Wir treten ein. Die Hallen sind gefüllt. In schmalen Gängen tummeln sich Gestalten, die in einer solchen Konstellation kaum woanders anzutreffen sind. Es scheint, als hätte man die Anhänger jeglichen Genres in einen Topf geworfen, ihn reichlich umgerührt und vom Himmel herab durch die Eingangstore der Westfalenhalle geschüttet. Blutjung, steinalt, korpulent, hager. Manch einer scheint sich das Jahr über nicht aus dem Haus getraut haben, andere werden wohl soeben der letzten Diskothek entflohen sein. Hier vereinen sich alle Leute, ganz gleich, woher sie stammen, zu einem Kollektiv der Extravaganz – denn was kommt, ist keiner Gruppierung zuzuordnen. Es folgt ein Erlebnisbericht, eine Geschichte über eine kurze Reise, die wir im Dezember 2015 unternahmen. Guten Morgen Deutschland, letztes Jahr waren wir auf dem Mars!

Bild-5Ich blicke umher und sehe viele verschiedene Leute. Eine Farbe jedoch sticht heraus. Grün. Die meisten hier haben sich damit bekleidet, um zu huldigen, oder in der Masse zu versinken, eins zu werden mit dem Spektakel, das uns im nächsten Raum erwartet. Wir geben unsere Jacken ab, holen uns ein paar Getränke an der Bar und treten ein. Dunst hängt an der Decke, die Atmosphäre ist gleichzeitig entspannt und geladen. Die Menge steht vor einer kleinen Bühne, auf der Tische und darauf thronende Anlagen drapiert werden. Die Luft riecht süßlich, das Menschenmeer teilt einen gemeinsamen Gesichtsausdruck. Ein Hochgefühl des Glücks liegt in ihren Mundwinkeln, ihre Augen starr und glasig, leicht benommen, aber von tiefster Zufriedenheit erfüllt. Man riecht es in der Luft, es berauscht die Sinne, bettet die Seele in Samt. Samt…

Zwei Personen kommen auf die Bühne, bieten ein Vorprogramm, das erst verwirrt, bis es umschlägt in ekstatische Klänge, während die Menge im Gleichklang wie ein Echo der technischen Beats angestiftet wird, sich zu bewegen. Es werden Zigaretten herumgereicht… nein, keine normalen Zigaretten. Filterlos, gedreht. Sie verbreiten mehr Dunst, die tiefen Decken des wie ein Ballsaal anmutenden Raumes verschwimmen in Nebel. Das Vorprogramm endet. Stille. Dann: Nebelschwaden von der Bühne herunter in die Menge, bis der Saal so eingetaucht in ein Band aus Dampf ist, dass man die eigenen Hände kaum noch sehen kann. Der Raum verliert sich, die Erde entfernt sich von diesem Ort. Er hat uns von dort fortgeholt. Dann: Grünes Licht, leiser Klang. Sanfte Bässe massieren die Schläfen, alles ist grün, auf der Bühne regen sich Gestalten. Ich erinnere mich an Konzerte mit moshenden Massen, mit schreienden Frauen und brüllenden Männern, mit Bierduschen und kriegerischer Atmosphäre. Hier liegen sie sich plötzlich in den Armen. Sie bewegen sich rhythmisch, jeder für sich, jeder in seiner eigenen Welt, so asynchron, dass es beinahe wieder in den Takt passt. Dann ertönt die Stimme. So in die Höhe gepitcht, dass es beinahe wehtut. Einstieg: La Saga. Marsimoto ist erschienen. Sein Alter Ego hat er daheim gelassen, heute ist sein Abend. Unser Abend. Wir sind keine Menschen mehr, wir sind Marsianer. Und er hat uns angesteckt.

Es beginnt wie es endet, ein Konzert wie eine Geschichte. Jeder Song geht in den nächsten über, ein perfektes Bühnenspiel ohne Spannungsabriss. Die Menge ist wie gebannt, die Luft elektrisiert. „Wenn die Siren‘; anfang‘ zu sing‘; sinken die Schiffe; eins nach dem ander’n…“ Marsi hat die Menschen in seinem Griff, betäubt ihre Sinne, befreit ihren Geist. Ekstatisch folgen wir seiner Stimme, wie Seefahrer einst den Klängen der Sirenen. Doch nicht in unser Verderben, sondern in ein gelobtes Land. Er nimmt uns mit nach „Green Pangea“, erzählt Anekdoten aus seinen abenteuerlichen „Sieben Leben“ – „Alles begann, als der Anfang noch der Anfang war; als es noch kein Gestern gab; Materia kein Rapstar war“ bis „An all die Nebelung‘ da draußen; tut mir leid es ist vorbei; man soll aufhör’n wenns am schhhh…eiss drauf ich bin high!“. Man will ihm beinahe glauben, dass er den Anfang von allem (fast) miterlebt hat, denn der ausgeprägte Wortschatz, die einzigartigen Beats und die bebenden Bässe führen uns direkt hinein in seine Schöpfung. Und wenn es auf dem Mars mal Leben gab, dann war Marsi auf jeden Fall dabei.

Bild-4Plötzlich wird die Bühne rot, als stünde alles in Flammen. Brennende Nebelschwaden umhüllen eine grüne Gestalt, die uns die mit Max Herres Worten von der Anarchie berichtet: „…denn immer wenn es regnet, muss ich an dich denken; grünes Blut klebt an all‘ euren Händen; Marsis besetztes gesetzloses Gebiet; Anarchie!“ Es geht weiter mit einem Ausflug in die Zeit der ersten Alben, wo er den Döner anpreist, der immer schon belächtelten kleinen Bühne ihren Tribut zollt und Weisheiten teilt; wie die, dass den Pinguinen entgegen aller Wahrscheinlichkeit einfach nur scheisskalt ist (während die Bühne in eisblaue Farbe getaucht wird).

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Dann folgt, was folgen musste. „Grüner Samt“. Und all jene, die Marsimoto kennen, wissen was das bedeutet. Glimmstängel gehen an wohin auch immer man schaut. Denn wie man weiß, predigt er seit seinem letzten Album-Release „Kiffen nur mit Marsimoto-Logo-Tätowierung“ – und bei elektronischen Reggeabeats mit geptichter Stimme und rubinroten Augen, die im grünen Licht scheinen, ist die Atmosphäre perfekt. Wer bis dato nicht angesteckt wurde, hat den Kampf ab diesem Punkt verloren. Der Nebel, dicht wie eh und je, schließt jede Lücke des Raumes. Rauchwellen durchdringen die Menschenmengen; tausend Marsianer im Dunst und nur ein Gedanke, der alle vereint: „Chillen“.

Dass alles mal ein Ende hat, weiß jeder. Hier kommt es unerwartet, obwohl es geplant ist. Denn die Geschichte packt uns alle, lässt uns Teil des großen Ganzen werden. Und dann ist es vorbei. Die grünen Lichter verschwinden, die „Marsi-Fuckin‘-Moto-Crew“ verschwindet, wie sie kam: Im Dunst des grünen Samtes.
Ein Konzert wie von einem anderen Stern; unvergesslich. Und wer schon mehr als genug immergleiche Konzerte besucht hat, sich nach etwas neuem sehnt, etwas richtig abgefahrenen… dann besucht eines von Marsimotos Konzerten. Denn wer seinen Songs richtig zugehört hat, weiß, dass bei ihm nach sieben Leben noch lange nicht Schluss ist.

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