt, ist eher in Unwissen begründet als in Gefahr. Doch solche, die Angst haben, versuchen die Angst hinter Propaganda zu verstecken. Wir deklarieren also Angst als Gefahr und lenken so die Blicke um. Unsere Angst wird abgelenkt, indem wir uns vor allem schützen, das fremd ist. Dass wir damit Menschen dazu verdammen, bei Überfahrten ins „heilige Land“ ertrinken zu lassen, ist ein unbedeutendes Übel, wenn man darüber hinwegsehen kann; denn wenn man „nichts dagegen tun kann“, ist man fein raus. Also schweigen wir, spielen unwissend. Aus Unwissen aber werden Ideen geboren, die uns auf Pfade führen, die Mitte des letzten Jahrhunderts 6 Millionen Menschen einer Ethnie das Leben gekostet haben, aus purem Fremdenhass und dem Verleugnen der bitteren Wahrheit.

Was jetzt bleibt, ist eine Welt im Ungleichgewicht. Der Westen steht am Abgrund. Der toupierte Milliardär hält die Pistole in der Hand und muss nur entscheiden, ob er uns direkt ins Verderben stürzt oder vorher noch den Abzug betätigt. Hoffen wir für die USA – und womöglich auch für den Rest der Welt – dass er abdankt, bevor er das Zepter ergreifen kann. Wenn wir solch´ Größenwahn auch im eigenen Land weiterhin billigen, werden wir ebenso abstürzen. Und das nur, weil wir Angst und Unwissenheit regieren lassen, während Marionetten im Reichstag Ballett tanzen, statt der Menschlichkeit Vorzug vor Macht zu geben. Denn das was kommt, wenn die Welt weiter so unrund dreht, weil Rechtspopulisten und machthungrige Lebemänner nach der Herrschaft streben, ist wahrlich eine Apokalypse, der die Reiter des Krieges und des Todes folgen. Wobei… diese sich schon bestens in den Ländern begnügen, die wir so gern ignorieren oder vor unserer Haustür umdrehen lassen, auf dass sie sich in einem anderen Land Unterschlupf suchen… oder ertrinken.

Wer immer noch glaubt, er sei nicht betroffen vom Unheil, sollte sich vor Augen halten, dass es nicht ausreicht, mit dem Kopf zu schütteln und weiterzugehen. Und während die eine Krise die nächste jagt und Parteiflegel um Plätze im Bundestag buhlen, rücken Terroristen in die Vororte des Staates ein. Sie klopfen in Frankreich an, sie kampieren in Brüssel. Wir können gerne weiter darüber reden, was man tun könnte oder sollte. Ich tue es ja auch nicht anders. Aber wenn wir erst ein neues drittes Reich oder einen Terroranschlag in Berlin brauchen, um wirklich hinzuschauen, haben wir ein großes Problem. Denn dann ist es, wie sich manche sicherlich durch die „Ammenmärchen“ der Großeltern erinnern, längst zu spät. Und dann klebt das Blut der „Fremden“ nicht nur sprichwörtlich an unseren Händen.

Würdet ihr euch und euren Kindern eine solche Welt wünschen?

 

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