Man kann nicht sagen, dass die Vorfreude verflog, als wir erfuhren, dass die Wettervorhersage recht bescheidene Zustände in der Vulkaneifel prophezeite; denn schlechtes Wetter waren wir gewohnt, besonders auf Festivals… Da ahnten wir aber noch nicht, was uns bevorstand…

Was bisher geschah:

Bereits im letzten Jahr bestellten wir uns Karten für Rock am Ring 2016. Das Line Up fiel nicht so ultimativ aus, wie erhofft, doch waren es zum Ende Einige, die hervorstachen. Tenacious D, die Red Hot Chili Peppers, Major Lazer, Billy Talent, Disturbed, Biffy Clyro, SDP, Alligatoah, Fettes Brot. Fette Acts, die wir um jeden Preis sehen mussten. Allen voran das Duo Jack Black und Kyle Gass, die aus komödiantischen Motiven die schicksalsträchtige Band Tenacious D gründeten und eine ungeahnte Erfolgswelle hervorgerufen hatten, wollten wir uns nicht entgehen lassen. Dementsprechend war die Investition in die relativ teuren Karten (185 €) zu verschmerzen. Auch das nötige Gepäck, Pavillon, Zelt, Essen, Getränke, alkoholische Getränke, Zigaretten usw. konnte man mit passablen Geldsummen zusammentragen. So ging die Zeit ins Land und der Tag der Abreise rückte näher – und mit ihm ein verheißungsvoller Vorbote: der Wetterbericht. Unwetterwarnungen, viel Regen, vereinzelt ein paar sonnige Stunden, Wind und Wetter, aber dennoch angenehme 15-20 °C. Wir waren gewappnet und bereit… dachten wir jedenfalls.

Donnerstag:

20160607_205410Die Ankunft: Leider etwas verspätet (der Arbeit verschuldet machten wir uns gegen 18 Uhr auf den Weg) fuhren wir dem Festivalgelände entgegen, als wir, es müsste so gegen 20:30 Uhr gewesen sein, das hintere Ende der Autoschlange erreichten. Hinter den grünen Hügeln lag das Gelände, noch nicht zu sehen, zumindest aber noch unter graublauem Abendhimmel. Das Warten dauerte, doch irgendwann erreichten wir die Parkplätze. Auf einigen Feldabschnitten waren Unmengen von Autos eng zusammengepfercht platziert worden.

Irgendwo im Gedränge fanden wir Halt, während der Himmel erste kleinere Regenschauer auf die Erde fallen ließ. Schon jetzt blieben Autos stecken, aus Wiese wurde unter durchdrehenden Reifen in Windeseile Schlamm. Und Schlamm sollte unser Verfolger bleiben. Denn kaum hatte der Regen aufgehört, begann die erste unbequeme Reise unserer Gruppe. Mit Bollerwagen und Manneskraft brachten wir, zu diesem Zeitpunkt noch zu dritt, etwa 2/3 unseres Gepäcks von schlammigem Feld auf Asphalt. Doch Dankbarkeit war kein dauerhaftes Gefühl, denn nachdem wir unsere Bändchen abgeholt hatten und das zentrale Flugfeld erreicht hatten, offenbarte sich das erste große Übel unserer Unternehmung. Die vorderen Zeltplätze waren brechend voll, die Wege zwischen den verstreuten Zeltflächen waren gefüllt mit Matsch und Wasser. Berechenbar ist, dass Festivals überwiegend im Dreck abgehalten werden, dass man akzeptieren musste, dass der Gestank von tausenden betrunkenen, ungewaschenen, nach Bier und Schweiß riechenden Menschen durch die Luft wehte; aber auch, dass Regen ein Vorbote von noch mehr Dreck sein würde. Dass wir etwa drei Stunden durch den Matsch wateten, nach einem winzigen Rest von grüner Fläche suchend, beinahe flehend, dass hinter der nächsten Ecke die Erlösung wartete, hatten wir allerdings nicht eingeplant.

Gegen Mitternacht gaben wir die Suche auf; mittlerweile waren wir am Rande der äußeren Zeltplätze angelangt, doch selbst die waren voll. Weiße Linien trennten die begehbare Fläche von den Zeltplätzen. Ohne Hoffnung auf Besserung zogen wir unser Camp ein Stück vor der Linie auf, der Weg war breit genug und wir so weit vom Festivalgelände entfernt, dass es wahrscheinlich sowieso niemanden interessieren würde. Bald darauf folgten andere Neuankömmlinge unserem Vorbild, bis die weiße Linie unter Zelten und Campingstühlen verschwand. Erleichterung und zugleich der zweite Schock. Das letzte Drittel unseres Gepäcks war noch auf dem Parkplatz – und dieser etwa eine halbe Stunde Fußweg entfernt.

