Teil 1 „Faceless“ findet ihr hier!

Der Reisende, gebadet in Angst, betrat das Gewölbe. Eine Höhle über den Wolken, ein Kerker in höchsten Höhen, die Grimassen schneidenden Kreaturen in letzter, womöglich falscher Glückseligkeit wiegend, tat sich vor ihm auf. Er durchschritt das Tor, das ihm den Weg in die Welt der Sündhaftigkeit ebnete, gezeichnet und gelockt von der halb abgeblätterten Schrift, die an der Außenwand prangernd korrodierte: „Feel Good Inc.„. Neugierde führte seine Füße, seinen gesamten Körper, in Richtung des Unbekannten; instinktives Interesse, das ihn hoffen ließ, die Worte hielten, was sie versprachen.

Im Dunst der schwarz verhüllten Räumlichkeit waberten Gestalten umher, manche ruhend, manche sich schneller bewegend, manche wie in Trance. Bildschirme nahmen ganze Wandzeilen ein, unruhige Bilder flatterten in ihnen. Er sah kaum etwas, zwischen Rauch und schwachem Neonlicht. Vor ihm erschienen sie, grausige Fratzen; ihn für sein reines Äußeres verhöhnend empfingen sie ihn. Zersetzt vom unerfüllten Wunsch der wahren Freude wankten sie freudlos umher, im Rausch von Drogen und Völlerei waren sie Gefangene ihrer selbst, sich vor dem Licht der Sonne verhüllende Wesen, dem Himmel so nah und gleichermaßen weiter entfernt, als das Herz der Welt vom Ende der Unendlichkeit. Sie tanzten in unrhythmischen Zyklen, ihre Gesichter gezeichnet von teilnahmslosem Grinsen, während drei unter ihnen den Takt bestimmten, ohne im Takt zu sein. Der eine, gewaltiger Statur, glatzköpfig, mit krauser Stirn und bösartig verzerrten Augenbrauen, starrte ohne Augen ins Nichts. Er war kein weiser Mann, doch sprach er viele Worte, die der Reisende nicht verstand. Alles, was seinem Mund entwich, wurde von den Wänden zurückgeworfen, im Echo mit Spiegelbildern auf den beschädigten Bildschirmen, die unruhiges kaltes Licht in den Raum entließen. Einzig der Bassklang vom Rand des Ovals parierte den tiefen Ton des tobenden Titanen. Ein weiteres Geschöpf, ausgehungert, gekrümmt, kauerte inmitten von Leibern, die liebestrunken den Boden bedeckten. Es spielte eine Bassgitarre und in seinen funkelnd bizarren Pupillen tanzte schwarzes Licht. Mit irrem Blick und teuflischem Grinsen vollführte es mit seinem Körper rauschgetränkte Bewegungen, die den Reisenden zwangen, sich vor Ekel zu entfernen. Welche Krankheit war über den Turm gekommen, dass die letzten Wesen, deren Gesichter noch nicht im Nichtssein versunken waren, vollgepumpt waren mit flüssigem Glück, einem Trunk der Freude? In chemischen Elixieren badend waren sie der Sonne näher gerückt, ohne sie sehen zu können. Alles an diesem Ort war falsch. Die Menschen der Erde waren ihres Charakters beraubt wurden. Diese hier aber hatten ihren Charakter getötet – und hatten sich darin zu neuem Glanz erhoben, zu einem unnatürlichen Licht, gespendet von der Dunkelheit.

Ich wollte gehen. Diese Wesen waren mir fremd, noch fremder als jene, die ich auf dem Erdboden gemieden hatte. Ich war voller Furcht, denn wenn meine Füße mich nicht bald davontrügen, würde ich dem plastischen Glück ebenso verfallen wie sie; genährt von kaltem Licht und chemischer Substanz. Sie waren alle so leer, doch angereichtert mit Hirngespinsten. In ihren Augen spiegelte sich die Illusion von Freude, doch in ihrer gefrorenen Mimik lag die Wahrheit. Sie waren nicht glücklich. Sie fühlten sich alles andere als gut. Also ließen sie die Stimmen in ihren Köpfen verstummen, in Unmengen von befreiendem Gift.

