Jeder sollte Rock am Ring mal miterlebt haben. Ich war 2013 und 2014 dort, und werde vor allem letzteres nie vergessen. Die Ausgabe von 2016 war jedoch eine Katastrophe.

Es ist natürlich doof: Ich sitze hier am Wochenende vor dem PC und schaue mir die Live-Übertragung von Rock am Ring an. In meiner Wohnung, ohne Gewitter,  ohne Matsch unter meinen Füßen, ohne Bierdosen oder Sexpuppen auf dem Boden und vor allem ohne volltrunkene, grölende Idioten, die 24/7 Böhse Onkelz über den Zeltplatz schallen lassen. Im Folgenden schreibe ich trotzdem über die zwei Tage des Festivals, so wie ich sie in der Übertragung erlebte.

Freitag, 03.Juni:

Als ich einschaltete, spielte die Metal-Band Disturbed. Neben alten Klassikern wie „Down with the sickness“ wird plötzlich viel gecovert. „Closer“ von Nine Inch Nails und „Killing in the name“ von Rage Against The Machine, das Publikum dreht durch. GEIL! Ich bin begeistert, das richtige Festival-Feeling kommt an, sogar wenn man gar nicht selbst dabei ist.

Als nächstes soll die Band Tenacious D auftreten. Das Intro läuft und doch zeigen sich die beiden Comedy-Rocker nicht. 10 Minuten später ertönt die Durchsage, das Publikum soll doch bitte zurück auf den Zeltplatz gehen und auf keinen Fall Zäune etc. anfassen. Leute buhen. ERNSTHAFT?

Und das, nachdem bereits bei Rock am Ring 2015 über 30 Menschen ins Krankenhaus gebracht wurden, weil diese während eines Blitzeinschlags mit Zäunen etc. in Berührung waren. ERNSTHAFT?!

Dann trat die Band eineinhalb Stunden später auf und neben einer genialen Anspielung auf Milli Vanilli hatte man praktisch nur vulgären Humor zu bieten. Für alle, die 14 Jahre alt geblieben sind, war es ein toller Auftritt.

Achja, Panic! At The Disco haben „Bohemian Rhapsody” von Queen gecovert. Unabsichtlich ironisch ist dabei die Zeile “Thunderbolts and lightning, very very frightening“, da zwischenzeitlich sogar einige Besucher tatsächlich vom Blitz getroffen wurden. Laut Angaben des DRK musste eine Person sogar reanimiert werden. Ich mache mir Sorgen um einige meiner Freunde, die das Festival besuchen und greife zum Handy.

Ich: „Geht es euch gut?“. Er: “Uns geht es super. Wer auf die Ansagen gehört hat, hat es überlebt. Wer da geblieben ist, ist es selbst Schuld.“ Auf die Vorstellung, dass wohl einige im Freien geblieben sind, reagiere ich mit einem Kopfschütteln. ERNSTHAFT?

Volbeat kamen dann fast eineinhalb Stunden später zu ihrem Headliner-Auftritt. Ich habe diese Band schon 2013 als Headliner gesehen, leider hat sich seitdem nichts geändert: Solider Liveauftritt, doch alles klingt gleich und austauschbar. Es ist so, als würde man ein einziges, langes Lied hören. Da hilft auch nicht das neue Album, welches zufällig heute erschienen ist. Volbeat bleiben Volbeat.

Samstag, 04.Juni:

Die Zahl der Verletzten wurde immer wieder nach oben hin korrigiert. Am Ende sind es 81 Verletzte, 15 davon schwer, und mittlerweile sogar zwei, die reanimiert werden mussten.

Das Programm beginnt erst um 21:30, da es bis zu diesem Zeitpunkt Gewitterwarnungen gibt, also fielen alle Acts davor ins Wasser. Ganz bitter, denn auch die „kleineren“ Bands machen solche Festivals aus.  Der Veranstalter, Marek Lieberberg, kommt auf die Bühne: „Die gute Nachricht ist, wir spielen heute Abend auf allen vier Bühnen“. Doch dann kommt die schlechte Nachricht, die viele schon ahnen konnten: „Im Moment habe ich keine Genehmigung für den Sonntag, […]weil es Sonntag weiterhin die Gefahr von schweren Gewittern gibt, und wo Menschenleben in Gefahr sind, können wir nicht spielen. Das stinkt mir, das stinkt euch. “

Es geht mit der Nu-Metal-Band Deftones weiter, die doch nach einem holprigen Start richtig abrocken konnten, der Sänger stürzt sich in die Menge, die Menge rockt mit. Die Band ist nicht unbedingt gut, doch wussten sie, wie sie die ruinierte Stimmung wieder anheizen konnte. Danach war es endlich soweit: Die Red Hot Chili Peppers hatten ihren Auftritt als Headliner. Endlich wieder Flea und Co. in Aktion! Die Band fing mit Klassikern wie „Can’t Stop“ und „Snow“ an, präsentierte einige neue Lieder und konnte für gute Laune sorgen, doch irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass es etwas gehetzt wirkte. Danach war noch die kanadische Punk-Band Billy Talent auf der Bühne. Eigentlich waren diese als Vorband für die Headliner gedacht, doch aufgrund der Unterbrechung hat sich der ganze Spielplan verschoben.

Sonntag, 05. Juni.:

Die Besucher reisen – wie angekündigt – wieder ab, da es Warnungen für noch heftigere Gewitter gibt. Das hat es in 31 Jahren Rock am Ring noch nie gegeben.

Ich frage einen weiteren Freund, der sich mittlerweile auf dem Heimweg befindet, wie das Gewitter denn so war. Er schreibt: „Es war irgendwie klar, dass so etwas passiert. Ich habe das Gewitter ja mitbekommen und das war echt schwer. Alle haben sich unter das große Zelt mit der Bühne gedrängt [gemeint ist die Zeltbühne „Alternatent“, Anm.d.A.]. Das war wie in einer Sardinenbüchse“.

Meiner Meinung nach hat der Veranstalter aus Geldgeilheit heraus gehandelt. Schon am Freitagabend wurden viele Besucher durch Blitzeinschläge verletzt, einige davon so schwer, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Soweit ich es mitbekommen habe, ist eine Person davon immer noch nicht über den Berg, schwebt immer noch in Lebensgefahr. Es war also sprichwörtlich 5 vor 12, es gab weitere Warnungen vor heftigen Gewittern, und trotzdem riskiert man die Sicherheit der Besucher, indem man den Samstag nicht abbricht? Der einzige Grund, wieso das Festival am Sonntag nicht stattfindet, ist, dass die Gemeinde Mendig dem Veranstalter die Spielgenehmigung für diesen Tag entzogen hat.

Ich bin mir sicher: Ginge es nach dem Veranstalter, hätten sich auch am Sonntag wieder zigtausende Menschen in Lebensgefahr gebracht.

Hat man denn aus der Loveparade nichts gelernt? Ernsthaft.

 

 

 

 

 

 

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