Was ist den Medien widerfahren, dass sie seit Monaten zentral für die Konflikte der Welt vorstehen, dass sie durch und durch nur noch Berichterstatter des Todes und der Verwüstung sind? Man liest ganz klein im unteren rechten Bildrand eine Mitteilung über Bestseller, eine Berichterstattung über Volksfeste oder den neusten Promi-Klatsch. Doch hoch oben, unübersehbar breit prangert der Polit-Thriller von heute, das große Weltchaos. Europa, die Einigkeit der strukturierten Staaten des mittleren Kontinentes. Die Union, die Zusammenhalt predigt; ein Netzwerk des Welthandels, wo alle alles teilen, gemeinsam füreinander stehen und in Verbundenheit ein besseres Morgen schaffen.

Dann kommen Grexit, Brexit und die kollektive Flucht. Syrien überschwemmt die EU, alle sind überfordert – viel Gerede, wenig Handeln. Die Rechten rebellieren, die Linken debattieren, die Politiker dementieren. Man will ja über irgendetwas diskutieren, stetig, immerwährend. Weil man sich so gerne beklagt – als Gutbürger. Und während man hier um Finanzierungen und Platzprobleme streitet, sterben sie reihenweise in den armen Ländern des Südens und Ostens.

Afrika im Hungerleid, seit Jahrzehnten aktuell. Wir bauen dann Kirchen und Schulen in die Wüste – und schlagen uns währenddessen den Wanst voll, bis die Reste vom Teller nach völliger Übersättigung in den Abfall fließen. Und ein wagemutiger Berichterstatter steht dann vor einer Holzhütte und erzählt vom Schicksal eines abgemagerten Kindes, das zum Geburtstag eine Waffe von Warlords bekommt, statt einem Spielzeug. Die Welt ist ein Kriegsschauplatz, der mit immer neuen Facetten doch altbekannt durch die Medien kursiert. Und wir sitzen am Laptop und beklagen uns über schlechtes W-Lan.

Manch einer liest gern mal in Zeitungen oder im Internet und stößt – besonders heute, wo die vielen kleinen und großen Konflikte und Krisen maßlos überhandgenommen haben – auf einen Bericht über die Situation der Menschen in Syrien. Da findet man Informationen über die Lebensbedingungen; die Heimatlosen, die Toten, die Überlebenden, die Kriegstreiber und die Flüchtlinge. Gott sei Dank ist das alles so weit weg, denkt man sich. Da hab ich nichts mit am Hut. Aber aus Solidarität ändere ich mein Profilbild bei Facebook. Das zeugt von Mitgefühl. Der Browser bietet uns sogar vorgefertigte Filter in Nationalfarben. Danach geht es zurück ins leichte Leben.

Wir müssen uns ja nicht damit befassen, haben ja sowieso keine Ahnung, was da draußen abgeht. Wir halten nichts von Krieg, deshalb mischen wir uns nicht ein. Wir lauschen nur weiter dem Verkündiger, der Medienmacht, die vor Ort war und ist – und stets bemüht, die Wahrheit zu erzählen; um offenzulegen, wie schrecklich es dort aussieht, im friedensfernen Fremdland. Und dann passiert es. Was so offensichtlich sein sollte, geriet in Vergessenheit, war irrelevant, angesichts der Entfernung, dem Wohlstand des Eigenheims, dem sicheren Leben in sauberen Straßen. Der Konflikt war und ist immer schon überall gewesen. Wir alle sind involviert. We are one!

Wir wollen uns Einheit nennen, europäische Union, eine Welt, alle Hand in Hand. Sei es dahingestellt, dass viele von uns an diesem Konzept zweifeln, wir sind genau das, auch wenn niemand es zugeben will. Wir gehören alle zusammen, selbst wenn wir gegeneinander Krieg führen. Denn was einen trifft, betrifft alle.

