Neu ist immer besser? Soweit ich mich erinnere – und das nicht nur durch „How I Met Your Mother“, wo Barney Stinson sich dieses Leitmotiv setzte – gibt es eine Redewendung, die so lautet. Heutzutage trifft sie ja auch eigentlich genau ins Schwarze. Unser Leben ist so kurz, dass wir ja nichts verpassen wollen. Wir sind umgeben von Werbeplakaten, die uns sagen, was uns noch fehlt – und wenn man ihnen Vertrauen schenken darf, dann fehlt uns wirklich so ziemlich alles.

Immer muss es viel sein und am besten noch mehr. Was folgt daraus? Wir springen von einem Ort zum nächsten, immerzu in Hektik, um nichts zu verpassen. Wir kaufen, bestellen und reservieren, sammeln und horten, laufen, fahren, fliegen, um auf Listen einen Haken zu setzen, die nur entstanden sind, weil wir durch ein Leitmotiv geprägt werden, das die Medien überhaupt erst erschaffen haben. Letztendlich versäumen wir dadurch aber gerade das Wesentliche. Das, was genau vor unseren Augen liegt, die einfachen, kleinen Dinge des Lebens. Die, die nicht damit prahlen müssen und wollen, was sie sind und was sie können, wie sie glänzen und strahlen und unser Leben unglaublich bereichern. Doch wir sehen sie nicht.

Leuchtreklame ist nun einmal wesentlich eindrucksvoller als ein Obdachloser, der sein Brotgeld am Straßenrand erwirtschaften muss. Sie zieht unsere Blicke auf sich und lenkt uns von dem ab, was unser Leben wirklich bereichert. Die gute Tat in sich, das Verweilen in einem Moment der Ruhe, die immateriellen Dinge. Doch was zählt denn nun wirklich?

Schneller, höher, weiter – das ist das Motto. Im Kern hat es wirklich etwas Wahres. Natürlich leben wir, um zu erleben. Wir wollen alle am Ende unseres kurzen Daseins auf diesem Planeten mit der Gewissheit gehen, dass wir alles erreicht und getan haben, das wir wollten, das uns geprägt und gestärkt hat. Wir wollen unseren Kindern erzählen, wie wir gelacht, geweint und geliebt haben. Jeder von uns wünscht sich sein eigenes Abenteuer, sein großes Debüt auf der Leinwand der Erinnerung, mit den Besten der Besten in den Hauptrollen, mit Drama, Action, Komik und dem ganz großen Happy End. Was uns aber wirklich fehlt, ist eine winzige Erkenntnis, die benötigt wird, um diese Geschichte richtig zu schreiben.

Wir sind so versessen darauf, dass wir auf dem Weg dorthin die Dinge verlieren, die wir eigentlich brauchen. Je mehr wir danach streben, desto blinder werden unsere Augen dafür, dass wir für dieses Abenteuer auch etwas leisten müssen. Stark sein, mutig, aber auch gütig und mitfühlend. Glück kann man nicht kaufen und es wartet auch nicht hinter der nächsten Straßenecke. Glück entsteht in uns, nicht in den Dingen, die wir in der Werbung sehen.

Der Weg nach oben führt manchmal über Leichen, auch diese alte Leier ist bekannt. Man sollte aber bedenken: je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Und am Ende fallen die, die nur auf ihr eigenes Wohl schauten, am tiefsten.

Es bleibt, wie es ist. Wir rennen von einem ins nächste Leben, weil wir immer noch mehr haben wollen, aber vergessen dabei unser eigenes. Kümmern wir uns ein wenig mehr umeinander, als um den eigenen Profit und schauen in erster Linie auf die Dinge, die auf den ersten Blick unsichtbar sind, die inneren Werte können wir lernen und wieder anfangen die geringsten Dinge wertzuschätzen. Unser Selbstbild will immer nur optimiert werden, man will sich perfektionieren. Das ist nicht falsch. Es ist nur zu viel verlangt. Wir lasten uns etwas auf, das wir haben oder erreichen wollen, weil wir glauben, es würde uns Glück schenken. Verlieren wir uns nicht zu sehr in all dem, was wir unbedingt noch erleben müssen, finden wir dieses Glück aber viel eher, als in den Dingen, die wir besitzen oder erstreben wollen.

Ich glaube dennoch, dass viele von uns fehlgeleitet sind. Blind, taub und stumm. Wir haben vergessen, worauf es wirklich ankommt, denn manchmal sind die Dinge, die man nicht sehen kann, weil sie einem zu klein erscheinen – oder die Dinge, die man in seinem Streben aus den Augen verloren hat – am Ende viel größer als die Werbeplakate, die versprechen, was sie nicht halten können.

Augen auf. Blick nach vorn. Sonst übersieht man das, was ein wahres Abenteuer hätte werden können. Neu ist nicht immer besser. Manchmal muss man altes bewahren, um es neu zu gestalten. Denn was Bestand hat, kann zu etwas viel größerem werden, als es etwas neues je hätte werden können. Auf den Pfeilern der alten Welt bauen wir uns das Glück. Mit offenen Augen und offenem Herzen, mit nichts in den Händen als dem Gras der Wiesen, auf denen wir verweilen, weil der Moment der Ruhe auch ein wertvolles Erlebnis sein kann. Es sind die kleinen Dinge, die wirklich zählen. Die staubigen, alten, glanzlosen, unbedeutend wirkenden. Sie haben Charakter, Geschichte, Herz. Aus ihnen erwächst das wahre Happy End.

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