Der nächste Schlag ins Gesicht folgte dann jene halbe Stunde später: Wo war unser Auto abgeblieben? Etliche Reihen von Autos, voreinander, nebeneinander, mittendrin nur schmale Pfade zur Ausfahrt bietend, stapelten sich förmlich vor uns auf. Und wir begannen zu suchen. Der Zufall traf uns erst eine weitere halbe Stunde später, als wir endlich die Wagen erreichten und die Reste zusammenpackten. Der Bollerwagen war nunmehr nichts weiter als eine Kiste, die wir mit Gewalt hinter uns her zogen, denn die Rollen blockierten von Schlamm und Resten des ehemals grünen Grases. In völliger Dunkelheit geisterten wir noch eine Weile umher, die immer gleichen Gassen, randgefüllt mit Wasser, erschwerten uns die Wanderung. Wir verliefen uns einige Male, denn einmal die freie Fläche unseres Camps im Dunkeln zu finden, war schon mehr als genug Glück für einen Tag. Aber wir fanden sie. Pläne von der Besichtigung der Umgebung, des Geländes und der Lokalitäten waren bereits verblasst, unter Schweiß und Schmerzen sanken wir in die Stühle, als es um uns langsam wieder hell wurde. Es müsste fünf Uhr gewesen sein, als ich die Augen schloss. Zwei Stunden Fahrt, gefolgt von acht Stunden Überlebenskampf. Ab jetzt konnte es nur besser werden…

Freitag:

20160603_182155Der Tag begann sonnig. Es war ziemlich warm in unseren Zelten. Wir hatten Planen darunter und darüber gelegt, sie am Pavillon befestigt und Heringe, Panzertape sowie Kabelbinder angebracht, wo es ging, sodass sie vollkommen vor Wasser geschützt waren. Das Camp war womöglich der trockenste Ort in ganz Mendig (dem Ort der Veranstaltung), so fühlte es sich jedenfalls an diesem Morgen an. Die Sonne verließ uns schnell. Immer wieder kamen Regenschauer, über den Tag verteilt ließen die Gewitterwolken nur vereinzelt Sonnenstrahlen auf uns herunterscheinen. Wir kosteten diese Momente aus, gingen einkaufen, duschen, dann grillten wir und empfingen die letzte Person unserer Gruppe, die an diesem Tag ankam. Etwas verspätet brachen wir dann endlich zum Festivalgelände selbst auf, wo wir vom Auftritt der Band Disturbed auf der „Seat Volcano Stage“ empfangen wurden. Was am Abend folgte, sollte uns jedoch noch mehr entzücken: The „D“. Mit trockenen Klamotten und reichlich Bier warteten wir auf die Band, zehntausende Menschen um uns herum warteten mit uns. Und als es begann, hörte es schon wieder auf. Tenacious D war noch nicht auf der Bühne; Minuten vergingen. Und dann kam es…

20160603_214837Eine Durchsage durchbrach die Menschenmenge, weckte sie aus ihrer Trance, den trüben Blicken gen Bühne, wo das Symbol der Band, der „Pick of Destiny“ thronte. Ein Gewitter zieht auf, sagte man. Ein schlimmes Unwetter stehe bevor, man solle sofort zu den Zeltplätzen zurückkehren. Zwei von uns suchten einen Stand mit Regencapes, zwei blieben dort, wo wir gestanden hatten. Wir. Das Unwetter kam ungeahnt schnell, beinahe brachial trommelte der Regen auf uns herab, ein andauerndes Chaos aus Sturzbächen und Donnerklängen. Dann: Blitze. Und diese waren das Verhängnis.

