Wie bereits angekündigt, setze ich meine Gedanken- und Erlebnisreise durch die Welt der deutschen Sprachkultur fort. Wer noch weitere meiner Erfahrungen und Eindrücke zu diesem Thema lesen möchte, findet hier noch mehr:

Verlorene Worte: Wenn die Sprache schwindet
Wenn Worte fehlen: Die Angst vor dem leeren Blatt


 

Jetzt sitze ich wieder hier und schreibe. Schreiben war für mich schon immer eine Passion, genauso wie das Handwerk, das meine Fähigkeiten schulte und die kleinen Werke, die ich hier verfasse (und manchmal auch in den Sand setze) stetig optimiert. Für ihre Komplexität liebe ich die deutsche Sprache. Immerzu entdecke ich neue Wörter und versuche, sie in meinen Wortschatz zu integrieren. Als Deutscher, so denke ich, ist man auch ein Erbe der großen Künstler, Goethe, Brecht, Heine… Sie hinterließen uns Meisterwerke der Poesie, des Schauspiels; des geschriebenen und gesprochenen Wortes. Dafür bin ich – und dafür sollten wir alle – dankbar sein. Menschen wie mir schenkte dieses Vermächtnis ein großes Interesse an der Welt der Worte. Und distanzierte mich so vielleicht auch ein wenig von denen, die unser Kulturerbe nicht mehr zu schätzen wissen.

In der Welt der Worte findet man so manche Überraschung

Vor vielen Jahren schon begegnete mir ein Begriff, der mich faszinierte und ebenso inspirierte: Neologismus – die Wortneuschöpfung. Für mich verbinden sich hier Kreationismus und Sprachvielfalt zu einem Begriff, der mit jedem Tag den Horizont unserer Sprache noch ein wenig über den Rand hinaus erweitert.

Mittlerweile aber hat Neologismus einen bitteren Beigeschmack angenommen. Die Jugend, zu der ich natürlich auch gehöre, hat der Wortneuschöpfung ihren Kreationismus entrissen und sie in eine Vereinfachung des Wortschatzes umgedichtet. Eine völlig neue Sprache entsteht, ein Slang, der nicht mehr nur einen alternativen Zweig unseres Sprachstammes bildet, wie Dialekte und damit verbundene Unterschiede im Wortgebrauch, sondern systematisch jeglicher Aussage die Schönheit, Poesie und Tiefe raubt.

Synonyme, so nannte man einst Begriffe, die alternativ für ein Wort vorstehen können, als Austausch mit naheliegender Aussage. Heute sind Synonyme zur Zeitverschwendung deklariert worden. Sie umschreiben nur die eigentliche Intention; man kann viel schneller ans Ziel gelangen, wenn man sie sich spart. Was bleibt, ist ein ewig gleiches Geschwafel, das aber aufgrund seiner Einfachheit in gewisser Hinsicht effektiver ist – zielführend, weil verständlich. Hier geht klar Quantität vor Qualität, weil sich die Querdenkerei und die dafür benötigte Zeit erübrigt.

So verkehren sich Neologismen in Mittel, um simplere Worte für tiefergehende Aussagen zu finden – und Synonyme werden radikal aus dem Gedächtnis entfernt, um das bereits beschnittene Sprachvermögen auf eine Basis aus zweckdienlichen Floskeln zu reduzieren. Beide, die Wortneuschöpfung wie auch die Alternative, sind letztlich eher hinderlich für die Konversation des modernen Jugendlichen.

Was oft vergessen wird, ist, dass Wortgewandtheit uns Möglichkeiten eröffnet, die man mit minimalistischen Ansprüchen an den eigenen Wortschatz nicht zu decken vermag. Nicht nur der Karriere ist es förderlich, sich gut verkaufen zu können (weil man über das nötige Handwerkszeug verfügt). Ist es attraktiver (im gesellschaftlichen wie auch im romantischen Sinne), sich artikulieren zu können – oder eher, dem Gegenüber in Ermangelung der richtigen Worte stumpfe, inhaltlose Fakten zu bieten, wenig durchdacht, weil der Quantität Vorzug gegeben wurde?

Die Sprache – und die angemessene Nutzung dieser birgt noch weit mehr Vorteile, die ich in Gänze nicht aufzählen will; aber eben auch, wie es mit allen Dingen nun einmal so ist, Nachteile. Kennst du mehr Wege, kannst du dich leichter verlaufen. Kennst du mehr Wörter, kannst du schneller missverstanden werden. Eine Wechselwirkung zwischen Gut und Schlecht. Die Sonnen- und Schattenseiten der Wortgewalt.

In der Welt der Worte findet man so manche Überraschung. Immanuel Kant – der Horror jedes Schülers, der dem Wahnwitz anheimfiel, Philosophie dem Religionsunterricht vorzuziehen – war mir der Liebste. Wer ihn kennt, dürfte mich spätestens jetzt nicht mehr für voll nehmen. Aber genauso wie Goethe die Poesie veränderte, setzte auch Kant Meilensteine mit seinen philosophischen Schriften, die neben tiefgreifenden Thesen auch so manchen zur Verzweiflung brachten; weil Kant ein Meister der Verschachtelung war. Ich glaube, ich neige dazu, ihm nachzueifern, wenn ich einen Gedanken ausformuliere und mich dabei erwische, wie Zeile um Zeile vergeht, während der Satz nicht endet. Kant aber ist das beste Beispiel für die Zweischneidigkeit des Schwertes: Er lieferte Grundsätze und Theorien, die die Gesellschaft maßgeblich beeinflussten, doch kein Schüler liest gern seine Schriften. Bevor man nämlich versteht, worum es darin geht, benötigt man Stunden, um die Chiffre der gesammelten Werke zu entziffern – und sei es nur ein Auszug von einer Seite; sie würde euch in den Wahnsinn treiben.

Doch genug davon. Ein Ausflug in die Tiefen der Philosophie ist beschwerlich und wenig reizvoll für den Rahmen dieser Internetpräsenz.

Was ich eigentlich sagen will, um dem ganzen Exkurs den Wind aus den Segeln zu nehmen:

Beschäftigt euch wieder mit Sprache! Lest, schreibt und traut euch, komplizierte Worte anzunehmen, statt zu überlesen. Warum mir das so unheimlich wichtig ist? Nächste Woche werde ich in „Ohne Worte, Teil II“ erklären, was mir solche Angst macht, wenn ich an den „Slang“ denke, der sich immer weiter ausbreitet. Was macht den Reiz daran aus, so zu reden, woher kommt das alles – und wie erlebt man genau diese Sprache im Alltag? Ich hoffe, ihr habt Interesse daran, es zu erfahren.

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