Von Elina J.

Nachdem man den Schulabschluss geschafft hat, ist es irgendwann soweit: man verlässt Hotel Mama und beginnt einen neuen Lebensabschnitt. Natürlich war es bei mir nicht anders. Mir war jedoch von Anfang an klar, dass ich auf keinen Fall alleine wohnen möchte und daher wusste ich schon früh, dass ich in eine WG ziehen werde. Jedoch ist das gar nicht mal so leicht.

Zunächst muss man sich nämlich überlegen, ob man das wirklich machen möchte. Man ist je nach Anzahl der Mitbewohner so gut wie nie allein Zuhause und man darf nicht allergisch dagegen sein, wenn jemand mal seinen Mist rumliegen lässt. So etwas finde ich nicht so tragisch, deswegen sprach bei mir nichts dagegen. Außerdem kommen die unzähligen Angebote hinzu, weshalb man sich erstmal zu Recht finden muss. Es waren zwar keine 500 WG’s, die ich mir im Internet angesehen habe – vom Gefühl her passt die Zahl aber.

Schnell fiel mir auf, dass ich zu hohe Erwartungen hatte, wollte nur mit Mädchen in meinem Alter zusammenziehen und am liebsten eine günstige Wohnung mitten in der Stadt mit einem großem, schönem und weißem Zimmer. Nachdem ich das erste Mal das Netz durchstöbert habe, wurde mir klar, dass das nicht klappt. Es gibt auf dieser Welt ja auch noch männliche Wesen und kleine Wohnungen. Und es gibt auch noch ein Leben außerhalb der Innenstadt. Also schraubte ich meine Erwartungen zurück, stelle meine Suchfunktion um auf „beide Geschlechter“, „alle Stadtteile“ und „Zimmer ab 9m²“.

WG NR. 268 von 500 Nach einer Zeit war auch endlich eine WG dabei, die eigentlich ganz ansprechend klang: großes Bad, schöne Küche, helles und großes Zimmer. Ich habe Kontakt aufgenommen und durfte sofort vorbeikommen. Schon auf dem Weg dorthin kamen jedoch die ersten Zweifel: Was sage ich denn überhaupt? Worüber sollen wir reden? Und was ist, wenn ich die Leute nicht mag?

Dann kam die Erkenntnis: Oh man, ich ziehe bald mit FREMDEN Leuten in eine Wohnung!

Angekommen an der WG bestätigten sich leider meine Befürchtungen. Wir hatten kein Gesprächsthema. Es herrschte eine unfassbar unangenehme Stille. Und obwohl die Bewohner der WG freundlich waren, das Zimmer schön und an sich alles gut habe ich mich dagegen entschieden. Ich wollte in einer WG wohnen, in der ich mit meinen Mitbewohnern lachen kann und gerne mit ihnen Zeit verbringe, und das war hier leider nicht der Fall.

WG NR.356 von 500 So führte ich die Suche fort. Nach einigen Tagen fand ich eine noch ansprechendere WG! Die Bewohnerinnen wollten mich ebenfalls kennenlernen, also fuhr ich schnell vorbei, um mir selbst ein Bild zu machen. Es war eine kleine Gartenhütte, etwas außerhalb der Stadt, mit einem riesigem Garten und einem Pool. Es war wunderschön, gemütlich und die Mädchen nett. Ich unterschrieb den Vertrag und war auf Wolke Sieben. Ein paar Wochen später wurde mir meine rosarote Brille leider abgenommen: die Vermieterin brauchte das Grundstück selbst, alle mussten ausziehen und ich konnte dementsprechend auch nicht einziehen. Blöd.

WG NR.500 von 500 Nach einer kurzen Verzweiflungsphase („Ich finde niemals eine WG, ich will nicht mehr ausziehen!“, usw.) begann die Suche erneut. Diesmal änderte ich meinen Plan. Ich fing an, nach Personen zu suchen, die auch in eine WG ziehen wollten. So traf ich auf Elena, die dieselben Interessen und Erwartungen hatte wie ich. Ich habe nicht lange gezögert und ihr einfach eine Nachricht geschrieben. Ich habe nämlich gelernt: zukünftigen Mitbewohnern sollte man eine nicht zu förmliche Nachricht schreiben. Sympathischer ist es, wenn man lustig und locker ist. Also versuchte ich auch bei Elena mit Spontanität mein Glück.Nach ein paar Gesprächen war klar, wir würden zusammen nach einer Wohnung schauen und eine WG neu gründen. Das erschien uns leichter als eine „fertige“ WG zu suchen, die noch zwei Personen benötigt. Nachdem ich tausende Internetseiten durchforstet habe, kam eine Nachricht von Elena, dass sie von zwei Jungen angeschrieben wurde, welche noch drei Mitbewohner für ihre Wohnung suchen würden. Auch sie gründeten gerade eine neue WG. Da Elena zu weit weg wohnte, traf ich mich mit ihnen zum Pizzaessen und zur Wohnungsbesichtigung. Ich wusste kaum etwas über die Jungen, die Wohnung habe ich vorher nicht mal auf Bildern gesehen. Aber es lief erstaunlich gut. Wir lachten viel und verstanden uns gut, dafür, dass wir uns sozusagen fremd waren.

Dann ging es zur Wohnung. Ein kleiner Fußmarsch dorthin tat gut, denn die Aufregung wuchs und wuchs. Dort angekommen kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: eine Wohnung mitten in der Stadt mit schönen, großen und weißen Zimmern. Zwei Badezimmer. Zwei Wohnzimmer. Eine neue Küche, Balkon. Und das wichtigste: bezahlbar. WOW! Mir war sofort klar: hier will ich wohnen! Am liebsten ab heute! Sofort schrieb ich Elena und wir sagten den Jungs zu. Jetzt fehlte nur noch eine letzte Mitbewohnerin, aber dank der perfekten Lage und dem schönen Zimmer fiel uns das nicht schwer.

Heute, ein paar Monate später, sitzen wir fast jeden Abend im Wohnzimmer, spielen Spiele, hören Musik, kochen gemeinsam oder gehen auch mal abends zusammen auf Konzerte oder feiern. Es ist ein bisschen wie auf Klassenfahrt.

Eine Freundin erzählte mir, dass sie mich beneiden würde und sie niemals mit „fremden“ Menschen in eine Wohnung ziehen könnte.

Ich antwortete: „Ach, das ist gar nicht so schlimm! Und weißt du was? Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.“

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