Es ist schon recht spät. Ich sitze auf dem Bett, starre den Wänden Löcher in die Tapete. Ginseng und Baldrian, Konzentration und Beruhigung; angeblich jedenfalls. Ich gebe mich nicht zufrieden mit der Tristesse. Heute ist mal wieder so ein Tag zum Verschlafen. Am liebsten würde ich meine Gedanken bis zum Wochenende vorspulen – ist aber nicht drin. Mein Kopf hat längst vergessen geglaubte Erinnerungen ausgegraben. Einfach so. Und jetzt hab ich nicht mehr so viel Spaß an meinem ersten freien Tag seit langem.

Das haben wir alle mal oder? So gegen frühen oder späten Abend, je nach Vorliebe. Dann brennt ein Gedanke im Hinterkopf, bis der ganze Schädel Feuer fängt. Ich denke herum, auf dem, was mein Leben zeichnet, unverkennbar, individuell, eigen. Langatmiges Leiden. Habe Trennungen erlebt; die der Eltern und anderen Verwandten, die der Freunde, die eigenen. Immer schmerzhaft, meist, wenn man es subjektiv betrachtet. Objektiv klingt es immer einleuchtend – tut aber trotzdem weh.

Man verliebt sich, verliert sich, verliert sie. Man ist fett geworden, weil träge. Das Bett ist nicht nur im Winter bequem. Wenn man keine anderen sozialen Kontakte pflegen muss als den einen. Wenn man keinen Sport mehr macht, sondern kocht. Man arbeitet, man fährt heim, man lebt für die Liebe – und Liebe geht, in falschen Händen oder Umständen, gern Hand in Hand mit Leiden. Sie bricht Menschen, ihre Gemüter, ihre Überzeugungen. Gefühle werden Staub, warme Worte verhallen zu blechernen Echos, eher dumpf und grob, wie sie sich im Inneren des Schädels überwerfen. Da bleiben Schatten, die den Schlaf rauben, Lasten, die in die Jahre hineingetragen werden, verwurzelt bis ins Mark. Und das alles nur, weil wir ewig suchen, ob bewusst oder unterbewusst: nach der wahren – was? Liebe? Oder der Nicht-mehr-Alleinsamkeit?

Muss man lieben lernen? Oder ist es nur ein Instinkt, ein Trieb wie die Lust? Was für ein befremdlicher Gedanke. Aber schließlich kann man Liebe ja auch nicht wirklich erklären. Sie ist immer anders, individuell wie unser Denken, allein schon daraus zu erkennen, dass man scheitert, wenn man versucht, sie zu berechnen. Und das Vermögen, zu unterscheiden, ob man Liebe sucht oder doch nur das Ende der Einsamkeit, ist in Wahrheit auch nur eine unlösbare Frage, ein einfaches Glauben an das eine oder andere; wenn es auch nur ein „sich selbst einreden, dass man die Antwort kennt“ ist. Denn eigentlich sind beide Dinge verwachsen, eng verbunden, wie die Personen es sein wollen, die sich der Liebe bedienen. Gefühle sind wie die Luft: unsichtbar, nicht zu fassen, doch allgegenwärtig; manchmal flüchtig – doch nicht im Ansatz so nichtig – wohl eher elementar, wie ebenjene Luft für unsere Lungen. Sie bestimmen unser Handeln, sie beherrschen uns. Es erfordert Übung, sich nicht von ihnen übermannen zu lassen. Ich bin ungeübt.

Ich lasse mich dominieren, besonders zur späten Stunde- und etwas benebelt von Hausmitteln. Beruhigung bringt es mir dennoch nicht. Ginseng schmeckt bitter, Baldrian ist nicht mehr als Placebo. Womöglich ist mein Denken (erfahrungsgemäß) einfach negativ. Aber es ist normal. Die schlechten Erfahrungen prägen am meisten. Altlasten bleiben und treiben mir Zweifel in die Knochen.

Gibt es einen Trick, um die belastenden Bilder der Vergangenheit hinter sich zu lassen? Gibt es Möglichkeiten, zu vergessen, um nie wieder das altbekannte im Geiste noch einmal erleben zu müssen?

