Teil 1: Faceless

Teil 2: Desire

Der Reisende war weit gekommen. Da stand er nun, Schulter an Schulter mit der leblos agierenden Kreatur, hoffend… und starrend

Im Augenblick der Gewissheit vor seinen Augen die Hoffnung seiner unerfüllten Träume aufkommen zu sehen, beglückte ihn mit… Freude. Ein Lied kreiste ihm durch den Sinn, ein altes, vergangenes. Im Glücksgefühl verweilend fuhr ihm plötzlich ein Schauer über den Rücken. Ein Bruch der Emotionen, ein Spalt im Zentrum, zwischen guter Perspektive und abscheulicher Gewissheit, tat sich auf und verschlang beide, sich im Fall zu einem schmerzenden Tumor verschmelzend, bis ein einziges Unwohlsein verblieb. Sich beruhigender Melodien bedienend, lauschte der Reisende dem Klang der Stimme auf dem fernen Felsen. Und im positiven Rausch unterlegte die Melodie das traurige Lied, das sich in seinem Kopf festgesetzt hatte…

Ich lebte einst in einer versunkenen Stadt 
Wo Glück in Fläschchen, Tropf um Tropf gezapft
Die Menschen wiegten sich in Wonne
Doch in tiefster See fehlte ihnen die Sonne
Den rechten Weg bei Nacht zu geh’n
Bar jeder Möglichkeit zu seh’n
Ließ schnell die Menschlichkeit vergeh’n
Ließ sie um mehr des Giftes fleh’n

Ich lauschte dort den Katzenkämpfen
Die nächtlich durch die Gassen zogen
Bald waren es nur noch Menschen
Die aufkamen, wie des Meeres Wellenwogen
Die Bürger war’n sich selbst Verderb
Denn Gier wurde des Glückes Erb

So versank die Stadt erneut
Und mit ihr Glück und Freud‘

Ein altes Lied war gesungen worden… und ich? Ich war hier, gestrandet im höchsten Turm einer falschen Festung; einer himmlischen Untiefe; einem höllischen Schauspielhaus. Doch ich hatte noch nicht aufgegeben, was mir Rettung in Momenten der Verzweiflung versprach. Die Welt im Chaos der Sündhaftigkeit brodelte unter dem Wolkenmeer. Sie brannte sich förmlich hindurch, brach schwarze Vorhänge und dichte Decken mit Licht und Klang. Wie Skizzen zeichnete sie abstrakte Muster durch den seichten Boden aus elektrisiertem Wasserdampf, den der Turm knapp überragte. Wir hier, hoch oben im Lichte des verschleierten Tages, waren getränkt in einlullende Atmosphäre, zwischen Drogen und Alkohol, weißem Licht und verzehrender Dunkelheit gebannt.

Doch… ein Konstrukt der Unschuld, ein Pfeiler der Freiheit durchschnitt das Gewitterbett, als wollte er der Unterwelt seinen Segen spenden. Lichtstrahlen schossen herab, im Überschall fielen sie nieder; aus einem goldenen Schweif, der den Felsen antrieb. Der Wolkenbrecher öffnete der Welt die Tore zur Sonne. Das einzige, was die Stadt behinderte, das Licht zu sehen, war der Turm. Die Feel Good Inc. Der Konzern, das mächtigste Element der Gesellschaft, verschwor sich gegen jene, die ihn hatten wachsen lassen, um glücklich zu werden. Und jetzt, erstarkt am Leid der kleinen Leute, war er unerreichbar hoch gesprossen, wie ein stählernes Unkraut, das sich labte… an uns.

Meine Gedanken verraten mich.

Du kannst die Inc. nicht zerstören. Sie wird ewig sein und ewig wachsen, ein Instrument mächtiger Männer, das den Schwächeren das Lächeln verwehrt. Die Inc. Ist unzerstörbar… was tust du nun, um das Glück zurückzuerobern? Was tust du nun… gegen den unbesiegbaren Feind aller Freude?

