Das Chaos war zuerst da. Selbst Mythen sind durchzogen von der Auffassung, dass der Anfang allen Seins eine unkontrollierbare, doch urtümlich reine Kraft war, die zwar alles zerstören, doch auch ebenso viel erschaffen konnte. Aus dem Chaos wurde die Ordnung erschaffen – und mit der Ordnung kam die Gesellschaft, die unsere Welt im Einklang hält. Doch nur weil Ordnung herrscht und ein System uns alle zusammenhält, ist das Chaos nicht verschwunden. Es lebt in uns allen.

Ich kenne viele Menschen, die eine großartige Struktur in ihr Leben lassen und ihren Alltag in eine zu bewältigende Form bringen. Manch einer plant seinen Tag schon vor dem Aufstehen – oder dem zu Bett gehen am Vortag. Viele machen sich Notizen in Kalendern, Büchern oder ihren Handys. Sie wollen den Überblick nicht verlieren, weil der geregelte Ablauf des Lebens gesichert werden soll. Der Überraschungseffekt des Unvorhersehbaren soll präventiv eingedämmt werden. Wenn ich schon mit dem Kopf gegen die Wand renne, dann trage ich zumindest einen Helm. Ich hielt diesen Weg immer schon für sehr schlau. Manchmal wirkt er womöglich etwas ängstlich, weil Menschen sich schützen wollen, indem sie Stolpersteine umgehen. Aber es ist ja nichts Ungewöhnliches daran. Es ist ja geradezu instinktiv, sich selbst vor Unheil zu bewahren. Denn tatsächlich bringt das Chaos oftmals viele schwere und umständliche Hindernisse in das Leben der Unstrukturierten. Einen geraden Weg zu gehen, während man im oder mit dem Chaos lebt, ist nahezu unmöglich. Warum sollte man also ein unstrukturiertes Leben führen, wo die Tore der Welt doch offen stehen für jene, die der Ordnung den Vorzug geben? Ich glaube… weil man sich so etwas nicht aussucht.

Ich wurde ins Chaos hineingeboren. Mein Vater lebte es genau so wie ich es jetzt tue, immerzu im Kampf mit sich selbst, um es hinter einem ganz normalen Leben zu verstecken. Trage ich ihm womöglich nach, dass ich in diesem Aspekt in seine Fußstapfen trete? Sollte ich es dann allen nachtragen, die dazu beitrugen, dass ich geworden bin, wer ich jetzt bin?

Ich wäre ein Narr, wenn ich dies täte. Denn es hätte mir die Sicht auf das große Ganze verschleiert. Im Chaos wohnt zwar etwas Unkontrollierbares inne. Doch genau so, wie aus dem ursprünglichen Chaos unsere strukturierte Welt entstand, birgt das Chaos in unseren Köpfen eine genau so großartige schöpferische Kraft: Die Fantasie. So zerstreut mein Vater auch in Kinderjahren schon auf mich wirkte, so großartig waren immer schon seine Ideen und Geschichten. Sie sind das wahre Erbe, das mir geschenkt wurde.

Was soll dieser Auszug aus meinem Leben nun an Moral und Lehre bieten; was will man mit solchen träumerischen Phrasen anfangen? Ich möchte einen Blickwinkel ins Licht rücken, der im geordneten Zeitgeschehen oft vergessen wird.

Wir leben in einem Land, das uns die besten Chancen auf ein materiell begünstigtes Leben bietet. Es gibt hier Arbeit, reichhaltige Rohstoffe, Nahrungsmittel, Kultur, Bildung… eine ewige Liste voller Freudseligkeiten, die wir alle zu unserem Eigentum machen können, wenn wir hart arbeiten. Dazu müssen wir uns nur der Struktur hingeben, uns einfügen und das System mit unseren Fähigkeiten und Leistungen nähren. Deshalb bin ich durch ein Schulsystem geleitet worden, habe den Drang gehabt, die Universität zu besuchen, bin zwar gescheitert aber dennoch dem System erhalten geblieben. Denn jetzt mache ich eine Ausbildung. Bald schon werde ich reif für den Arbeitsmarkt sein, um ein Unternehmen zu fördern, das wiederum die Wirtschaft fördert, die wiederum den Wohlstand nährt, der wiederum unser aller Leben mit mehr Gütern und Glückseligkeit fördert. Aber… und das ist es, was mich jede Nacht in der Stille grübeln lässt, mit der siebten Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger, halb über das Fensterbrett gebeugt; mit tiefen Falten, die mir meine Gedanken auf die Stirn gemalt haben.

