Ich kehre heim, von einer zweitägigen „Reise“ in die benachbarten Niederlande, wo ich spontan einigen Freunden Gesellschaft leistete, um gemeinsam das Jahr 2016 einzuläuten. Ein wenig Abwechslung, kein Internet und Telefon, kein Fernseher und vor allem kein deutscher Alltag, zumindest für eine kurze Weile, das war mal nötig.

Die letzten Wochen, Monate, das gesamte letzte Jahr war kein leichter Abschnitt meines bisher noch recht kurzen Lebens. Im Grunde war der Aufbruch, wenn er auch nicht in weite Ferne führte, eher ein Ausbruch. Die letzten Wochen verbrachte ich mit dem Versuch, meine innere Zerrissenheit verzweifelt zu beenden, meine verstreuten Gedanken wieder zusammenzutragen und endlich wieder Klarheit dem Chaos entgegenzusetzen, das meine nahe Vergangenheit zeichnete. Gelungen war mir das bis dato nicht.

Was ich im letzten Jahr erlebte, war nichts großartiges, nichts gewaltiges, kein Abenteuer, keine Weltreise, kein Erlebnis, von dem ich einmal meinen Kindern und Enkeln unbedingt erzählen würde, um ihr Leben zu bereichern. Ich unternahm eine innere Reise, eine Wanderung durch Trübsal und Elend, und rein gefühlsmäßig fühlte sich diese Phase ewig an. Ich wurde mit negativen Ereignissen konfrontiert – und das mehrfach – die ich zuvor nie erlebte und denen ich somit nicht gewachsen war. Ich glaube fast, dass seelischer Schmerz, der andauert, wesentlich schlimmer ist, als körperlicher. Auch vor sehr kurzer Zeit suchte mich dieses Gefühl heim, ich versank in Selbstzweifeln, Trostlosigkeit, Zukunftsangst. Ich stellte mein eigenes Sein in Frage, zermarterte mir den Kopf darüber, wie es wohl weitergehen sollte. Am schlimmsten war jedoch die ernüchternde Gewissheit, dass ich keine Antwort auf meine Fragen bekommen würde. Alles, mit dem ich mich 2015 auseinandersetzen musste, waren Fragen. Wohin, wofür… warum?

Thema ist hier aber nicht der geistige Verfall, dem ich mich noch immer verwehre, indem ich Hoffnung bewahre, sondern ein Vorsatz. Nicht irgendeiner, leicht daher gesagt, wie eine Floskel der Höflichkeit. Kein Plan, das Rauchen aufzugeben, weniger Alkohol zu trinken, mehr Sport zu treiben, abzunehmen, mehr zu lernen, effektiver und aktiver am alltäglichen Leben teilzunehmen… die Liste der Vorsätze, die Menschen sich zum Jahreswechsel zur Aufgabe machen, ist schier endlos. Man beschließt, den Übergang in das kommende Jahr zum Beginn eines neuen Lebensabschnittes zu machen, weil man glaubt, dass der übermäßige Umtrunk, das gemeinsame Feiern, das die Nacht erhellende Feuerwerk und all die anderen Traditionen des Abends nicht nur zweckdienlich, sondern romantischerweise auch als symbolischer Schritt in eine neue Ära anzusehen sind; oder gar in ein neues „Leben“. Man will sich ändern und verbessern, ein „größerer“ Mensch werden, als man es im vergangenen Jahr war… und um das zu bewerkstelligen, bedient man sich eines Vorsatzes. Einem Sinnbild des gewissenhafteren und besseren Umgangs mit der eigenen Zukunft. Einem Sinnbild des Guten.

Um eine Brücke zu schlagen – zwischen meinem im ersten Abschnitt erklärten negativen Blick auf das letzte Jahr und dem Vorsatz für das gestern eingeläutete – folgt mein Vorsatz des letzten Jahres: Auch den Übergang von 2014 in 2015 verbrachte ich mit meinen engsten Freunden in Holland. Ich hielt dort meine Freundin im Arm… und sagte ihr (es müsste so um 0:01 Uhr gewesen sein) folgendes: „Das wird unser Jahr!“

Der Vorsatz, den ich mir auferlegt hatte, war die Besserung in vielerlei Hinsicht. Ich wollte aktiver werden, zusammen mit meiner Freundin die erste gemeinsame Wohnung finden und wieder anfangen zu schreiben. Nichts davon ging so wirklich in Erfüllung. Alles kam anders als gedacht. Ich wurde so träge, dass ich es kaum mehr bis in die Küche schaffte, um mir etwas zu Essen zu machen und mich wieder vor den Fernseher zu setzen. Die Arbeit war in Ordnung, aber ich schrieb nichts mehr und ließ den geistigen Verfall voranschreiten. Das Mädchen, dem ich sagte, dass 2015 unser Jahr werden würde, verließ mich keine 3 Monate später. Ich war am Boden zerstört und alles, was ich mir vorgenommen hatte, war unwirklich geworden.