Windmill, windmill for the land. Turn forever hand in hand…

Das Mühlenrad dreht sich im Wind, das gestrichene Holz des Gebäudes knarzt und das Gras auf dem Felsen schwingt harmonisch mit der Melodie des Mädchens, das ich auf einmal klar erkennen kann. Ihre Augen sind geschlossen, ein unschuldiges Lächeln ziert ihre feinen Gesichtszüge. So rein und atemberaubend wirkt sie, völlig frei von allem, was die Menschen unter ihr zu seelenlosen Kreaturen hat werden lassen. Keine Technik um sie herum, die sie bannt, keine Chemikalien, die sie vergiften, keine Zwänge und unerfüllte Träume… keine Gleichgültigkeit. Ich erkenne das, was meine Sehnsucht mir auferlegte. Das Ziel meiner Reise. Im Gesicht dieser bescheidenen Göttin liegt die Antwort auf alle Fragen, die mir das Glück einst entrissen. Als sie wieder beginnt zu singen, macht die Windmühleninsel einen Schlenker. Sie steuert genau auf das Gebäude zu, in dem wir uns befinden… Was hat sie vor?

Plötzlich durchbrechen schattenhafte Monstrositäten die Wolkendecke. Sie tauchen auf wie Meeresungeheuer, mit blitzend roten Augen und Reißzähnen scharf wie Messerklingen. Es sind Rotoren, die mir dieses irrsinnige Bild in den Kopf treiben. Ein ohrenbetäubender Lärm unterbindet den wohligen Klang der engelsgleichen Stimme. Hubschrauber umkreisen den Felsen, der weiter auf uns zusteuert. Im selben Augenblick erwacht der Saal aus seinem traumlosen Schlaf. Die Nachtgestalten erheben sich, mit ihren ausgedörrten Körpern und verlebten Fratzen wenden sie ihre Blicke auf die Glasfront. Dann. Panik. Ein Chaos erwacht im Inneren des Turmes, in schlaftrunkenen Bewegungen überwerfen sich die entstellten Wesen, schlagen, kratzen, beißen wie tollwütige Hunde. Der Blick des Bass zupfenden Hünen fokussiert sich auf mich. In seinen Augen sehe ich blinde Wut, Aggression, Chaos. Er ist unkontrolliert, die Sinne benebelt vom Rausch. Er stürmt auf mich zu. Ich sacke instinktiv in mich zusammen. Er trifft mich dennoch… Dann… Stille. Dunkelheit. Und dann… nichts. 

Tief unten auf der Erde waren die Gesichtslosen gefangen in ihrer eigenen Gier. Sie sehnten sich nach Glück, welches sie in der Materialisierung und Instrumentalisierung des Lebens gefunden hatten. Ihr Dasein wurde bereichert von Technikwundern und der vom Staat versprochenen Freiheit, alles zu tun, zu können und zu werden was man will. Sie kreisten in einem Labyrinth falscher Gaben, auf das große Erlebnis wartend, das sie niemals erhalten, ihren Enkeln aber dennoch gerne erzählen würden. Fixiert auf ihre winzig kleinen Allesmöglichmachmaschinen und Lebensoptimierungsapparate bemerkten sie kaum das grausige Fest, das sich in höchsten Höhen abspielte, das den Horizont blutrot malte und den Himmel in Flammen setzte. Alles, was sie sahen, aufgeweckt von einem tosenden Sturm aus zerstörerischen Geschossen, war der brennende Feuerball, der sich in einer moderaten Geschwindigkeit auf die Stadt herabbewegte. Plötzlich war da eine Regung, eine Emotion in ihren Gesichtern. Nein… viele. Erst war es das Erstaunen, das sie die Münder weit öffnen und die Augen groß werden ließ. Dann kam die Nachdenklichkeit, die sie die Stirn kraus ziehen ließ. Und zuletzt: Angst. Sie fürchteten sich. Ihr allumfassendes Paket aus Freudseligkeiten, all ihr Hab und Gut, das sie umringte, fast erstickte, war in Gefahr. Doch die viel ehrlichere, aufrichtigere und intimste Angst war die letzte, die sie spürten: Die Angst, dass die, die ihnen am liebsten waren, gefährdet würden… zu sterben.

