Auf der Suche nach dem wahren Glück begegnete der Reisende dem Spiegelbild der Gesellschaft. In lebensleeren Augen las er Worte, derer er nicht gewachsen war. Geschichten über Äonen, in denen die Menschheit heranwuchs und begann, das Leben mit Sinn zu bereichern, mit Fragen und Antworten, mit Suchen und Finden des einzig wahren Glückes; der Erfüllung ihrer Wünsche und Träume. Doch strauchelnd hat der Mensch den Kampf begonnen, Opfer wurden gefordert und erbracht. Und im Fallen und wieder Aufstehen verlor er so viel, wie er gewann. In der Bereicherung des eigenen Daseins durch all die Gaben, die der Erde entwachsen waren, vergaß er, sein Gesicht zu wahren. Während er sich in Kleider hüllte und Schwerter schmiedete, wurde er gieriger. Er wollte mehr. Noch mehr. Und immer mehr. Und eines Tages vergaß er, worauf er sich einst besann: dass Glück nicht im Wert der Dinge liegt, sondern im Wert der Menschen… dass das Innerste dem Äußeren immer überlegen sein würde, in seiner Beständigkeit ebenso wie in seiner Fähigkeit, Glück zu finden – oder gar selbst zu erschaffen… Und der Reisende? Er fürchtete sich vor dem, was er sah. Einer fremden Welt stand er gegenüber, einem Sein, das sich selbst verzehrte. Und all die Freude in den Herzen der Menschen war wie fortgewaschen, so wie ihre Gesichter im Überfluss des Allgegenwärtigen verschwammen, bis sie nichtssagend wurden. Der Reisende aber hatte Hoffnung. Und so begann er zu suchen.

Ein Schatten liegt auf der Stadt des Glücks. Die verkümmerte Dynastie der Dichter und Denker wurde eingeäschert, dazu verdammt, sich selbst zu bemitleiden und der unerfüllbaren Hoffnung nachzutrauern, sie könne wiederauferstehen, wie der sprichwörtliche, nein, der wortwörtliche Phönix aus der Asche, der emporsteigt und das Licht der Sonne Eifersucht lehrt. Die Dämmerung umhüllt das Himmelszelt, wie ein Leichentuch der Freude, die mit dem Bau jener Stadt unter Massen aus Beton erdrückt wurde, die zu Trägheit und Eingängigkeit nichts mehr beizutragen hatte, außer Mahnungen und gescheiterten Versuchen, die gesichtslosen Gestalten der Gesellschaften mit neuen Gesichtern zu versehen… mit glücklichen Gesichtern. Die Gesichtslosen aber drehen sich weiter in einem teuflischen Kreis, in brachialen eisernen Kutschen, immerzu auf und ab fahrend, den Himmel durch ihre schwarzen und silbernen Nüstern grau färbend, erstickend, ergreifend. Die Erde bringt uns den Himmel näher. Doch der Himmel wird mit jedem Meter mehr zur Hölle, die hier auf Erden bereits herrscht. Im Chaos würde dann eines Tages ein einziger Höllenkreis verbleiben, der uns alle verschlingt und im Untergang noch triezt, mit lachendem Gesicht, den Gesichtslosen gestohlen, bevor sie zu dem wurden, was sie nun sind. Gesichtslos. Nein. Seelenlos.

Was ist noch wahr, inmitten der Nebelwelt, die die Maler der Gesellschaft auf die einst weiße und nun gänzlich ergraute Leinwand malten, einem Sodom der Moderne, wo die Menschen sich ins eigene Gesicht lügen, um in Stolz und Eitelkeit eine vulgäre Maskerade zu erfinden, weil sie in Wahrheit kein Gesicht besitzen? Was ist Wahrheit in einem Kreis von Gestalten, die nur mit aufgezogenen Masken zu lächeln im Stande sind, zugleich ihr ureigenes Ich verschleiernd, wie sie es einst mit der ihnen geschenkten Welt taten, um aus einem Farbspektrum ein Grau in Grau zu formen?