Nun bin ich immer noch hier. Ich kann nicht entkommen. Ich will gehen, doch meine Sicht hat sich fokussiert. Ich blicke der gläsernen Fassade entgegen, wo zwischen Wolkentürmen ein einzelner Lichtstrahl den uns von der Glückseligkeit trennenden Vorhang erreicht. Mich hält hier nichts… eine der Figuren aber erkenne ich. Ungewöhnlicherweise ist sie mir wohlbekannt. Im einen Moment scheint sie, als hätte ich sie nie zuvor gesehen. Im anderen fühle ich mich mit ihr verbunden. Sehnsüchtig verweilt sie vor den gewaltigen Fenstern, dem einzigen Lichtquell des Raumes, der rein ist. Ihre Augen… leer. Ihr Blick… kalt. Nur leise Worte entweichen der Statur, fast flüsternd, klagend… Feel Good… In weißen Pupillen sehe ich einen Hauch von Gefühl aufkommen, einen Funken von Leben. Wie versteinert folgt sie dem Geschehen der Außenwelt. Ich weiß nicht, was sie zu sehen glaubt, aber irgendetwas scheint dort zu sein, zwischen Erde und Himmel, in der grauschwarzen See am Horizont. Und dann sehe ich es auch.

Aus dem Wolkenmeer erhebt er sich, wie ein tauchendes Boot aus tiefster See. Ein Felsen, brüchig und zugleich unzerbrechlich. Er treibt einfach und leicht durch die Lüfte, als würde er die Schwerkraft als surreal abtun. die Gestalt neben mir ist starr. Ihre Hände berühren das Glas, ihre Augen so nah an die Membran gebracht, dass sie sich beinahe die Nase bricht. Warum kommt sie mir so bekannt vor, in einer Welt voller falscher Menschen? Zuvor fühlte ich mich, als sei ich die einzige Person, die noch wüsste, wie sich Freude anhört, wie sich Glück anfühlt… und wie Freiheit schmeckt. Doch in ihren leeren Augen liegt derselbe Funke, der mich jetzt in den Himmel stieren lässt. Und als ich meinen Blick von der Gestalt abtue, um wieder hinaufzuschauen, höre ich inmitten der bizarren Klänge einen anderen Ton. Eine Gitarre, erst leise, dann immer lauter, doch wohltuend, frei und entspannt, fernab allen Dunkels der Welt. Als würde sie vom Licht der Sonne selbst bespielt, spüre ich in jedem Zupfen das, was ich suche. Dann, eine Stimme, singend, doch nicht geknechtet, wie die versiegenden Schatten in meinem Rücken. Eine Windmühle steht auf dem Wolkenfelsen, als symbolisierte sie die Freiheit, die ich endlich gefunden zu haben scheine. Dann. Ein Bruch. ein Raunen. Ein Schrei… Nein! Ein Lachen. Der tobende Titan, verzückt vom widerwärtigen Geschehen, verfällt in ein andauerndes Gelächter, ein verrücktes Gekrächze, fast erstickend unter dem Druck, mit dem er Luft und Ton aus seinem Inneren entlässt. Ich falle aus meinen Träumereien, drehe mich um und will ihn anbrüllen, weil er den Moment der Glückseligkeit vernichtete. Doch selbst unter seinem Lachen verblasst der klare Klang der Außenwelt nicht. Ich drehe mich wieder zum Fenster um und schaue hinab auf die Welt unter uns.

Die Insel durchbricht das Wolkenmauer und Sonnenstrahlen fließen aus dem sich zerstreuenden Mantel, wie Bäche aus Quellen himmelhoch gewachsener Berge. Die Gestalt neben mir verzieht ihr Gesicht. Wie ein gestraucheltes Kind hebt sie sanft ihre Mundwinkel, als hätte sie Angst vor den Konsequenzen ihrer Tat. Doch dann erscheint ein Lächeln darunter, erst schwach, dann immer stärker. Und… ehrlich. Ein wahres Lächeln, von echter Freude erzählend, zeichnet sich auf der eisernen Mimik der blassen Kreatur ab, die Schmach des eigenen Verfalls ignorierend, den Schmerz verdrängend… lächelnd. Und die singende Stimme, widerhallend vom fernen Felsen, der mit dem Winden treibt, stimmt eine Melodie an… während die Gitarre ihren zarten Klang begleitet, mit Schwingen herabtragend auf die graue Stadt:

Windmill, windmill for the land.
Turn forever hand in hand
Take it all in on your stride
It is sinking, falling down
Love forever, love is free
Let’s turn forever, you and me
Windmill, windmill for the land
Is everybody in?

Und ich? Ich fühle es… das altbekannte Gefühl… ganz leise pocht es in meinem Herzen. Womöglich habe ich es bald gefunden; noch ist es nur ein Echo alter Tage, leise umherspringend im Kern meines Geistes. Ein anderes aber wird mir den Weg weisen, hinab in die graue Stadt oder hinauf auf die fliegende Insel, wo die wohlklingende Stimme ihre Windmühle besingt…

Ich werde es finden; das Glück; es ist nah. Jetzt jedoch… ist Sehnsucht mein Begleiter.

Den letzten Teil „Happiness“ gibt es hier!

 

 

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