Wie konfus, einsam und verzweifelt müsste wohl ein Mensch sein, der seine kostbare Zeit dem Falten von Papier widmet? Wie verwirrt müsste ein Verstand sein, sich selbst aufzuerlegen, eintausend Kraniche zu falten, nur um der Tatsache willen, dass er eintausend Kraniche gefaltet hat? Ich weiß es nicht. Ich habe aber auch erst fünfhundert gefaltet.

Origami, die Kunst des Papierfaltens, wird in Japan bereits seit mehr als 2000 Jahren zelebriert. Sie hält einen tieferen Sinn inne, als nur das stupide Knicken und Falten von Papierfetzen, bis eine Form daraus entsteht, meist ein Tier oder eine Pflanze ergebend. Origami dient in Japan als pädagogische Maßnahme und fördert Konzentration, Geduldsamkeit und motorische Fähigkeiten. Dem Land entkommen, das uralte Traditionen bis heute am Leben zu halten vermochte, wo moderne Staaten kläglich versagten und kommerzialisierten, fand Origami schon früh Einzug in die Welt fernab der einsamen Insel vor der Küste Asiens. Offenkundig hat die Faltkunst es bis in meine vier Wände geschafft.

Doch warum eintausend Kraniche? Um einen Anfang zu machen, auf dem Weg zu einer halbwegs passablen Erklärung für diesen Wahnwitz, beginne ich mit einer japanischen Sage und einer daraus folgenden „Heldengeschichte“:

Eine alte japanische Legende besagt, dass der, der den Göttern eintausend Kraniche darbieten würde, von ihnen einen Wunsch erfüllt bekäme. Geistige Verwirrung darf mir unterstellt werden, doch allein dieser Mythos führte mich nicht in Versuchung, diese Kunst zu erlernen. Was mir jedoch zu denken gab, war die Geschichte von Sadako Sasaki. Das Mädchen, das diesen Namen trug, überlebte den Atomschlag von Hiroshima und wuchs, zumindest augenscheinlich, ganz normal auf. Nach einem Zusammenbruch in jungen Jahren prognostizierte man Leukämie, einer in unheilbarem Stadium aus der Verstrahlung des monströsen Atombombeneinschlages entstandenen Form von Krebs. Sadako, der wenig Hoffnung auf Genesung oder ein langes Leben vergönnt sein sollten, erfuhr von einer Freundin von der Sage um die Kraniche und die Erfüllung des Wunsches durch die Götter. In nicht einmal einem Monat faltete sie die eintausend Kraniche, während ihre Krankheit weiter voranschritt. Immer schwächer werdend hörte sie nach dem tausendsten Kranich nicht auf; man sagt, sie hätte sogar mehr als 1300 davon gefaltet, während sie im Krankenhaus mit dem Tod kämpfte.

Man möchte glauben, ihr Wunsch hätte sich erfüllt, denn eine solche Geschichte müsste mit Glück und Freude enden, mit der Erfüllung des Wunsches und einem glücklichen Mädchen, das das Licht der Welt ein wenig länger erblicken dürfte, als es ihr Schicksal prophezeit hatte. Doch Sadako starb, denn der Krebs war stärker als ihr standhaftes Herz.

Das Happy End, das hier ausbleibt, wird wohl weiterhin nur Märchengestalten vergönnt bleiben… doch Sadakos Geschichte bewegte die Welt. Ihre Hoffnungen, ihre Zuversicht, ihre Standhaftigkeit im Angesicht des Todes ermutigte Menschen, ihren Glauben nicht aufzugeben. Ihr Tod und ihre Taten wurden zum Symbol, den Widerstand gegen den Atomkrieg zu stärken, dieselbe Standhaftigkeit und den selben Lebenswillen zu repräsentieren – und Frieden zu finden. Der Kranich, der schon seit Anbeginn des ersten Jahrtausends nach Christus ein Sinnbild von Frieden und Glück sein sollte, bescherte einem unschuldigen Kind traurige Berühmtheit und animierte gleichermaßen so viele, für Frieden zu kämpfen und Hoffnung für eine bessere Welt zu bewahren. Sadako verlor den Kampf gegen den Tod, doch sie gewann in ihrer kurzen Zeit auf Erden die Freude am Leben – und die Herzen Tausender. Und in den Erinnerungen dieser Menschen lebt sie weiter.

In Japan ist die tragische Heldin ein Wahrzeichen des Friedens geworden, man baute ihr zu Ehren ein Monument, das mit Glaskästen umgeben wurde. Jedes Jahr senden Menschen aus der ganzen Welt Kraniche zu diesem Denkmal, wo die Glaskästen mit ihnen gefüllt werden. Eine Gedenkfeier wird dort jährlich zu Ehren des tapferen Kindes gefeiert. Ihre Berühmtheit reicht sogar bis nach Amerika; Seattle, um genau zu sein, wo eine Statue von Sadako mit einem Kranich in der rechten Hand steht, inmitten des „Seattle Peace Park„.

Eine Geschichte, der man nicht viel Bedeutung schenken muss, wenn man nicht empfänglich für derlei ist. Doch ist diese Geschichte ein Sinnbild für die Hoffnung, denn genau diese schenkte Sadako zahlreichen Menschen auf der ganzen Welt. Auch mir. Und insgeheim glaube ich fast, dass Sadakos Wunsch sich erfüllte… vielleicht hatte sie nur nicht mehr an sich gedacht. Das Herz eines Kindes vermag sich mehr zu wünschen, als das eigene Wohlergehen… und vielleicht war ihr Wunsch, dass andere Menschen an ihrer Stelle Glück und Frieden im Leben fänden. So oder so hat sie die Welt verändert, wenn auch nur zu einem kleinen Teil und einem großen Preis.

Letztendlich sah ich all das nicht als Hoffnung, mir einen Wunsch erfüllen zu können, indem ich der Legende der Götter folgte. Ich schrieb mir vor einiger Zeit eine Bucket-List, die viel zu viele Punkte enthält, als man in einem Leben erfüllen kann. Aber ich schrieb darauf, dass ich eintausend Kraniche falten würde.

Ich sehe es als Geduldsprüfung, als Entspannungsübung und als Zeichen des inneren Friedens. Mit Hoffnung im Herzen und Standhaftigkeit gegenüber dem schlechten in der Welt. Und wenn es mir letztendlich dann doch nichts bringt, dann weiß ich zumindest, wie man aus Papier einen Kranich faltet. Die nächsten fünfhundert werde ich so oder so falten. In Gedenken an Sadako Sasaki, mit Hoffnung und Zuversicht, konzentriert und geduldig. Es mag verrückt klingen, wie man es auch dreht. Aber wenn wir schon so geringe Chancen auf Frieden haben in einer Welt wie der von heute, dann kann ein kleines Stück Papier zumindest ein kleines Stück Frieden bringen – mir und denen, die solche Geschichten bewegen. Eintausend davon… noch etwas mehr.

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