Es ist passiert, Radiohead haben am 08.Mai 2016 ihr neues Album „A Moon Shaped Pool“ veröffentlicht, und das wieder einmal auf einem ungewöhnlichen Weg: Vorerst ausschließlich digital herunterzuladen. Beginnend am vergangenen Sonntagabend, 20 Uhr. Es ist das erste Album seit über fünf Jahren.

Zu Beginn eine kleine Anekdote: Ich sitze so im Queer-Jugendzentrum herum und schalte am Laptop, der dort mit der großen Anlage verbunden ist, „A Moon Shaped Pool“ ein. Nach einer halben Stunde: „Kannst du das bitte ausschalten? Das klingt so depressiv.“ Das ist vielleicht ein Vorurteil über die Musik dieser genialen Band, man muss das aber –so wie das bei vielen anderen Dingen im Leben auch ist – etwas differenzierter betrachten:

Das Album beginnt mit „Burn the Witch“, einem Lied, auf dem Streicher gleich gekonnt eingesetzt werden, das Quietschen zu Beginn gibt die angespannte Stimmung wieder. Es erklingen die elektronischen Drums, im Refrain kommt der für Radiohead etwas ungewöhnliche Pathos. Ein etwas anderes, aber in sich stimmiges und am Ende auch beunruhigendes Lied. Ein netter Klang mit einem ernsten Hintergrund.

Das zuvor veröffentlichte „Daydreaming“ ist ein ganz großes Werk. Es ist ruhig gehalten, im wahrsten Sinne des Wortes verträumt und detailverliebt. Im Hintergrund erklingen leise Stimmen und die kleinen Soundelemente schwirren einem um den Kopf. Es ist wie das Halluzinieren, während man dabei ist, in den Schlaf zu fallen. Dann ertönt Thom Yorkes zarte Stimme, die Illusion des Schlafs ist noch intensiver, doch dann wird es lauter und unruhig. Aus dem Hintergrund bahnt sich ein Brummen an, und es wird gruselig. Eine solche Achterbahnfahrt habe ich seit Daft Punks „Touch“ nicht mehr erlebt. Ein kleines Meisterwerk mit kleinen und großen Mitteln.

„Decks Dark“ brilliert durch Yorkes gewohnten Gesang, der schlichten, doch wunderschönen Begleitung am Klavier und dem Klimpern im Hintergrund. Ein gruseliger Chor kommt dazu, und man fühlt sich an das Album „Amnesiac“ erinnert. Die Gitarre gesellt sich dazu und das Lied endet wieder mit Klimpergeräuschen. Eigentlich sollte es gar nicht enden, es ist dank des Klaviers wie eine musikalische Spirale und ein guter Kandidat für den Ohrwurm des Jahres. Das Lied geht nahtlos in „Desert Island Disk“ über. Ein sehr ruhiges, im Gegensatz zum Rest des Albums minimalistisch gehaltenes Lied. Gitarren, sphärische Synthesizer und Texte wie „Waking up from shutdown / From a thousand years of sleep“ passen perfekt in den Kontext des Albums. Dennoch ist dieses Lied ein solches, in das man sich immer öfter „hineinhören“ muss, bevor es im Kopf bleibt.

Das nächste Highlight heißt „Ful Stop“, es klingt wie eine Alarmanlage, beängstigend. „You really messed up everything“ singt Yorke und gibt dem ganzen Lied über einen dunkleren Ton an. Später verwandelt sich das Lied in ein herrliches Durcheinander aller Instrumente. Am Ende folgt typischer Gesang, es hallt und klingt wie ein freier Fall ins Dunkle.

Als Intermezzo folgt dann Track 6, „Glass Eyes“, es klingt sehr ruhig und intim, der Text beschreibt Unsicherheit und Angst, untermalt wird das vorallem durch Streicher. Zum Glück weiß die Band zusammen mit Produzent Nigel Godrich, wie man all das auf einen Track packen kann, ohne in den Kitsch abzurutschen.

„Identikit“ ist mein persönliches Highlight, ein klopfender Beat und ein Refrain, der aus den Worten „broken hearts make it rain“ besteht und plötzlich zu einem Chor wird, in der das Lied dann gipfelt, ehe es dann weitermacht, als wäre nichts gewesen. Dann noch ein Gitarrensolo von Johnny Greenwood am Ende, ein echter Ohrwurm. Was für ein Lied!

„The Numbers“ sticht mit filmreifen Streichereinsätzen hervor. Auch dieses Lied zündet nicht auf Anhieb, sondern entfaltet sich erst im Verlauf. Hier zeigt sich auch: Wer Radiohead hört, muss Geduld mitbringen. Vorallem die Streicher bleiben im Kopf.

Das schon seit einigen Jahren bekannte „Present Tense“ ist wieder eine ruhigere Nummer, Feengesang ist im Hintergrund hörbar und man möchte sich einfach nur in diesem Lied verlieren. Radiohead machen Lieder, die sich längerfristig einbrennen, die depressiv klingen, aber doch beruhigend sind. Und dieses Lied ist das beste Beispiel dafür.

Das nächste Lied trägt den außergewöhnlichen Titel „Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief“, es beginnt mit einem rauschenden Synthesizer und erinnert damit etwas an ihr 2003 erschienenes Lied „The Gloaming“. Hier werden sogar noch mehr Streicher eingesetzt, es klingt jetzt fast schon kitschig. Komponist Johnny Greenwood hat genau gewusst, wie er dieses Instrument erfolgreich einbringen kann, wobei Streichinstrumente schon früher benutzt wurden („Pyramid Song“). Die Geräusche am Ende sind vermutlich verzerrte, schnell angespielte Aufnahmen eines Feuerwerks. Was auch immer das zu bedeuten hat, genial ist es auf alle Fälle.

Und am Ende des Albums – es überraschte so ziemlich jeden Fan – ist eine Studioversion von „True Love Waits“, ein Lied, das schon 1995 (!) live gespielt wurde. Es ist traurig und nebelig. „And true love lives on lollipops and crisps“, ich möchte weinen. Die neue Version klingt ein ganzes Stück trauriger, da es nicht den hoffnungsvollen, bittersüßen Klang der Vorgängerversion hat. Stattdessen ist es nebelig, es bleibt im bitteren Nebel hängen. „Just don’t leave“.

Mit „A Moon Shaped Pool“ haben Radiohead einen neuen Meilenstein veröffentlicht. Sie entwickeln ihren Sound konsequent weiter, indem sie bereits begonnene Ansätze weiterhin verfolgen. Anstatt etwas völlig neues auszuprobieren, benutzen sie z.B. Streichinstrumente, und dass, ohne ihrem gewohnten Sound fremdzugehen. Einer der ganz großen musikalischen Höhepunkte im Jahr 2016.

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