Wenn ich an die bevorstehende Abschlussprüfung denke, prasseln viele Emotionen auf mich ein: Verzweiflung, Wut,  Chaos, Angst.

Verzweiflung, weil der Tag immer näher rückt und absolut nichts in meinem Kopf hängen bleibt. Wut, weil sich die Themen stapeln und der Blätterberg nicht kleiner wird. Chaos, weil ich die Übersicht über die Informationen verliere und mich durch verschiedenste Quellen (Internet, alte Klausuren, Schmierblätter, Lehrbuch 1, Lehrbuch 2, Lehrbuch 3) kämpfen muss. Angst davor, zu versagen und mit einem schlechten Ergebnis abzuschneiden.

Angefangen hatte alles Anfang September. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir noch nicht über die nervenraubende Zeit bewusst, die mich erwarten würde. Vor Freunden scherzte ich: „Ach, ich habe ja noch Zeit satt. Wenn ich drei Monate vorher mit dem Lernen anfange, bleibt sowieso nichts in meinem Kopf hängen“. Ich sollte diese Aussage schneller bereuen als mir lieb war. Im fachinternen Unterricht, den uns der Betrieb zur Nacharbeit der Berufsschulthemen anbot, fiel mir der Prüfungskatalog vor die Füße. 25 Seiten Druckerschwärze. Und mit einem Blick in die prüfungsrelevanten Themen erklärte ich den Höllenritt für begonnen.

Mit knirschenden Zähnen und einem Puls von 180 machte ich mich völlig orientierungslos und verloren an ein ausgefeiltes Lern-Konzept. Wie ließen sich die Lerninhalte möglichst schlau auf meine Freizeit verteilen? Und wie konnte ich dennoch das freie Wochenende genießen und ab und zu ins Fitnessstudio gehen? Ich entschloss mich, alle Fächer nacheinander abzuarbeiten und am Ende einer jeden Unterrichtseinheit alte Prüfungsfragen durchzugehen. Zumindest klang das nach einem geordneten System. Und durch das Bearbeiten alter Prüfungsfragen würden mit Sicherheit noch Lücken und fehlende Inhalte aufgedeckt werden.

So gut ich mich auch organisiert hatte, das Lernen blieb dennoch eine große Herausforderung. Sich nach einem acht-Stunden-Tag an den Schreibtisch zu setzen und die Gehirnzellen in Gang zu bringen, war leichter gesagt als getan. Zu Anfang wichen meine Gedanken bereits nach wenigen Minuten ab. „Oh, schöne weiße Wand. Und oh, die Fliege ist auch interessant. Wie sie so leicht vor sich hin schwebt. So ganz ohne Sorgen.“  Alles war interessanter als das Schulbuch. Sogar Putzen und Einkaufen machten mehr Spaß als ein Blick in den gefürchteten Prüfungskatalog. Die Zeit verging, ohne dass ich um eine Erkenntnis schlauer wurde.

Kaum saß ich auf meinem Schreibtischstuhl, hielt ich auch schon das Handy in der Hand, um meine Freunde mit Sprachnachrichten zu nerven und mich so vom Lernen abzulenken. All das wäre vermutlich noch eine Weile so weitergegangen, hätte ich nicht eine Freundin, die stets um mein Wohl besorgt ist. An dieser Stelle: Danke Anna! Anna hatte bereits vor einem halben Jahr die Ausbildung beendet und antwortete, auf meinen Gesang von „Warum bin ich so fröhlich, so fröhlich, so fröhlich…“ mit: „Sabbi, ich weiß, wie hart die Zeit ist, aber du musst da jetzt durch. Setz dich auf deinen Po und wirf zumindest kurz einen Blick in das Buch.“ Auch wenn ich das zu diesem Zeitpunkt nicht hören wollte, hatten die Worte gewirkt.
Innerhalb von drei Wochen waren die 500 Seiten des Fachkundebuches zusammengefasst. Alte Klausuren sortiert. Bücher mit Post-its beklebt. Zettel mit Textmarker-Strichen bepinselt. Anna musste es ja wissen. Auch sie hatte sich durch all die langweiligen Themen gekämpft, die man später vermutlich nicht einmal mehr brauchte. Nicht nur die Leistung, die sie am Ende erreicht hatte, spornte mich an. Auch die Aussicht auf die Zeit nach der Abschlussprüfung gab mir einen gewissen Ansporn. Inzwischen hatte ich einige Übernahme-Gespräche geführt und wollte mich mit einer guten Leistung in der Abschlussprüfung beweisen. Ich wollte es allen zeigen. Zeigen, dass auch ich, die „nur“ ein Abi von 2,9 vorzuweisen hatte, eine gute Note in der Abschlussprüfung erreichen könnte.

Ich wollte beweisen, warum es sich lohnen würde, gerade mir eine Chance auf Übernahme zu ermöglichen. Bis heute war es nicht immer einfach, das muss ich zugeben, aber man weiß am Ende, wofür man es tut. Man tut es nicht für andere, sondern für sich. Dafür, ein neues Leben zu beginnen, in einen interessanten Job einzusteigen und sich seine Zukunft zu sichern. Auch wenn ich dafür häufig andere Wünsche zurück stellen musste und leider immer noch muss. Adé Halli Galli. Adé Feierei bis in die frühen Morgenstunden.

Manchmal ist es hart, die Party durch ein Date mit dem Lehrbuch zu ersetzen, dennoch ist es in absehbarer Zeit auch vorbei. Der ganze Kampf hat irgendwann ein Ende. Und sollte einem zwischendurch doch mal die Lust nach einem Spaziergang, einem Dinner mit Freunden oder einer Partynacht kommen, dann ist es keine Schande, das Buch mal für einen Tag links liegen zu lassen. Man soll sein Leben ja nicht komplett aufgeben. Zwischendurch sollte immer etwas Zeit sein, um es sich selber gut gehen zu lassen. Um den Kopf frei zu kriegen und sich zu entspannen. Sei es ein langes Bad im Kerzenschein oder ein Felix Jaehn-Konzert, wo sich der Alltag vergessen lässt. Es sind die kleinen Freuden im Leben, die einem helfen, die schwierige Zeit zu meistern.

Eine Antwort

  1. Isabelle
    Isabelle

    Man kann förmlich mit dir mitfühlen, super geschrieben 🙂
    Ich wünsche dir ganz viel Erfolg bei der Prüfung!!

    Antworten

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