Am Mittwoch war es endlich soweit. Die erste Episode der neuen Late-Night-Show bei Netflix startete. Chelsea, wie das Programm heißt will vor allem eins: anders sein. Das muss es auch, damit Netflix den Vorwurf begraben kann, nichts anders zu machen als das klassische Fernsehen. Schafft Chelsea das? Die Antwort dazu erfahrt ihr hier!

Wie macht man die erste Folge einer Late-Night-Show anders als alles andere? Zum Beispiel, indem man „Coldplay“-Sänger Chris Martin damit beginnen lässt, dass Chelsea Handler ihr Bestes gegeben hat, dass aber einfach nicht genug war. Als er hörte, dass ihre Sendung auf Netflix endete, erkannte er das Gute in „goodbye“. Dann fängt er an am Piano einen Abschiedssong zu singen. Daraufhin Chelsea kommt mit ihrem Hund auf die Bühne (1.000 Punkte für Chelsea, weil ein Hund dabei ist!) und sagt: „This is actually the first show“ woraufhin Chris Martin sehr verwirrt ist und mit einem „I didn’t know that. Well, alright, see you later“ abgeht. Ein merkwürdiger Anfang, aber passend für die merkwürdige, aber brilliante Chelsea Handler und definitiv „anders“.

Sie bedankt sich bei Netflix dafür, endlich die Show zu machen, die sie möchte. Sie weiß zwar noch nicht, was für eine Show das werden soll, aber „as I’m saying this, ideas are coming at me, across me and sometimes under me.“ Humor unter der Gürtellinie kann sie so eloquent wie keine zweite. Sie zeigt von Anfang an, dass sie anders sein will. Sie macht auf ihre Erfolge aufmerksam. Also sowas wie: Kein College-Abschluss, Bücher geschrieben, Alkohol-Test bestanden, Alkohol-Test nicht bestanden, „happily unmarried“ geblieben und die Aufzucht zweier Hunde. Sie macht keinen Hehl aus ihren Fehlern. Und dafür muss man sie bewundern. Sie ist immer schonungslos menschlich. Und die erste Folge ist noch keine 5 Minuten gelaufen, schon ertönt das erste „fucking“ aus ihrem Mund. Das ist Netflix. Da macht man sich keine Gedanken oder piept Schimpfwörter aus, sondern zeigt sie, da sie immerhin zu unserem Alltagssprachgebrauch gehören. All das fasst Chelsea mit einem Satz zusammen: „The point is, I’m amazing.“ Sie möchte, dass man sie als den coolen Professor sieht, mit dem man vor, nach und während des Unterrichts kiffen kann. Und das ist sie letztlich auch. Sie verspricht viel, man sieht in der Übersicht, was sie machen will: Bilder von Politikern, Mark Zuckerberg, Freunde, Prostituierte und „Random Children.“

Dann gehts auch direkt zur Sache. Soweit sie es mitbekommen hat, ist sie beinahe hundertprozentig sicher, dass77 es Wahljahr in den USA ist. Ob wir es wissen oder nicht, wir brauchen Chelsea. Wie sollen wir ohne ihre Einsicht in die Politik zwischen einer hochqualifizierten Frau mit unglaublicher Erfahrung in der Politik (Hillary Clinton) und einem bankrotten, frauenhassenden, rassistischen, orangen Arschloch (Donald Trump) wählen können? Chelsea macht damit eins deutlich: Sie kann, will und wird kein Blatt vor den Mund nehmen. Das gefällt mir so an ihr. Ich bin ein Fan von Jimmy Kimmel und Conan O’Brian und feiere auch natürlich das Neo Magazin Royale (Danke für den #verafake Böhmi) aber eine Late-Night-Show, die in 190 Ländern der Erde gleichzeitig läuft, das ist neu. Netflix hat hier wirklich die perfekte Besetzung gefunden. Denn Chelsea Handler ist ehrlich, sie ist überall auf der Welt beliebt und hat bei Netflix schon Erfahrungen gesammelt. Außerdem hat sie einen Vorzug. Sie ist bereit dumme Fragen zu stellen, weil ihr egal ist, ob sie dumm wirkt, solange man sie nicht so nennt, wie sie später sagt.

Darum ist das Thema der ersten Sendung auch Bildung. Der erste Einspieler: Netflix University. Statt zu Harvard oder einer anderen Universität zu gehen, kann man sich einfach Sachen angucken. Dann weiß man ein bisschen was über alles. Dazu die wohl grandioseste Frage überhaupt: „Is Harvard & Chill a thing? I don’t think so“, während eine Frau sich über den Schoß ihres Mannes beugt. Läuft. Regeln will Chelsea nicht beachten, moralisch anspruchsvoll will die Show nicht sein. Und dabei macht sie alles richtig, denn sie bleibt durchgehend unglaublich durchdacht und intelligent. Der erste Gast? John King, der US Secretary of Education. Das ist auf so vielen Ebenen brillant. Erst das komplette Schulsystem lächerlich machen und dann den Minister für Bildung einladen. Da kann auch die Late-Night-Elite in den USA noch einiges Lernen. Witzig sind die Szenen in denen Chelsea’s Hund kommt und sie ihn einfach streichelt. Sie wirkt durch solche Momente unglaublich Menschlich. Mit King führt sie einen Wissenstest durch, damit sie sehen kann, wo ihre Bildung am Anfang der Show ist. Er wird dann immer wieder kommen und den Test mit ihr durchführen. Dazu gibt es 8 Fächer: Mathematik, Englisch, Geschichte, Wissenschaft, Geografie, Kunst, Regierung und „electives“(Wahlfächer), dieses mal Sport. Die ersten Fragen bekommt sie problemlos hin, allerdings strauchelt sie bei Wissenschaft (in diesem Fall Physik) und der Frage wieso ein Jahr 365 Tage hat und ein Tag 24 Stunden. Dabei ist sie aber so unglaublich ehrlich, dass man sich das Lachen gar nicht verkneifen kann. („The Sun, the Moon, the Oceans and the Sky come together and spin around the axis of an axis along an axis“)