Ich zwänge mich hinein in die Sagengestalt, den motorisierten Drachen, der dem Asphalt Sinngeber ist, um davon zu fahren, während ich mir meine Flucht zugleich unmöglich mache, weil ich sie in der eisernen Monstrosität bestreite, die den Himmelsvorhang schließt. Mir glühen die Finger, schmerzend schwach sind die Hände mir, während ich die Zügel fest packe, um ihnen meinen Willen aufzuzwängen. Bring mich fort. Dorthin, wo die Welt noch frei ist, wo Glück keine Illusion ist, kein Systemfehler, sondern die einzige Wahrheit. Während ich im Wirrwar der Oberflächlichkeit meine Runden ziehe und nach echten Gesichtern in Mengen aus menschlichen Hüllen suche, fällt mir auf, dass ich selbst die Freude verloren habe, derer ich mich sehne. Das Glück ist mir abhandengekommen, und ich bin ziellos geworden, auf meiner Suche nach der Wahrheit über die Tugenden des Menschseins. Bin ich nun auch nichts mehr als eine jener Gestalten ohne Gesicht, ohne Geist… ohne Seele? Gibt es irgendwo in diesem farblosen Weltgemälde noch einen Hauch von Grün? Liegt irgendwo zwischen Tusche und schwarzen Klecksen noch ein goldner Hoffnungsschimmer?

Ich verlasse das Gemälde, steige ein in den Denkapparat, der mich seifenblasenleicht hinauftreiben lässt, durch Smog und Tonnen von Luft gewordenem Dreck, zwischen Regentropfen, die sauer schmecken und auf der Stirn brennen, umringt von Blitzlichtgewitter paparazziartiger Stürme, die den letzten Rest von Urgewalt aus den Wolken kitzeln. Er trägt mich hinauf in die Winde, die mich wiegen und beizeiten bis zur Besinnungslosigkeit schütteln, in grauer Dunkelheit, bis die ersten Wolkenfetzen sich zerstreuen, die verdichtete Wand sich unter mir lichten lassen, wie im Auftauchen aus tiefster schwarzer See. Plötzlich ist die Freiheit auf der Haut spürbar. Sie streift mich, mit Sonnenstrahlen bunter Farben, die die Welt unter mir versteckt hält, nein, verdeckt, mit ihrer asphaltierten Maskerade namens „Stadt“. Über mir, eine Kugel, ganz aus Licht.

Man weiß nicht mehr, wie sie sich nennt… weiß nur, dass sie am hellsten brennt… dass sie in tiefster Dunkelheit… selbst unsre Schatten uns verzeiht. Doch kurzerhand taucht sie hinein, in schwarzgebrannten Wolkenschein; verhüllt, vernebelt ihr die Sicht, und noch entrissen ihr das Licht.

Ein Turm thront inmitten des trüben Gewittermeeres, gewaltig, aufsteigend, als wollte er mit klauenartigen Metallträgern die Sonne aus dem Himmel reißen, um sie in der Eintönigkeit der Unterwelt zu ertränken, eintauchen zu lassen in das graue Abendland der maskierten Welt. Ein Schriftzug ziert das runde Monstrum, gänzlich aus Stahl, nur durch eine gläserne Vitrine in seiner glatten Form gebrochen: „Feel Good Inc.

Liegen hier die Worte begraben, die ich zu finden hoffe? Steht das Glück nicht nur geschrieben, sondern schläft im Inneren der Schatten werfenden Bestie? Finde ich Einlass in die runde Halle hinter gläsernem Vorhang? Dämmrig ist es im Inneren. Ein Schauer fährt mir über den Rücken, das Unbekannte vor mir ängstigt mich. Risiken eingehen, um selbst am bedrohlichsten Ort Freude zu erhaschen? Ich wage es. Und trete ein.

Teil 2 „Desire“ findet ihr hier!

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