Man sprach im Laufe des Abends erst von 30 Verletzten, dann von 50, später von insgesamt über 70, darunter mehrere Schwerverletzte; zwei von ihnen mussten reanimiert werden. Uns war nichts passiert, wir waren mitten auf dem Flugfeld gewesen. Man hatte immer wieder in der Durchsage betont, man solle sich von metallenen Gegenständen fernhalten, zu den Zeltplätzen gehen. Hätten wir das getan, wären wir dort angekommen, nachdem das Unwetter vorübergezogen war. Wir waren stehengeblieben, zwar bis auf die Knochen durchnässt, doch unversehrt. Und wir hatten Platz, um weiter nach vorne durchzubrechen. Denn kaum war das Unwetter vorüber, wurde die Bühne gereinigt und das Spektakel nahm seinen Lauf. Jack Black vollführte seine Show, die Masse grölte, tanzte, moshte, feierte… als sei nichts gewesen.

20160604_015605Spät in der Nacht, als wir unsere Gruppe wiedergefunden hatten, gingen wir in Richtung der zweiten Stage, der „Beck’s Crater Stage“, wo Major Lazer nach der Verzögerung auftreten würde. Abseits des Flugplatzes jedoch erwartete uns ein weiteres Horrorszenario. Alles, was jenseits der asphaltierten Fläche an der Main Stage lag, war zu Sumpfland verkommen. Ganze Seen taten sich auf – und nur kleine Trampelpfade verbanden Teilstücke verschiedener Bereiche. Neben uns bäumte sich die Jägermeister-Bar auf, ein wahres Schlachtschiff – nein: ein trojanischer… Hirsch – ganz aus Holz, zwei Stockwerke hoch.

Darunter: Schlamm. Wir wagten die Reise, beschwerlich und langsam balancierten wir über die letzten standhaften Erdflächen. Doch weit kamen wir nicht. Kniehoch sank man an manchen Stellen ein, bewegen konnte man sich nur mit geringem Tempo. Als wir die Stage erreichten, suchten wir Unterschlupf an einem Beck’s-Stand. Nie war ich so glücklich, an einem Bierstand zu stehen, ohne auf Bier aus zu sein.

Denn diese Stände, verteilt um die Stage, ragten wie Inseln aus dem Wasser, letzte Bollwerke, umringt von schmalen Streifen trockenen Bodens, sich auflehnend gegen die untergehende Umgebung. Hier blieben wir und verfolgten den Lichtertanz, die atemberaubenden Tänzerinnen und das Team, das Major Lazer bildete. Ein wahrlich einzigartiges Bild, inmitten von Schlamm und Wasser, in dem sich die Lichter der Bühne spiegelten, mit nasser Kleidung und einem kühlen Bier in tiefster Nacht.

Samstag:

Der Himmel fand keine Ruhe. Ein andauerndes grau in grau füllte die Gassen mit mehr Wasser. Die Böden waren so zertrampelt worden, dass die Pfützen sich nicht leerten. Das Wasser lief nicht mehr ab, dafür vermengte es sich mehr und mehr mit dem Schlamm. Auf unserem Weg über das Gelände sahen wir ganze Camps, die im Wasser versunken waren. Das gesamte Erdreich hatte sich auf den Zelten verteilt, die unmittelbar vor den Wegen standen. Manch einer hatte letzte Nacht nicht in seinem Zelt geschlafen, denn vielerorts waren sie nicht mehr bewohnbar. Der Sturm hatte alles zerstört, weggeweht oder –gerissen, was nicht gut genug befestigt worden war. Und das Wasser fand seinen Weg in jede tieferliegende Furche, zumeist mitten in die aufgeschlagenen Zeltlager.

Unser Camp hielt Stand. Die Stützstangen des Pavillons waren verbogen, die gesamte Konstruktion hatte aber durch die Verbindung mit Planen und Zelten, Tape und Heringen ihre Standhaftigkeit beibehalten. Nachdem wir in der Nacht neu klebten, ausrichteten und spannten, war alles wieder so, dass wir sorglos hatten schlafen können. Mitleid mit denen, die es nicht konnten, hatte ich dennoch.