Los Angeles, Calif. -- May 9, 2016 -- Chelsea tackles the topic of education with guests Chris Martin, Drew Barrymore, Pitbull and U.S. Secretary of Education John B. King. (Photo by Patrick Wymore/Netflix)

Chelsea will ihre Bildung auf den Prüfstand stellen.                               Foto von Patrick Wymore/Netflix

Daraufhin kommt der nächste Gast, der ein persönlicher Freund von Chelsea ist. Der Rapper und „Mister Worldwide“ Pitbull, der die Slam Academy in Miami gegründet hat. Er begrüßt Chelsea und King und möchte dann Chuck, Chelsea’s Hund begrüßen, aber Chuck mag wohl keine Pitbulls, denn er tritt direkt den Rückzug an. Erstklassige Situationskomik! Da sich Pitbull allerdings nicht setzen will, bevor Chuck ihn begrüßt („I’m trying to figure this out here.“) überzeugt Chelsea ihren Hund, ihm doch ein wenig Zuneigung zu geben. „Now we talkin'“ kommentiert ein sichtlich froher Pitbull das Geschehen. „Sometimes dogs are afraid of other dogs“, sagt Pitbull dann zum Abschluss des Themas und streckt die Zunge raus. So macht Fernsehen Spaß. Größte Überraschung? Pitbull ohne Sonnebrille sehen. Das ist man von dem Rapper nicht gewöhnt. Er spricht passend zum Thema darüber, was Bildung für ihn bedeutet und da lernt man etwas völlig anderes von Pitbull kennen. Er sagt, dass ihm nichts so wichtig ist, wie Bildung, da sie Türen öffnet. Darum hat er auch die Slam Academy gegründet. Um Menschen in schwierigen Situationen Bildung vermitteln zu können, damit sie diese Bildung nutzen können um – wie er – ein besseres Leben zu bekommen. Das Chelsea sich in ihrer ersten Show direkt einem so großen Thema annimmt, verdient Respekt. Gerade in den USA ist Bildung immer noch ein schwieriges Thema. Gerade Kinder aus den Ghettos und Minderheiten haben mehr Probleme in der Schule, da viele Lehrer die Hoffnung aufgeben, den Kindern etwas beizubringen.

Nachdem Pitbull und John King das Studio verlassen haben, ist es Zeit für den nächsten Gast, ebenfalls eine enge Freundin von Chelsea. „She’s beautiful on the inside and on the outside. Drew Barrymore.“ So soll das Format funktionieren. Chelsea’s Freunde besuchen sie in ihrer Sendung. Jetzt wirkt alles wie ein Treffen zwischen alten Freundinnen. Der Wein wird eingeschenkt und man unterhält sich einfach ganz entspannt. Das ist auch mal etwas anderes. Es ist ein Late-Night-Talk der sich nicht anfühlt wie einer. Es fühlt sich wirklich an, als ob man im Restaurant sitzt und mit halbem Ohr bei einem Mädels-Abend zuhört. Das ist schön, weil die Themen das Niveau nicht verlieren. Es geht um Bildung, Sprache, Drew’s Kinder und und wie Drew sich fühlt, wenn sie merkt, dass fast jeder ihr nur Gutes wünscht. Das ist spannend. Das ganze auch noch mit ein paar Seitenhieben („If you’re a girl, you should like girls and if you don’t… your name is Angelina Jolie“). Das macht Spaß.

Abschluss der ersten Folge: Chelsea rappt mit Pitbull zusammen. Damit endet die Show leider schon. Aber ich bin froh, denn ich weiß, Donnerstag kommt die nächste Episode.

Was bleibt zu sagen? Funktioniert Chelsea? Die Mischung aus niveaulosen Witzen unter der Gürtellinie und den wirklich wichtigen Themen ist genau das, was unsere Generation ausmacht. Es fühlt sich ein bisschen an, wie ein Abend mit Freunden. Man scherzt, man trinkt und man spricht über die großen Dinge des Lebens. Ich will ehrlich sein: Ab sofort habe ich Mittwochs, Donnerstags und Freitags abends etwas zu tun. Chelsea will ihre Show behandeln wie die College-Bildung, die sie nie erhalten hat und genau das tut sie auch. Netflix kann damit beweisen, dass sie eben nicht alles machen, wie die klassischen Fernsehsender, sondern wesentlich smarter, bissiger und witziger sein können. Wenn ihr es noch nicht getan habt: Schaut euch die ersten drei Folgen definitiv an, ihr werdet es nicht bereuen.

Eine Anmerkung zum Schluss: Für Netflix and Chill ist die Serie ungeeignet, denn man muss viel zu viel lachen, was bei der jeweiligen Partnerin/dem jeweiligen Partner nicht so gut ankommen wird. 😉

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