Ich möchte nicht das System in den Dreck ziehen oder an der Wirtschaft zweifeln; diese Denkmuster werden an einem anderen Tag ein neues Blatt Papier füllen. Ich kann nicht sagen, ob das Chaos ein allgemeines, alltägliches Phänomen ist, oder nur ein auf Phasen basierendes Gedankenspiel meines eigenen bizarren Verstandes. Wenn ich aber nicht der Einzige bin, der der Zweifelhaftigkeit der Struktur Ausdruck verleihen will, dann nur, weil noch andere die Stärke sehen können, die im Chaos innewohnt – und gleichermaßen die Möglichkeiten, die damit einhergehen, wenn man in der Lage ist, Chaos und Ordnung zu vereinen. Das eine und das andere, die urtümlichen Gegensätze, unvereinbar und doch verbunden in jedwedem Aspekt. Aus Chaos entstand Ordnung, aus Ordnung entsteht Chaos. Und genauso funktioniert unsere strukturierte Welt nicht ohne Unordnung, nicht gänzlich, auch wenn es naheliegend scheint. Genau so, wie es der Rationalität der in unserem Land lebenden Menschen bedarf, ist auch ein wenig Freidenkerei vonnöten. Leider zeigt mir meine Situation, dass gerade diese Freiheit des nicht selbstverständlich ist.

Ich bin ein Träumer – und ich werde Tag für Tag mit aller Kraft in die Realität gezerrt. Ich kann nicht überleben, wenn ich gegen das System arbeite. Dafür ist es zu groß und funktioniert augenscheinlich zu gut. Aber einem Träumer das Chaos zu entreißen, wäre weitaus schlimmer, als ihm das Leben zu nehmen. Ich lebe das Chaos, Tag für Tag, und ich wandere zwischen den Welten, der Welt um mich herum und der Welt in meinem Inneren. Aber ich bestehe die Prüfung, denn ich mache Kompromisse. Das Chaos in mir ist der Ursprung meiner Kreativität, meiner Fantasie. Eine Gabe, die ich in frühester Kindheit erhielt und mir bewahre; der Traum ist es, diese „Gabe“ einst zu nutzen, um Gedankenspiele Wirklichkeit werden zu lassen. Denn wenn du liebst, was du tust, wirst du nie wieder arbeiten.

Jetzt bewege ich mich mit dem Strom. Ich weiß aber auch, dass ich irgendwann ausbrechen werde, meine sieben Sachen packe und aufbreche… in mein eigenes Abenteuer. Alles, was vorher kommt, ist Lernen. Struktur studieren, präventiv ein Auffangbecken aufbauen, für den Fall, dass alles, was ich in meinen Tagträumereien erschaffe irgendwann wie Seifenblasen zerplatzen wird und eine neue Wahrheit offenbart – denn das Leben ist unvorhersehbar und offenbart jeden Tag einen neuen Weg. Ich füge mich noch eine Weile der Ordnung. Kenne deinen Feind, oder mache ihn zu deinem Verbündeten. Kann ich Ordnung und Chaos vereinen? Ich weiß es nicht, denn ich drehe mich weiter in chaotischen Bahnen. Aber – und das ist Fakt: Niemals sollte man sein ureigenes Ich verleugnen oder verschleiern. Ich trage es in mir. Ich bewahre es. Eines Tages wird sich zeigen, was dieser Pfad auf meiner Reise durch diese Welt für mich bereithält.

Ich glaube an Schicksal. Alles, was geschieht, sollte akzeptiert werden können, denn alles um uns herum läuft, wie es laufen soll. Diese Meinung muss man nicht teilen, aber es gibt dem eigenen Sein einen tieferen Sinn. Und manchmal kann man die Muster beinahe sehen, die sich um einen herum abzeichnen. Ob es Vorsehung oder Zufall ist, kann jeder selbst entscheiden. Dafür bietet uns die Fantasie genug Freiheit.

Die Route in Richtung Zukunft zu planen, ist mehr als vernünftig und ich beglückwünsche alle, die es schaffen, ihr Leben so zu bestimmen. Ich aber werde meinen eigenen Weg gehen, aufrecht und frei, ohne ein Ziel vor Augen – aber mit einer Handvoll Träumen im Rucksack. Wenn es das ist, was mir mein Verstand und mein Herz sagen, wenn ich im Dämmerlicht der Straßenlaternen die letzte Zigarette aus dem Dachfenster schnipse, wenn ich im Fensterrahmen sitze und der Stille lausche, allein mit mir und meinen Gedanken, dann ist es genau das Richtige. Weder die Arbeit, noch die Struktur, noch das System können mich in die Knie zwingen oder mir meine Hirngespinste austreiben, denn es ist gut, dass ich das Chaos nicht aufgebe. Es hat einen Grund, dass es zwei Arten von Menschen gibt. Die einen in der Ordnung, die anderen in der Unordnung. Rational und Irrational. Wir sind elementar für den Fortbestand der Welt. Ohne unsere Träume gäbe es nicht die Realität, in der wir leben. Aus unseren Köpfen werden Ideen geboren, die ganze Kontinente aus den Angeln heben. Genau das ist es, was wir uns vor Augen halten sollten; was wir nie vergessen dürfen… Wir sind das Chaos.

Was denkt ihr über diesen Denkansatz – und welchem Weg würdet ihr folgen?

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