Dort begann meine Reise der Erkenntnis, an deren Ende ich einen Vorsatz fand, der, so wage ich es zu behaupten, allen anderen Vorsätzen überlegen ist, weiser und wertvoller als jedes Ziel, das man sich für seine eigene Zukunft vornehmen kann. Auch wenn es vermessen klingt und man mir gern widersprechen darf, so fühle ich mich wohl damit und blicke hoffnungsvoll auf ein Jahr, das Dinge für mich bereithält, die ich von meinem Standpunkt aus wahrscheinlich nicht einmal erahnen kann.

All die Thesen, die man sich auferlegt, die Vermutungen, die man anstellt, darüber, wie man dem routinierten Alltag entfliehen kann, die kommenden 365 Tage so gestaltet, dass sie so viel besser werden, als es die letzten 365 Tage waren, sind doch nur Thesen. Wir stützen uns so voller Enthusiasmus auf unsere Ziele, dass wir den Weg dorthin vergessen. Man will etwas unbedingt erreichen und setzt sich die Jahreswende nicht nur als Umbruch, sondern auch als Anfang einer neuen Reise vor. Dass nichts, das in der Zukunft liegt, zu 100 Prozent geplant werden kann, sollte jedem klar sein. Das Leben richtet sich nicht nach uns. Wir müssen uns dem Lauf der Dinge fügen, weil alles passieren kann. Die Welt ist im Wandel, alles fließt und verändert sich stetig. Noch vor 9 Monaten war ich mir sicher, ich würde das nächste Silvester in meiner ersten eigenen Wohnung, mit Freundin und Freunden feiern. Letztendlich bin ich doch ausgezogen, die Wohnung teile ich mir aber mit meinem besten Freund – und Silvester fand nicht in unserem Heim statt. Angefangen zu schreiben habe ich wieder, doch viel später als ich es mir vorgestellt hatte – und völlig anders, als es mir meine Erwartungen prophezeiht hatten. Die Routine schlaucht mich noch immer, ich rauche schon seit einer Weile wieder (seit dem Vorsatz des Aufhörens 2014/15) und im Moment plagen mich Kopf- und Magenschmerzen; Nachwirkungen des in Fülle vernichteten Alkohols; wobei ich davon ausgehe, dass ich damit ganz und gar nicht allein bin, so kurz nach dem großen Fest. Aber ich lebe.

Ich atme, ich denke, ich bin mehr oder weniger aktiv, je nach Gemütslage. Ich bin noch immer hier und ich mache weiter. Nur planen werde ich nicht mehr so weit im Voraus. Die großen Träume bleiben. Ich setze mir aber keinen Start- und Zielpunkt. Alles kommt irgendwann zur richtigen Zeit. Diese vorauszusehen liegt aber nicht in unserer Macht. Warum sollte man also eine der großartigsten Eigenschaften des Menschen, die Spontanität, die so viele Menschen schon in große Abenteuer hat stolpern lassen, verwerfen, nur um sie durch einen guten Vorsatz zu ersetzen? Ich finde, wir lasten uns zu viel auf, das wir nicht nötig haben. Ein guter Wille, eine Motivation oder eine Idee sind unbestreitbar edle Eigenschaften und dienen einem höheren Zweck. Aber sollten sie an einen Tag gebunden sein, der letztendlich lediglich den Wechsel des Kalenders zur Folge hat? Naja… natürlich. Das dürfen wir. Aber wir sollten es nicht so eng sehen mit all den Vorsätzen, die sowieso nur im seltensten Fall eingehalten werden. Sich daran zu binden, wäre ja auch irgendwie langweilig oder? Den meisten Spaß hatten wir doch immer schon an den vielen letzten Zigaretten, den gebrochenen Regeln und dem Gedanken, dass wir es zumindest versucht haben; denn er hat uns zu neuen Ideen und Taten ermutigt.

Was nun der Vorsatz ist, den ich mir für 2016 auferlegt habe? Ich habe mir fest vorgenommen, zu bleiben, wie ich bin. Ich nehme mir vor, mir nichts vorzunehmen; nichts zu verändern, nichts zu erzwingen und nichts zu planen. Das Leben ist – zumindest in dieser Hinsicht – wie ein Kinofilm; wenn wir immer schon wüssten, was als nächstes passiert, wo bliebe dann das atemberaubende Gefühl, die Spannung, das Herzklopfen und Zittern, die Hoffnung? Ich weiß nicht, was morgen kommt. Vielleicht habe ich dann keine Lust mehr zu rauchen oder zu trinken. Vielleicht bin ich nächste Woche tatsächlich ein anderer, besserer Mensch; vielleicht aber auch nicht. Ich lasse es darauf ankommen. Für die nächsten 365 Tage des Jahres lasse ich mich einfach überraschen!

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