Der Samstag verblieb mir im Gedächtnis als ein Tag der Diskussionen und Fehlentscheidungen. Da wir sonntags gegen späten Abend hätten gen Heimat ziehen müssen, waren sich alle einig, dass die Autos vor der Masse von den Feldern heruntergeschafft werden müssten. Der nächste große Sturm war bereits angekündigt worden. Letztendlich trafen wir eine Entscheidung. Wir packten zusammen, was wir nicht entbehren konnten (der Pavillon verblieb an Ort und Stelle) und gingen zu den Autos. Nicht, um nach Hause zu fahren, sondern um alles zu sichern und einen Parkplatz im anliegenden Dorf zu finden, sodass wir die Konzerte des Tages noch sehen könnten. Einige – wahrscheinlich unter Alkohol etwas zu hilfsbereite – Nachbarn halfen uns, das Gepäck bis zum Eingang zu bringen, etwa 15 Minuten Fußweg von unseren Autos entfernt. Wir boten ihnen dafür unseren Pavillon, was letztendlich wohl ein recht dummer Tauschhandel war. Für unsere Nachbarn. Als wir den Eingang erreichten, rannten Ordner umher und riefen: „Geht zurück zu den Zelten, das nächste Unwetter kommt!!“ Ein wenig Panik machte sich breit, wir nahmen das Gepäck und liefen zu den Parkplätzen. Ob unser Pavillon diesen Sturm überlebte, wusste ich nicht. Wir jedenfalls erreichten die Autos rechtzeitig. Und zu unserem Glück waren wir so früh hier. Denn wir entkamen dem Schlamm ohne große Probleme. Sonntag sollte das Ganze wohl anders aussehen…

Als wir in Mendig ankamen und unser Mittagessen vor Aldi zu uns nahmen, war die Stimmung gedrückt. Die Medien überhäuften sich mit widersprüchlichen Meldungen. Innerhalb einer Stunde wurden wir damit konfrontiert, dass das Festival abgebrochen würde, das Abendprogramm sich verschieben würde, nur ein Tag flach fiele, alles wie gehabt weiterlaufen würde und und und… Wir waren überfragt; und uneinig.

Die Red Hot Chili Peppers könnten an diesem Abend noch spielen, dachte ich mir. Einer der Hauptgründe, warum ich überhaupt auf diesem Festival war. Doch es war riskant. Der nächste Sturm war unterwegs, wir konnten ihn bereits sehen. Dazu kam, dass immer noch nicht klar war, wie lange es dauern würde, bis eine eindeutige Nachricht über den Fortgang der Veranstaltung zu uns durchkäme. Wir wussten es nicht. Und nachdem das Gewitter begonnen hatte und wieder Sturzbäche vom Himmel fielen, fuhren wir nach Hause. Später hörten wir im Radio, dass das Abendprogramm nach Unterbrechung fortgesetzt werden würde. Als ich Abends auf der Couch saß und mir die Red Hot Chili Peppers im Fernseher anschaute, war ich sehr enttäuscht von unserer Entscheidung. Demütigend war dieses Bild, denn der Himmel sah dort nicht mehr grau und gefährlich aus. Ernüchterung machte sich breit. Und ein schmerzhaftes Loch in der Geldbörse, weil für uns 2/3 des Festivals verloren gegangen waren… Am selben Abend wurde dann verkündet, dass der Sonntag wegen noch stärkerer Unwetterwarnungen komplett abgesagt werde.

Sonntag:

Im Laufe des Tages gingen noch viele Nachrichten in den Medien um. Von Verantwortungslosigkeit der Veranstalter, von Fehlentscheidungen der Behörden bezüglich des Abbruchs… von Traktoren, die die Autos von den Parkplätzen ziehen mussten, weil sie durch den allgemeinen Aufbruch zu dem geworden waren, was das Festivalgelände auch geboten hatte, nämlich Sumpfland… Letzteres stimmt mich milde, denn unsere Entscheidung war nicht ganz falsch. Der Sonntag war für uns wesentlich ruhiger, als für die meisten anderen Besucher des Festivals.

Dennoch. Ich habe gemischte Gefühle, was dieses Wochenende angeht. Rock am Ring, Hurricane,… jedes Festival ist ein Aufgebot an Dreck und Strapazen, ein Überlebenskampf des freien Mannes, der in Bier duscht und im Morast nächtigt. Schmerzhaft ist aber, dass wir, nur um Risiken zu vermeiden, ein großartiges Konzert verpasst haben. Sicherheit geht klar vor, aber man lebt nicht, um immer auf Nummer Sicher zu gehen… Zwei Seiten der Medaille, ebenso auch, wenn man beurteilen will, wer Schuld an diesem Desaster trägt: Der Veranstalter, die Behörden, die Natur… Es ist egal. Es war ein Erlebnis; ein schweißtreibendes, ja! Und es war nicht schön. Aber ich behalte dieses Jahr Rock am Ring definitiv in Erinnerung!

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