Oft wurde ich gefragt, was ich werden möchte, wenn ich groß bin. Tierärztin, Schauspielerin, Sängerin oder Prinzessin waren meine Antworten als ich klein war. Doch umso näher der Schulabschluss rückte, desto eher wurde mir bewusst, dass ich eine Entscheidung treffen musste. Eine Entscheidung, die mein Leben verändern und all das auf den Kopf stellen würde, was mich in den letzten Jahren bestimmte.
75  Ferientage? Vorbei. Freistunden und früher Schulschluss? Geschichte. Es wurde Zeit erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Zeit, meine eigene Zukunft zu gestalten. Anders als bei den SIMS – dem Computerspiel meiner Kindheit –  war mehr als nur ein Mausklick nötig, um einen Fuß in die Berufswelt zu setzen. Es gab keinen Strippenzieher, der mein Leben vorbestimmte und mir mir nichts, dir nichts einen angesehenen Job in einem großen Konzern besorgte. Der Schalthebel war ich. Fakt war, dass ich die Welt entdecken wollte. Ich wollte frei sein. Unabhängig. Aufgrund dessen beschloss ich, die kleine Stadt zu verlassen, in der ich groß geworden war. Ich hätte wie 90 Prozent meiner Freunde hinter einem Bankschalter hocken können. Tag ein Tag aus hätte ich darauf gewartet, dass ich Opa Willy davor retten muss, Büroklammern statt Münzen in den Einzahlautomaten zu schmeißen. Oder dass ich Oma Erna davor bewahren muss, ihre Überweisungsvorlage falsch auszufüllen. Action? Fehlanzeige.

Es musste ein Job sein, der dem Trend der Zeit folgt. Wo ich kreativ tätig sein und mich im digitalen Zeitalter austoben kann. Für mich stand fest, dass es keinen anderen Weg gab als den in die Medienbranche. Medien sind überall. Sie erforschen das Neue und schaffen Inhalte, über die die ganze Welt spricht. Und da ich es zu Zeiten des Doppeljahrgangs mit einem NC von 2,9 niemals in einen Hörsaal geschafft hätte, entschied ich mich für eine Ausbildung zur „Medienkauffrau Digital und Print“ bei der Rheinischen Post. Vor allem das Wort „Digital“ klang wie Musik in meinen Ohren. Dazu dann folgender Anreiz  in der Stellenanzeige: „Als Medienkauffrau Digital und Print arbeiten Sie crossmedial. Sie bestreiten Ihren beruflichen Weg in den Geschäftsfeldern unseres Unternehmens: Radio, TV, Print, Online und App.“ Was will der Jugendliche von heute eigentlich mehr?

Und auch jetzt, wo ich fast am Ende meiner Ausbildung stehe, weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört und damit die richtige Entscheidung getroffen. Die Ausbildung ist und war ein Wechselbad der Gefühle. Ich habe gelernt, mit unterschiedlichen Menschen zusammen zu arbeiten. Natürlich gab es auch die Art Abteilungsleiter, die die Vorzüge eines Auszubildenden schamlos ausnutzten und ihn sieben Stunden am Tag vor einen Kopierer stellten. Abonnement-Bestellscheine einscannen. Rechnungen kopieren. Buchungsbestätigungen faxen. Gott sei Dank überwiegt jedoch die Zahl der Kollegen, die sich Zeit für den Azubi nahmen, sich individuelle Projekte einfallen ließen und Präsentationen vorbereiteten, um ihm sein Aufgabengebiet näher zu bringen. Es wurden Kontakte geknüpft und Fundamente für eine stabile Zukunft geschaffen.
Ich lernte vor allem, selbstbewusster zu werden und mit verschiedenen Charaktertypen umzugehen. Das lag zum einen nicht nur daran, dass ich mich als Kleinstadt-Trampel durch die Großstadt kämpfen musste. Es waren viel mehr die vielen spannenden Projekte, die die Ausbildung bereithielt. Projekte, bei denen man die Zähne zusammenbeißen und kniffelige Situationen meistern musste. Am meisten Spaß machte mir die Entwicklung von Marketingkonzepten. Sei es die Planung einer Sonderveröffentlichung in der Zeitung oder die Organisation von Messen und Veranstaltung zur Verkaufsförderung und Kundenbindung. Als Azubi in allen Abteilungen des Unternehmens eingesetzt zu werden, das ist  ein Privileg, das nicht in jedem Betrieb gewährleistet wird. Es war spannend, alle Kanäle der Mediengruppe kennenzulernen und nachvollziehen zu können, wie das große Konstrukt des Unternehmens verkettet ist. Denn am Ende sind es gerade wir Auszubildenden, die alle Abläufe des Unternehmens kennen. Die wissen, welcher Ansprechpartner angerufen werden muss, wenn der Kunde in der Leitung mal wieder bei der falschen Abteilung gelandet ist und sich tierisch darüber ärgert, dass man in dem Unternehmen nie den richtigen Mitarbeiter erreicht.

Doch nicht nur die Vielfalt der Abteilungen, sondern auch das lockere Zusammenarbeiten der Kollegen, hat mich dazu bewegt, nicht gleich eine Kehrtwende zu machen. Schon zu Beginn der Ausbildung wurde uns von der Ausbildungsleiterin eingetrichtert: „Grüßt jeden, den ihr seht, denn ihr wisst nie, ob er sich euer Gesicht merkt und sich irgendwann an euch erinnert.“ Und so ist es! Man weiß nie, ob man die Hilfe des Kollegen noch einmal benötigt, wenn man mal wieder einen Papierstau an dem einzigen Drucker im Großraumbüro ausgelöst hat und schon die bohrenden Blicke der Kollegen auf sich spürt. Oder man mit einem Stapel Zeitungen in der Hand den Flur entlang stolpert, das Gleichgewicht verliert und kurz davor ist den ganzen Gang zu verwüsten. Wer wünscht sich da nicht einen Kollegen, der in letzter Minute die herunterfallenden Exemplare auffängt oder einem hilft das Blätterchaos zu beseitigen, sollte er nicht rechtzeitig um die Ecke gebogen sein? Oft sind es genau diese ungewöhnlichen  Momente, die einen später wieder an einen Menschen erinnern. Perfektionismus ist was für Langweiler. Na und? Dann habe ich beim Firmenfitnesslauf halt keine 6km unter 30 Minuten geschafft. Dann habe ich mich halt beim Vorstellungsgespräch in Highheels gequält, obwohl mein Zeh verstaucht war.

Manchmal hilft es, mutig zu sein. Sein Leben in die Hand zu nehmen und sich auf etwas einzulassen, wovon man vorher noch nicht weiß, was einem bevorsteht. Denn nur so kann man positiv überrascht werden und über sich selbst hinaus wachsen.

Und sollte ich irgendwann merken, dass all das doch der falsche Weg war, dann werde ich halt Prinzessin.

 

 

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