Ich mache mir Sorgen. Ich sorge mich um die Zukunft. Die Zukunft, die unserer Sprache möglicherweise bevorsteht. Ich sehe die Alten nicht mehr, die galant wie eh und je in einem Atemzug vermochten, was wir in einem ganzen Aufsatz nicht könnten. Die Wortgewandtheit stirbt. Und sie, die Großen der Zeitgeschichte, zeigen uns noch immer auf, dass mehr Wert in unserer Sprache liegt, als wir zuzugeben oder gar zu verstehen vermögen. Sie liegen begraben auf vergilbten Seiten in verstaubten Bibliotheken, in Lagerräumen und Kartons, wo sie warten und hoffen, noch einmal gelesen zu werden. Sie verenden auf der Schulbank, wo ihre Worte verrissen und zerrissen werden; wortwörtlich. Wir plagen uns mit Brecht und Mann und Goethe und Heine und Kant und dem Allerlei der Wortklauberei – und der Poetisierung der Gefühlswelt, der Sinnentfremdung des Sinnhaften. So etwas wird im Deutsch- und Philosophieunterricht gemacht. Und wir leiden so sehr darunter. Nicht noch mehr lesen, nicht noch mehr analysieren, bitte hört auf mich damit zu plagen!

Nicht nur die Schule wollen wir verdammen. Die Alltagssprache ist unser nächstes Ziel. Also lasst uns hinausgehen – aus Klassenzimmern und Büros – und die Last der gepflegten Ausdrucksweise abwerfen. Lasst uns die Sprache denunzieren, ein einfacheres Prozedere der Kommunikation eruieren; legen wir die Ketten der Weisheit ab, machen uns frei vom schönen Schein der Literatur, dem Wortschatz und Wortwitz unserer Kultur. Wir sollten einfach implizieren, dass Ausschmückung, komplexere Formulierung, die Expansion des eigenen Sprachkonstruktes völlig aberwitzig sei. Brechen wir aus aus diesem Terrorakt der Künstler von einst, lassen Kinderbücher unser Sprachvorkommen sein, besser noch, den gemeinen Slang, um uns zu lösen vom viel zu lehrreichen Deutschunterricht. Sprechen wir nur noch frei Schnauze, damit wir ja keine Bindung mehr zu Bildung haben, denn diese Sprache ist kein Statussymbol, sie sagt nichts aus für uns, sind wir doch jung und dümmlich. Lasst uns reduzieren, auf die Basis herunterbrechen. All´ die Worte. Wertlos. Nein, besser: Voll wertlos. Lasst uns einfach lachen, Faxen machen, chillen, grillen, Kasten killen, dies das. Lass saufen, bisschen Party machen, solche Sachen. Schule und so ist egal, wir reden ja nur mit Leuten wie wir. Wir gehen nicht Schule wegen lernen, sondern wegen Pause. Wir brauchen nicht Wortschatz oder so. Ey wofür auch reden, paar Worte gehen, reicht ja. Lass ma nich diese Grammatik achten, voll langweilig. Braucht kein Mensch, Bruder. Minus, ich schwöre!

Braucht kein Mensch?

Ich erinnere mich an viele Tage, einige ereignisreiche Abende an Wochenenden, an denen wir gerne auch mal feiern gingen, tranken, tanzten, sangen. Mit zunehmendem Pegel sank die Verfügbarkeit des Vokabulars. Aber man versuchte es noch, in Grenzen zu halten. Verständlich bleiben war die Devise, bis man dieses Problem im Suff auch vergaß und völlig außer Kontrolle geriet. Ab diesem Punkt war es egal.

Was aber war mit den Leuten, die ich um mich herum sah? Was war mit denen, die nicht dem Ende der Kontrolle so nah waren, wie wir, als wir uns nicht mehr verständigen konnten?

Vor einiger Zeit waren wir in einer örtlichen Lokalität, wo die jüngere Generation eine Stufenparty veranstaltete. Leider merkten wir zu spät, dass der Altersdurchschnitt weit unter 18 Jahren lag. So gönnten wir uns dennoch ein bis einundzwanzig Bier, ein paar Kurze, was auch immer das Herz begehrte und das Portemonnaie verschmerzte. Ich konnte den Abend nicht genießen. Wie eine Eingebung hörte ich um mich herum nur die Stimmen, wie sie schrien und keiften, riefen und raunten. Ich hörte sie, konnte nicht umhin, zu lauschen. Sie machten auch keinen Hehl daraus, sonst hätten sie wahrscheinlich nicht so herumgebrüllt.

Irgendwann an diesem Abend, als ich mich nach einigen Getränken auf der Toilette wiederfand, wortlos in einer Kabine zurückgezogen, lauschte ich einem Gespräch:

Ein Aufschrei: „Ey Bruda mein Schwa*z krallt dein Nacken!“ gefolgt von kindischem Lachen von vier bis fünf Personen. Ein anderer antwortet (ich denke, sie verstanden es als Antwort, da sie sich offensichtlich gegenseitig übertrumpfen wollten, während sie jedoch ebenso in einzelnen Kabinen standen): „Ey ich hab drei Beine, ich schwöre! Ich muss Behindertenklo.“ Dann ein dritter, der dem Gebalze seinen Senf beigeben möchte: „Ey, lass ma Acapulco jetzt.“ Es folgt ein kollektives, zustimmendes: „Geil Alter.“ Zur Info: Das Acapulco ist ein… „Saunaclub“.