Zu positiveren Zeiten machte ich aus schlechten Erfahrungen gute Erkenntnisse. Wer ganz unten ist, kann nur Besserung erleben. Wer weiß, wie es im schlimmsten Fall werden kann, weiß, wie er präventiv neues schlauer angehen kann, meist auch vorsichtiger. Eine gescheiterte Beziehung macht stark. Es dauert; aber es ist möglich. Wer sich in Selbstmitleid und Selbstzweifeln ertränkt, sein Selbstwertgefühl abhängig von gemachten Fehlern macht, wird sicherlich nicht weit kommen – oder ewig brauchen, um zu verarbeiten. Optimismus kann helfen. Sich selbst sagen, dass man stark ist, dass man über das brennende Verlangen, die Sehnsucht, das Leid hinwegkommt. Man kann Heilung ebenso wenig berechnen wie Liebe. Es gibt kein Datum, ab dem es einfach vorbei ist. Es ist ein ewiges Auf und Ab, eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Positiv. Negativ. Großartig. Absolut beschissen. Schmetterlinge. Reißnägel… und dann, irgendwann, ist es vorbei.

Man fühlt sich wieder frei, unbefangen, geheilt. Nur leider hält das den Kopf nicht davon ab, zu zerdenken. Jeder Abend in Stille, allein, will altes wieder aufrollen, von neuem Erklärungen und Antworten suchen. Das „Warum“ ist die schlimmste aller Fragen, besonders nach gescheiterter Liebe. Dann füllt sich Positivismus mit Negativ-Gedanken und kippt aus der Waage, wird ertränkt und versinkt in neuen Zweifeln. Warum? Weil man sich höchstwahrscheinlich nicht nur ein einziges Mal im Leben mit Liebesleid auseinandersetzen muss. Weil jede Beziehung, jedes Gefühl in tausend verschiedenen Variationen gelebt werden kann. Weil man eine Erfahrung abhakt und eine andere macht; eine, die genau so weh tut, genau so viel Selbstvertrauen bricht.

Der Trick, der alles einfacher macht? Die Wahrheit: Es gibt keinen.

Es ist unausweichlich. Es nennt sich Leben. Das Einzige, was man tun kann, ist irgendwann akzeptieren. Akzeptieren, dass man leidet, dass man zweifelt, manchmal strauchelt, dass man hasst und vermisst, erinnert und nicht vergisst. All´ diese Dinge gehören zur Liebe dazu. Doch es ist nur ein Teil der Waage. Und es lohnt sich, für die andere Seite des Ganzen auch das Negative in Kauf zu nehmen. Man ist schwach, ja. Und manchmal auch träge. Manchmal will man nie wieder lieben. Aber das wird man. Es ist das Gleichgewicht der Gefühlswelt, das im Einklang gehalten werden will. Wir empfangen Leid, viel Leid. Doch eines Tages empfangen wir dafür ein noch größeres Glück. Und an diesem Punkt wissen wir, dass es sich gelohnt hat, schweren Zeiten die Stirn zu bieten. Wer aufgibt, wer verdrängt, wer verbittert, hat einen langen Weg vor sich. Wer akzeptiert und den Schmerz zulässt, wird Heilung erfahren. Und Heilung ist der Weg zu neuer Liebe. Zu größerer Liebe. Das jedenfalls ist meine Erkenntnis. Und diese Erkenntnis hat mich gerettet.

Heute bin ich frei. Ich trage die Altlasten zwar noch mit mir herum, aber sie schmerzen mich nicht mehr. Zwar bringen sie mich auf Gedanken wie die, die ich hier aufgeschrieben habe, aber ich nutze sie, statt mich von ihnen quälen zu lassen. Ich schreibe dann etwas, manchmal auch Gutes oder gar Großartiges. Und dann geht es mir richtig gut. Weil ich sagen kann, dass ich es überstanden habe.

Habe ich eben Worte wie „individuell“ und „eigen“ benutzt? Ja natürlich. Ich bin der einzige Mensch, der dieses Leiden hat (oder hatte). Das ist immer die Ahnung, das ist das Brennen im Hinterkopf. Man glaubt, man sei allein mit solchen Verwundungen und Verwunderungen. Man fühlt sich in solchen Momenten ja auch ziemlich allein – oder alleingelassen. Ist man aber nicht.

Jeder erlebt das. Und jeder schafft das. Auf seine Weise. Als Erfahrung auf dem eigenen Lebensweg, an dessen Ende die Liebe steht, die kein Leid mehr bringen wird. Man darf nur nicht aufgeben. Denn Hoffnung gibt es immer. Und jeder, der schon einmal dieses Liebesleid erlebt hat; jeder, der es geschafft hat, wird das gleiche sagen: Gib. Nicht. Auf!

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