Ich denke, es begann mit Spielfilmen und den ersten Serien. Das Gefühl, das mich in alternative Welten einlud. Alternative Welten sollen nicht Science-Fiction bedeuten, nicht Fantasy oder Sonstiges, was der freien Fantasie entspringt. Alternative Welten, die der unseren so nah sind, dass sie beinahe real wirken.

Die erste Serie, der ich verfiel, war Scrubs. Sie erzählte von jungen Ärzten, die gleichzeitig ihr verworrenes Leben zu meistern versuchten und ihre Karriere im zentralen Handlungsort, dem „Sacred Heart“-Krankenhaus voranzutreiben. Diese Zeit liegt bei mir schon mindestens sieben Jahre zurück und ich erinnere mich dennoch an beinahe alles, was „J. D.“ John Dorian und seine Freunde damals erlebten. Doch warum?


Die ersten Spielfilme, die mich wirklich berührten, waren „Star Wars“ und „Der Herr Der Ringe“. Abgesehen von meinem Hang zur Fiktion, die hier wesentlich mehr im Fokus steht, als bei oben genannten Serien der nahen Realität, war es nicht nur die Geschichte, die komplexe Fantasie, die Tiefe der Charakter das, was mich so packte und in diesen Welten versinken ließ. Doch was war es?
Es ist egal, welche Werke ich hier als Beispiele nehme, am meisten bewegt hat mich – egal in welchem Genre – ein einziges Mittel, das alles, was je auf Bildschirmen und Leinwänden abgebildet wurde, begleitete: Die Musik.

Wenn J. D. mit Dr. Cox, seinem soziopathischen Mentor, auf dem Friedhof stand und man zum ersten Mal den so gefühlskalt wirkenden Arzt, dem John Dorian seit Jahren versuchte, auch nur eine Emotion zu entlocken, weinen sah, dann waren es nicht die Tränen, die Gänsehaut verursachten, sondern die Musik, die die Szene begleitete. Zwar handelte es sich bei dieser Serie selten um den für Scrubs kreierten Soundtrack, doch die Wahl der Tracks, die hier eingesetzt wurden, hätte besser nicht sein können. Joshua Radin‘s „Winter“ ließ mich förmlich die Kälte des Todes, die Trauer um den Verlust eines guten Freundes fühlen. Das Setting war egal.

Als Anakin Skywalker sich der dunklen Seite der Macht endgültig zuwandte, seinen Idealen entsagte, die Menschlichkeit aufgab und der Imperator die Order aussprach, die Jedi zu vernichten, begleitete sie ein Streichkonzert, das der Traurigkeit, der Hoffnungslosigkeit, dem Ende der Freiheit ein Gesicht verlieh. Jeder Kritik an der Prequel-Trilogie um die Geschichte des „Auserwählten“ entgegen wirkte diese eine Szene, die mich berührte, wie es kaum ein Drama könnte (Natürlich betrachtet das jeder anders, vor allem weil Star Wars speziell nicht jedermanns Sache ist – aber es ist auf so viele andere Filme zu übertragen – versucht es euch vorzustellen).

Dies sind meine Beispiele für die Macht der „Filmmusik“. Die Auswahl dieser ist nur in meinen Augen die prägendste. Ich glaube aber, dass jeder schon einmal einen solchen Moment hatte, als er einen Film oder eine Serie gesehen hat.

Diese Gefühle, ausgelöst durch die Unterlegung des Lebens mit Musik verschiedenster Art, waren stärker als das Leben selbst. Sie verliehen ihm Farbe. Von Hochgefühlen in Rot und Grün bis hin zu Trauertagen in eingängigem Grau. Und diese Gefühle ließen einen neuen Aspekt in meinem Leben entstehen. In erinnerungswürdigen Momenten, positiver oder negativer Natur, wurde alles, was mich umgab, mit einer Melodie unterlegt. Vom wispernden Ton bis hin zur orchestralen Meisterleistung, in meinem Kopf spielte die Musik; meine Augen erfassten die Realität und mein Verstand verfilmte sie. Vielleicht löste diese Art und Weise, die Wirklichkeit wahrzunehmen, einen Überhang an emotionaler Tiefe in mir aus, die ich zwar nicht immer klar zu Papier bringe, die mich aber durch jede Alltagssituation begleitet. Man pflegt zu sagen, dass Filme nur allzu selten die Wirklichkeit widergeben. Niemand sagt aber, dass es nicht umgekehrt funktioniert.

Als ich begann, mein neues Zimmer nach meinen Vorstellungen zu gestalten, sammelte ich (dank Spotify) eine Vielzahl an Filmmelodien und Soundtracks zusammen, weil ich das Gefühl hatte, sie würden meine Fantasie und Kreativität anregen. Womöglich begründet sich dies darin, dass es ein altbekanntes Flashback-Phänomen auslöste: Ich verband jeden Track mit einer anderen Erinnerung. Vom Film, der die Grundlage für das Lied gab, sprang ich in Erinnerungen vergangener Zeiten umher, die mich auf eigenartige Weise erfüllten. Nicht die vermeidenswerte Sehnsucht nach den „guten alten Zeiten“, sondern die Erinnerung an Gefühle und Eindrücke, die mich zu dieser Zeit wachsen ließen, meinen Blick auf das Leben formten, Träume schufen. Jahrelang hörte ich Melodien in mir, die aus eigenartigen Erlebnissen einzigartige machten. Sie färbten den grauen Alltag ein, gaben mir die Kraft, den Sinn der Alltäglichkeit zu verstehen, den Weg meines Lebens klarer zu sehen.

Mein eigentlich oberflächlich wirkender Entschluss, mir genau solche Musik herunterzuladen, zu speichern und sie mir anzuhören, wenn ich an meinen Plänen arbeite, ist letztendlich mit einem viel tieferen Sinn verbunden. Ich schalte nicht mehr auf stumm, ich entlasse die Verstandes-Symphonien in die Freiheit. Und was ich seitdem für mich geschaffen und geschafft habe, ist – meiner persönlichen Meinung nach – großartig geworden; größer als alles, was ich zuvor bewirkt hatte.

Der tiefere Sinn im Ganzen, die Aussage dieses Textes, soll nicht für mich gelten. Sie soll anregen: Die Musik, die Melodie, wie auch immer man sie nennen möchte, begleitet jeden von uns. Kaum ein Mensch lebt ohne Musik. Ein tiefgreifendes Gefühl für diese Musik zu entwickeln, gelingt aber nicht jedem. Doch sie ist nicht nur eine Begleiterscheinung der Medien. Sie ist ein Gefühl. Ein Pinsel, der aus schwarz-weiß-Denken ein farbenfrohes Schauspiel macht, mit echten Menschen statt Schauspielern und Fassaden, die nicht aus Pappe sind, sondern aus festem Stein, mit Leben hinter den Wänden, statt Stützbalken. Versucht euch, in einem Moment, dem ihr ein besonderes Gefühl verleihen wollt, eine Melodie dazu vorzustellen. Es ist egal welche, denn in diesem Moment macht ihr sie zu eurer eigenen. Und aus einem Bruchteil einer unbedeutend scheinenden Sekunde wird eine Szene, die einem Oscar würdig wäre.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

11 − 10 =