Die Herren waren wahrscheinlich nicht älter als 15. Und sie blieben natürlich den ganzen Abend, denn ich hörte sie noch einige weitere Male auf der Toilette diskutieren. Am liebsten hätte ich ihnen einen Duden an den Kopf geworfen, in der Hoffnung, ihnen würden ein paar alltagstaugliche Wörter in den Schädel gehämmert werden. Abgesehen vom primitiven Diskutieren darüber, wie abnormal groß die Gemächter der Herren sein sollten (intelligentes Statement – die Frauen, die das ertragen müssten, wären sowohl im Falle der Wahrheit als auch im gegenteiligen Fall gestraft: Bei ersterem mit höllischen Schmerzen, bei letzterem mit extremer Verdummung aufgrund dieses Vorschulgehabes) war es ehrlich gesagt sehr belustigend, ihnen zuzuhören. Da fühlt man sich gleich ein wenig glücklicher mit den eigenen Sorgen.

Anderer Tag, andere Szenerie. Wir stehen im Außenbereich einer Diskothek. Neben uns diskutieren drei Halbstarke heftig darüber, wer das breitere Kreuz hat. Der Slang: bescheiden. Ein anderer Kollege kennt sie wohl durch seinen jüngeren Bruder und erzählt, dass sie aus gutem Hause kommen. Keine Sprachbarriere wegen der Herkunft, urdeutsche Kartoffeln, die den Slang als Statussymbol sehen. Es scheint ein nicht seltenes Phänomen zu sein, dass sie so reden: weil sie es cool finden. Einer schaut zu uns rüber, kommt näher und fragt meinen Freund: „Bruda, hast du ein Duchan?“ Der Freund schaut verdutzt zu ihm, zieht die Stirn kraus und fragt: „Bitte was?“ Der Nachwuchsgangster entgegnet „Ein Duchan für mich? Hast du?“ „Geht das auch auf Deutsch?“ Unser neuer Freund aus dem Alibighetto ist erstaunt, hatte er doch wohl eher damit gerechnet, einfach aus Prinzip direkt zu bekommen, was er will.“ Hast du eine Zigarette?“ Mein Freund grinst. „Wie sagt man?“ Langsam muss sich der Junge anstrengen. „Bitte?“ Einen letzten Spaß genehmigt sich der Freund noch, bevor es zu Ende geht: „Geht das auch im ganzen Satz?“ Der Junge schaut beschämt auf, holt Luft und zwingt sich den kompletten Satz aus der Lunge, begierig, seinen Preis zu erhalten: „Könnte ich bitte eine Zigarette haben?“ Es klingt sogar so, als würde er in Wirklichkeit ein gebildeter deutscher Junge sein. Mir stellt sich in diesem Moment die Frage, ob er mit seinen Eltern eher wie in dieser Situation oder wie zuvor mit seinen Freunden sprechen mag. Aber das ist gerade nicht wichtig. Ende der Szene, mein Kumpane wird wieder ernster, schaut ihn ruhig an und sagt ganz freundlich: „Tut mir leid, ich bin Nichtraucher.“

Natürlich war in vielen Situationen ein großes Maß an Belustigung und Sarkasmus im Spiel, oftmals diskutierten wir Stunden darüber, wie die Sprache vor die Hunde geht. Aber das hält das Phänomen nicht auf. Dieser Slang ist zum Symbol der Coolness geworden, zur Aussagekraft im Dialog, der Coolness der Jugend. Ich muss aber auch gestehen, dass ich mit Vorurteilen behaftet bin, denn ich liebe diese Sprache und will für sie kämpfen. Meine größten Ängste spiegeln sich in dieser Generation wider, denn der neue Slang breitet sich unversehens aus. Vielleicht kristallisiert sich etwas aus diesem Haufen Mundst*hl heraus, eines Tages, und ich werde lachen, weil ich solche Angst hatte, dass die Sprache vor die Hunde geht. Außerdem kann man auch der „neuen“ Sprachentwicklung noch einen Funken positiver Gedanken abgewinnen:

Einer meiner Freunde, so sehr ich auch diese Sprachnot verdamme, beweist mir manchmal, dass es nicht das Wichtigste auf der Welt ist, sich mit Worten ausdrücken zu können. Er bringt mich zum Verzweifeln, wenn er mir Worte wie das „Einzigste“ an den Kopf wirft oder mich plagt, indem er Zeiten durcheinanderwirft: „Das hätte ich aber anders gemacht gehabt“. Und egal, wie oft er „als“ und „wie“ verwechselt, oder „zumindestens“ mehr von Arbeit versteht als ich, kann ich ihm nicht böse sein, weil er diese Fehler auf eine herzliche Art macht. Zwar schreit der Lektorats-Azubi in mir auf und will wieder den Duden zücken, aber letztendlich stelle ich ihn dann doch ruhig und sage mir: „Womöglich ist diese Ausdrucksweise in manchen Fällen auch einfach nur eine Charakterfrage.“ Mindestens aber eine Sache der Einstellung. Wer wie der Größte daherkommen will, wird meinesgleichen mit „Halt dein Schnauze, Alter. Ich mach dich hopps!“ allenfalls zum Lachen bringen. Aber gerade das gewinnt dem ganzen Jammern über Sprachverfall dann doch auch noch etwas Gutes ab!

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