Von Johanna K.

Nach sieben WGs habe ich wohl reichlich viel Erfahrung. Aber keiner meiner Mitbewohner hat mich so geprägt wie der, um den es in diesem Text geht.
Es begab sich zu der Zeit, als ich nach dem Studium in München in einer WG wohnte. Am Tage meines Einzugs zur Zwischenmiete eröffnete mir einer der Mitbewohner, dass er schon bald ausziehen würde. Es dauerte nicht lange, da eröffnete mir auch Mitbewohner 2, dass er ausziehen würde (und das lag tatsächlich nicht an mir).
Es war nun aber an mir, zwei neue Mitbewohner zu finden. Dies gestaltete sich nicht ganz so einfach, da eines der freien Zimmer ein Durchgangszimmer war, durch welches man in das hintere WG-Zimmer kam. Es war aber nicht unmöglich, so dass ich bald zwei neue Mitbewohner gefunden hatte.
Die folgenden Zeilen beschäftigen sich mit dem Mitbewohner, der in das  Durchgangszimmer eingezogen ist. Nennen wir ihn D. D zog nicht alleine ein, sondern brachte seine zwei Wellensittiche mit.
Nun müsst ihr wissen, dass bei Mitbewohner 2 im Durchgangszimmer ein Vorhang drapiert war, der quasi als Wandersatz galt und das Zimmer nur um ca. 1 m² verkleinert hat, so aber einen Flur geschaffen hat. Es gab also die Möglichkeit, diesen Vorhang zuzuziehen und hierdurch Privatsphäre zu schaffen.
D war seine Freiheit aber wichtiger als seine Privatsphäre, so dass der Vorhang die meiste Zeit geöffnet war und wir mehr Einblicke in D’s Zimmer hatten, als uns lieb war. Hierzu ein Zitat von D: „Ich fühle mich durch den Vorhang eingeengt“.
So kam es nicht selten vor, dass wir D in seinem Zimmer überrascht haben. D hatte wohl ein Faible für heiße Luft. Nie werde ich vergessen, wie er auf dem Boden lag und seinen Körper geföhnt hat. Mitten am Tag und einfach so. Falls jemand hierzu eine Erklärung hat – gerne her damit.
Kommen wir zu den beiden zwitschernden Mitbewohnern. Als diese beim Kennenlern-Gespräch Thema waren, stand für mich überhaupt nicht zur Debatte, dass diese – wie üblich – ja wohl in einem Käfig leben würden. Falsch gedacht. Denn so wie D seine Freiheit liebte, so wichtig war sie ihm auch für seine beiden Wellensittiche.

So besaßen die beiden zwar einen Käfig, die Käfigtüren waren aber ständig geöffnet. Wir mussten daher also immer alle aufpassen, dass die beiden Vögelchen nicht durch die Zimmertür in die Wohnung entfliehen würden. Sollte dies einmal der Fall sein, waren wir aber natürlich abgesichert. So hingen vor jedem Fenster in unserer Dachgeschosswohnung Fliegengitter, die zwar einerseits die Wellensittiche vor der Flucht bewahrten, andererseits das Lüften aber auch durchaus erschwerten.
Ein weiterer Nebeneffekt der geöffneten Käfigtür war der erhöhte Küchenrollen-Verbrauch von D. Sein Zimmer war quasi mit Küchenrolle ausgelegt, damit die Ausscheidungen seiner beiden Mitbewohner nicht die Möbel oder das Laminat beschädigten. Daneben hatte D auch einen erhöhten Bedarf an Toilettenpapier. So kam es öfter mal vor, dass am Wochenende der WG-Vorrat verbraucht war, obwohl am Tag vorher noch drei Rollen im Bad vorrätig waren. Wie selbstverständlich hat D diesen privaten Verbrauch aber aus der gemeinsamen WG-Haushaltskasse gezahlt, denn „es handele sich hierbei schließlich um Verbrauchsartikel für alle“ (Zitat D) was ungefähr damit gleichzusetzen ist, dass ich meine für mich gedachten Abschminktücher aus der Haushaltskasse zahlen würde.
In der Konsequenz endete dies nach vielen Diskussionen dann darin, dass D seinen eigenen Vorrat hatte und ich dennoch, gefeit vor bösen Überraschungen, immer zwei Rollen Toilettenpapier in meinem Zimmer gebunkert hatte.
Apropos Bunkern und Haushaltskasse. In WGs ist es ja nun durchaus nicht unüblich, dass man Lebensmittel miteinander teilt. Auch wir hatten gemeinsame Lebensmittel, die wir geteilt haben. Jeder von uns hatte allerdings auch seine privaten Vorräte. Seit Jahren schaue ich sonntagsabends den Tatort. Eines Sonntags hatte ich mich total auf den Tatort, begleitet von Wein und Ofenkäse, als Abschluss des Wochenendes gefreut. Ich war mir sicher, dass ich von freitags noch Wein im Kühlschrank hatte. Aber: schon wieder falsch gedacht. Mein Wein war leer. Das klingt jetzt banal, aber ihr könnt euch sicher vorstellen, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe, wenn ihr euch total auf etwas freut und dann enttäuscht werdet. Natürlich habe ich D in den kommenden Tagen darauf angesprochen. Aber D hat leider keinerlei Einsicht gezeigt sondern, ihr werdet es nicht glauben, ein paar Wochen später diese Prozedur sogar wiederholt, so dass ich mich montagsmorgens einer leeren Milchpackung gegenübersah und leider auf meinen Kaffee verzichten musste.
Aber nochmal zurück zu den Vögeln. Diese mussten ja auch in Abwesenheit von D versorgt werden. Uns als WG-Mitbewohnern hat er dies wohl nicht zugetraut. So kam es, dass wir eines Tages der Hausarbeit nachgegangen sind und in der Küche werkelten, als plötzlich Ds Ex-Freundin in unserer WG stand. Wir sind total erschrocken, als plötzlich jemand Fremdes mitten in unserer Wohnung stand.
Nach einer gefühlt ewigen Tortur habe ich es nach sechs Monaten nicht mehr ausgehalten und bin frühzeitig aus der WG für immer geflüchtet. Dennoch wird D mich mit seinen Episoden wohl ein Leben lang weiter begleiten, auch wenn er mich heute damit nur noch zum Lachen bringt.
Und mein Fazit nach diesem halben Jahr? Nach meiner Flucht habe ich noch ein weiteres halbes Jahr in einer anderen WG gewohnt, bevor ich jobbedingt die Stadt verlassen habe. Mit dem Stadtwechsel war für mich klar, dass sich für mich nach den Erfahrungen mit D das Thema WGs erledigt hatte. Dennoch war D nur einer von insgesamt 11 WG-Mitbewohnern. Ich möchte die Zeit mit meinen WGs nicht missen, denn das WG-Leben besteht ja nicht nur aus Mitbewohnern, sondern auch aus vielen anderen tollen gemeinsamen Erlebnissen. Trotz meines Traumas mit D, kann ich es nur jedem empfehlen, der es bisher in Erwägung gezogen hat – man ist später nicht nur um eine Erfahrung reicher! Und wieder Ausziehen kann man ja immer noch 😉

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