Syrien ist im Krieg, Menschen sterben, andere flüchten und suchen Unterschlupf bei uns. Denn wir haben von allem genug, eine stabile Infrastruktur, Platz und Arbeit im Überfluss, Essen, Trinken und Frieden. Doch wo der eine Frieden säht, erntet der andere Krieg. Dann kommen die Zweifler, die Ängstlichen, die Kapitalisten und Egoisten. Sie schreien auf Demos und beklagen sich im Radio. Währenddessen redet die Kanzlerin sich um Kopf und Kragen, will das Schiff auf Kurs halten, obwohl es droht zu kentern. Doch nicht, weil es zu voll ist, sondern weil keiner hier die Verantwortung sieht, seinen Beitrag zu leisten. Einer am Steuer ist nicht genug, um die Fluten zu brechen. Es braucht eine Einheit, in der jedes Glied ineinandergreift.

Eigentlich ist es dasselbe alte Lied – wie zum Beispiel beim Umweltschutz. Die anderen tun es ja auch nicht, wieso sollte ich den Müll trennen? Wieso sollte ich auf Fleisch verzichten, nur um Tieren eine Chance auf ein leidloses Leben zu gewähren? Wieso sollte ich Flüchtlingen helfen, wenn ich dafür mein Essen teilen muss? Genau. Und deshalb herrscht der Konflikt nicht nur da draußen, sondern auch hier drinnen. In unseren eigenen vier Wänden. Man würde jetzt noch behaupten können: Das regelt sich schon, die Konflikte hören auf. Ich halte mich trotzdem raus…

Aber spätestens seit dem 13.11.2015 – Freitag, dem 13. – sollten es alle begriffen haben. Je mehr wir uns dem Chaos in der Welt entziehen, desto größer und unkontrollierbarer wird es. Eine große Ohnmacht herrscht dieser Tage, denn Anschläge in Frankreich und Belgien lähmen uns, treffen jeden, egal, ob man sich enthalten oder beteiligen will. Mit dem Zug fährt man in knappen 4 Stunden von Düsseldorf nach Paris. Der Krieg steht nicht nur metaphorisch vor unserer Tür. Und genau jetzt sollte ein Aufschrei erfolgen, eine Einsicht des Volkes, dass wir eine Einheit sind. Ein Treffer in das Herz Europas – und plötzlich spüren auch wir es. Syrien ist genauso Teil dieser Welt wie wir; und somit auch ein Teil von uns selbst.

Ein Anschlag also, ausgeübt von Menschen, die man als Höhlenvolk betitelt, Hinterwäldler aus der Wüste. Solch organisierte Schläge resultieren nicht aus spontanen Ideen, sie sind geplant, bis ins kleinste Detail durchdacht. Und womöglich sogar ein Hilfeschrei aus den vergessenen Teilen der Erde. Das soll nichts rechtfertigen. Eine solche Tat ist bestialisch, schrecklich für uns alle. Doch sie zeugt davon, dass wir alle Teil des großen Ganzen sind und nicht einfach blind durch unser Leben laufen sollten, während andere leiden. So groß ist unser Egoismus geworden, dass wir die Augen verschließen vor dem, was außerhalb der Mauern unseres eigenen kleinen Horizontes geschieht.

Letztendlich möchte ich niemanden zum Handeln auffordern, will niemanden in den Krieg schicken oder auf die Straße gehen lassen um zu rebellieren. Nein. Ich will nur, dass man sich nicht mehr einredet, man würde nicht dazugehören, man wäre frei von all dem. Wir alle sind Teil davon. Und obgleich kein Frieden durch Krieg erreicht werden kann – was nun so viele Menschen hinsichtlich der jüngsten Ereignisse jedoch erzwingen wollen – sollten wir uns alle einmal fragen: Können wir etwas tun? Oder lassen wir den Krieg geschehen, hoffen und beten weiter, dass er nicht in unserer Nachbarschaft ausgetragen wird. Nein. Wir können etwas tun; jeder von uns. Steter Tropfen hüllt den Stein. Das klingt bescheuert. Aber genau das ist es.

Das Wichtigste ist, irgendwo anzufangen. Und sei es nur, indem wir über das hier nachdenken.

 

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