Im Chaos der Geschehnisse fiel es im Zentrum der Stadt kaum auf, dass der Turm, auf dessen Front der Schriftzug „Feel Good Inc.“ stand, gefallen war. Der Felsbrocken, auf dessen Oberfläche eine kleine Windmühle gestanden hatte, hatte sein Ziel erreicht. Und so gingen beide nieder, wie gestrauchelte Rivalen, ermüdet vom ewigen Kampf. Viele Tage ruhte der Stahlkoloss, während ein wenig weiter nordwärts ein Krater das Stadtzentrum zierte. Und nach einiger Zeit entstiegen die Kreaturen dem Turm, die sich ihr Leben lang darin versteckt hatten. Die Stadt selbst war wie ausgebrannt. Und eigentlich war es so auf der ganzen Welt geschehen. Mit dem Aufprall der Insel war der Fels mit der Erde verschmolzen. Und mit ihm war das Glück in die Erde gesickert, wie Samenkörner, die ihre Triebe in den Boden bohrten und eines Tages als gewaltige Bäume in neuem Glanz erstrahlen würden. All die falschen Gaben, die Gifte und Gegenstände, die Gier entfachten… All die Institutionen und Fabriken, alle Geschäfte, Flughäfen, Bahnhöfe, Universitäten, Parlamentsgebäude… Alles war still. Und der Himmel war blau. Die Wolken waren wie weggewaschen, dem Impuls des Felsens gewichen. Und die Kreaturen, die einst so erfüllt von Gleichgültigkeit gewesen waren, blickten zum Himmel auf. Was sie sahen, war ein Strahlen, so hell, dass es jede Dunkelheit zu vertreiben wusste. Eines, das tief in den Erdboden hineinreichte, wo es die Natur antrieb… und ebenso in die Seelen der Menschen sickerte, die sie wieder waren, nicht mehr missgestaltet durch falsche Glückseligkeit. Und in ihren Gesichtern – in all ihren Gesichtern – war Freude. Und sie fühlten sich gut… von ganzem Herzen.

Der Reisende war mit den Kreaturen aus den Ruinen gestiegen; über Überreste von Schriftzügen. Nur ein „INC.“ war übrig geblieben und lag zu seinen Füßen im Schutt. Und er wusste, was sein Begehren ihm prophezeihen wollte. Das Glück war an keinem bestimmten Ort zu finden, so lange er danach suchte. Erst im Zustand völligen Gleichgewichtes war es erschienen. Als die Natur sich ihren Platz zurückerobert hatte, waren alle falschen Gefühle wie weggewaschen. Die Glückseligkeit selbst lag in einer einzelnen Hand. Und mit dem Fall des großen Felsens hatte diese eine Seele alle anderen angesteckt. Denn als sie in die Sonne sahen, waren alle Dinge gleichgültig; und alle Emotionen waren wieder wichtig. Und im Moment der Stille, als alle Maschinen starben und die Lautsprecher verstummten, konnten auch sie das Lied hören, das vom fernen Felsen erklungen war. 

Die Menschen, die ihren Geist zurückgewonnen hatten, sprachen noch Jahre später von diesem einen Tag, der den Zeiger wieder auf null stellte. Sie dachten an den Tag, an dem sie eine zweite Chance bekommen hatten, wahre Gefühle zu erfahren. Und an diesem Tag pilgerten sie zum großen Felsen, der herabgekommen war, zerstört vom Sinnbild der Gleichgültigkeit und Falschheit; und wiedergeboren im Feuer, heller brennend als je zuvor. Ebenso wie der Reisende, der dem Ziel seiner Reise nicht nur metaphorisch, sondern an diesem Ort leibhaftig begegnete. Und inmitten der versammelten Menschen, wiegend in Freude und Glück, auf einer kleinen Bank vor einer schiefen Windmühle sitzend, spielte ein Mädchen Gitarre. Und als sie begann zu singen, waren die Menschen frei. Und fühlten sich gut…

Windmill, Windmill for the land.
Turn forever hand in hand
Take it all in on your stride
It is ticking, falling down
Love forever love is free
Let’s turn forever you and me
Windmill, windmill for the land
Is everybody in?

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