Schon morgens reißt mich ein einziges Wort aus dem Schlaf – und beendet jeden Traum, so schön er auch war, sehr schmerzhaft. Routine. Ich werde wahnsinnig bei dem Gedanken daran, wie alles scheinbar bis ins kleinste Detail durchdachte Geschehen unweigerlich seinen Weg in den Müll findet. Mein Tag beginnt wie üblich. Quälender Gang vom Bett zum Bad, der von Müdigkeit begleitete Weg zum Auto, über die Autobahn, zur Arbeit. Der Schreibtisch erwartet mich. Nach der gefühlten siebten Tasse Kaffee beschließt mein Kopf endlich zu funktionieren. Das notwendige Opfer: die Finger zittern mir vom Koffein so sehr, dass aus durchdachter Arbeit trotzdem nur Gewäsch resultiert. Wunderbar destruktiv. Eine Mischung aus „Bleib wach“-Zwang und Selbstvergiftung. Danach: Ein wenig Smalltalk für zwischendurch, die fünfte Zigarette vor der ersten Mahlzeit. Das schlägt nicht auf den Magen – es zersetzt ihn. Aber: lächeln bitte!

Der ehrgeizige Azubi will ja vor allem eines: glänzen. Man ist verantwortungsbewusst, selbstständig, smart und vor allem erwachsen. Ich bin 23 Jahre alt. Im Klartext: ein Kind. Und das ist, obwohl ich selten so etwas finde, die einzige Wahrheit. Mit 23 ist man nicht erwachsen. Selbst das Papier, das dies bescheinigt, wirkt unwirscribezklich. Mit 23 steht man allerhöchstens einer Fülle ungeklärter Fragen gegenüber, deren Antwort man nicht kennen kann, weil Erfahrung fehlt. Egal, was wir bereits gesehen und erlebt haben, das Leben hat gerade erst begonnen – und es frisst uns mit Haut und Haaren, wenn wir nicht die Augen öffnen.

Ich schweife ab. Jetzt sitze ich also an meinem Schreibtisch und prüfe unser Verlagsprogramm auf nötige Korrekturen. Das rational denkende Ich in mir (ein verschwindend kleiner Teil, versteckt zwischen „Mal doch einfach etwas.“ und „Was könnte ich mir heute Abend noch bei Netflix reinziehen?“) redet mir gut zu: Du machst etwas Großartiges! Du leistest einen Beitrag in deinem Betrieb, selbstständig, durchdacht und engagiert. Menschen, die aus freien Stücken ihren Soll erfüllen, sind gefragt. Die können es ganz weit bringen…
Während das rationale Ding weiterredet, beginne ich zu malen. Aus dem Bild falte ich einen Kranich. Danke Gehirn. Du machst mein Leben nicht leicht.

Ich glaube, das Leben prüft uns gelegentlich. Wir haben eine Aufgabe. Das äußert sich in meinem Alter durch den Stress, den der ungewohnte Arbeitsalltag mit sich bringt. So wanke ich also umher zwischen Freigeist und Arbeitstier – und das macht meinen Job nicht leichter und mein Schreiben nicht besser.

Der Tag zieht dahin, die Stunden schleichen. 17 Uhr, Feierabend. 17.30, ich schließe die Wohnungstür auf. Mein Mitbewohner wartet. Umzug, Auszug, was auch immer. Ich dachte immer, mit dem Auszug käme die Freiheit. Endlich das Chaos der Jugend hinter sich lassen, neue Pläne schmieden, sich große Ziele setzen, auf eigenen Beinen stehen, nicht mehr so lustlos und unkoordiniert wie früher. Ich musste schnell begreifen, dass das nicht so ist. Die wahre Freiheit war das „die Hausaufgaben schreibe ich einfach morgen früh bei irgendwem ab“ und „14:30, nach der Schule in die Stadt, wir treffen uns am Busbahnhof“. Freiheit war „Nee du, heute chill ich mal ‘ne Runde vorm Fernseher“, nicht „Tut mir leid, nach der Arbeit muss ich noch für die Berufsschule lernen und danach gehe ich ins Bett“.

Ich wusste, dass das Erwachsenwerden Verantwortung voraussetzt. Ich wusste auch, dass ich meine eigene Wohnung selbst managen muss: Waschen, spülen, aufräumen, putzen, Staub wischen – das beschränkt sich nicht mehr nur auf mein Zimmer – und natürlich kochen, einkaufen und so weiter. Ich schätze, man stellt es sich einfacher vor. Ich beklage mich auch nicht gern, denn eigentlich ist es ein schönes Gefühl, meine (fast) eigene Wohnung zu haben. Aber eigentlich will ich auch einfach nur ins Bett. Stattdessen fahren wir einkaufen.

22.30 Uhr. Bekomme ich in diesem Leben nochmal acht Stunden Schlaf? Ich glaube sowas nennt man Luxusprobleme. Deutsches Gut, Leben im Überfluss. Danke Gehirn. Schlafen wird nichts mehr.

Ich stelle alles hier sehr oft in Frage. Es ist ein Geschenk für die Bessergestellten – und doch sind wir nicht halb so glücklich wie eine Familie in Afrika, die nichts hat, außer sich selbst. Wir haben alle Möglichkeiten, viel zu wenig Zeit, ein Wirtschaftssystem; das uns entweder reich macht oder 40 Jahre versklavt. Vielleicht auch beides. ich finde es irgendwie ungerecht. Aber das ist Einstellungssache – und: Geht es nicht allen mal so? Es dreht sich nicht um Arbeit, Erwachsenwerden, Gehalt, Rente, Eigenheim. Es geht um Ratlosigkeit, die erschlagende Vielfalt an Wegen, die wir gehen können. Welchen Weg wählt man? Kann man umkehren, es einfach ausprobieren und im Zweifel neustarten?

Ist es falsch, solche Dinge zu hinterfragen, wenn man mal einfach keine Lust mehr hat, morgens aufzustehen und zur Arbeit zu fahren? Ist es falsch, mal krank sein zu wollen, damit man Zeit hat, einfach mal vor dem Fernseher zu versacken? Nein! Das macht meine Ausbildung, meine Zukunftsängste und meine Zweifel nicht zu falschen Gedanken. Bei so vielen Möglichkeiten für die Gestaltung des eigenen Lebens zeigt sich der richtige Weg nur selten gleich zu Anfang – und ob man sich fügt oder nicht, der Routine erliegt oder sie sich zunutze macht, findet man irgendwann heraus.

Ich fühle mich nicht jeden Tag unwohl mit meinem Alltag, mal engt er mich ein, mal gefällt er mir. Was ich daraus mache, wird sich zeigen; nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. Denn so verwirrend all die Fragen auch sind – eines Tages beantworten sie sich von selbst.

Und so schwer meine Trägheit heute auch wiegt – morgen stehe ich wieder auf und fahre zur Arbeit. Nach diesem Gedankenspiel vielleicht sogar mit einem Lächeln.

 

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