Dieses Album ist erst drei Jahre alt und meiner Meinung nach ein moderner Klassiker.

Daft Punk, das französische Duo, das schon seit den 90er-Jahren House produziert, haben im Jahr 2013 das Album „Random Access Memories“ auf den Markt gebracht. Es ist das erste Album seit dem 2005 erschienen „Human After All“ – Wenn man vom 2007er Live-Album bzw. dem Filmsoundtrack zu „Tron Legacy“ absieht.

Ich habe es mir damals sofort vorbestellt. Es lag an jenem 17.05.2013 im Briefkasten, es war ein Freitag. Ich kam gerade von meiner mündlichen Abiprüfung. Biologie, verhauen. Und dann fiel mir auf dem Heimweg ein, dass ich das Album noch gar nicht gehört habe. Der Tag war gerettet.

Das Album hat ganze 13 Tracks, keine Lückenfüller, teilweise sehr lange Lieder. Radiotauglich, aber dennoch unkonventionell. „RAM“ ist eine Verneigung vor den eigenen Vorbildern, vor der Musik, die die Jugend von Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo prägte. Dementsprechend ist dieses Album etwas gestrig, es klingt funky und groovy, nach 70er-Jahren. Das Moderne findet sich lediglich in den elektronischen Stellen, die aber nach gewohnter Daft Punk-Manier gestaltet wurden. Synthesizer mit Talkbox, die verzerrten Roboterstimmen, irgendwie hat man das alles schon gehört. Aber dennoch klingt es neu, und das konnten Daft Punk schon immer. „RAM“ ist ein ungewöhnliches Daft Punk-Album: Viele Live-Instrumente, lauter Gastauftritte (z.B. Pharrell Williams zwei Mal!) und vor allem: Kein Sampling.

Der erste Track “Give Life Back To Music” ist nichts Besonderes, aber macht Stimmung: Die Roboter sind wieder da! Und die 70er auch. Alles wird irgendwann wieder modern.

Bei „The Game of Love“ geht es dann traurig zu, die Musik spielt spielt schwermütig, die Roboter singen „and it was you – the one that would be breaking my heart“. Roboter mit gebrochenen Herzen, Roboter mit Gefühlen: Der Vergleich zwischen Mensch und Maschine war schon sehr oft Thema in früheren Werken, wie z.B. auf dem Album „Human After All“.

Das längste Lied ist „Giorgio By Moroder“, eine 9-minütige Reise durch die Karriere des Synthesizer-Veteranen Giorgio Moroder. Zuerst erzählt er von den Anfängen seiner Karriere. Es werden immer wieder verschiedene Stile aus den vergangenen Jahrzenten zitiert, es fügt sich nahtlos aneinander und wird von einer gemeinsamen Melodie getragen. Und dann sind da noch die letzten 60 Sekunden des Liedes, der Moment, in dem alles explodiert. Die 9 Minuten bauen genau für diesen Moment auf, für diese eine Minute, in der sich alles entlädt und die Hörer mit einer Gänsehaut belohnt. Es ist der absolute Wahnsinn. Und dabei hat das Album doch gerade erst angefangen.

„Within“ ist praktisch genau wie der zweite Track, und das ist auch eine der wenigen Schwächen des Albums. Traurige Musik und eine weinende Roboterstimme. Dennoch ergreifend.

Track 5, „Instant Crush“ beinhaltet viel Pop: Julian Casablancas (The Strokes) singt mit seiner hohen Stimme, es geht natürlich um die Liebe, um Erinnerungen. Der Text zeigt, dass die Lieder dieses Albums im Vergleich zu älteren Werken deutlich an Komplexität zugenommen haben. Das Duo hat bewiesen, dass es auch mit tieferem Text umgehen kann. Frühere Werke bestanden teilweise nur aus einem Satz („Around the World“).

Auch Pharell Williams ist als Kollaborateur mit von der Partie: „Get Lucky“ war der Hit des Jahres 2013, kein sehr originelles Lied, aber ein Ohrwurm. „Lose Yourself To Dance“ klingt fast ähnlich, hier singen die beiden Roboter ab dem zweiten Refrain mit, es gipfelt in einem verzerrten „yeeeaah ooooh“, doch danach wiederholt sich der Sänger und es wird etwas redundant. In diesem Fall ist es leider nicht gelungen, ein Lied länger laufen zu lassen. Pharrell war hier sogar noch gut, bevor er im selben Jahr bei Robin Thickes sexistischem Blödsinn namens „Blurred Lines“ mitgemacht, oder 2014 mit „Happy“ jeden Radiohörer zum Abschalten gezwungen hat.

Zwischen diesen beiden Liedern befindet sich „Touch“, ein großer Geniestreich. Es ist abwechslungsreich und das Tempo ändert sich ständig. Wie ein Musical, mit den ganz großen und ganz kleinen Momenten. Der Protagonist ist hier ein Roboter, er erwacht zum Leben und lernt, zu lieben. Doch diese Liebe ist nicht echt und der Roboter erkennt dies. Der vermeintlich fröhliche Part im zweiten Viertel ist aber traurig gemeint, und das ist eine Meisterleistung. Fröhliche Musik vor traurigem Hintergrund. „You’ve given me too much too feel, sweet touch / You’ve almost convinced me I’m real“– Das ist wie bei A.L. Webber. Genauso pathetisch und filmreif ist “Beyond”, welches meiner Meinung nach das Thema des Albums angibt: Transzendenz, das Überschreiten der Zeit, des Lebens und der Grenzen der Musik.

„Motherboard“ passt alleine vom Titel zum Namen des Albums. Es ist minimalistisch gehalten und beinhaltet einige Überbleibsel aus dem Soundtrack zum Tron-Sequel aus dem Jahr 2011. Dieses Lied lässt die Fantasie spielen, es handelt auch von Transzendenz. Ich muss da an den Tod und die weitere Existenz auf einer anderen, höheren Ebene denken. Vielleicht ist das auch nur meine Fantasie.

Das Album nähert sich dem Ende. Mit „Fragments Of Time“ sollen Erinnerungen geschaffen werden, Erinnerungen an früher, dass alles besser war und dass es bloß nie aufhören will. Die jugendliche Unbeschwertheit, zusammengefasst in einem Lied. „I’ll just keep playing back these fragments of time / everywhere I go, these moments will shine“.

Einer der großen Favoriten auf dem Album ist “Doin’ It Right”, gesungen von Noah Lennox, auch bekannt als Panda Bear, Sänger der experimentellen Band „Animal Collective“. Die Roboter singen dabei, es ist ein ungewöhnliches Duett, dennoch angenehm und auch ein Partyhit. Die beiden können wirklich mit jedem kollaborieren.

„Random Access Memories“ endet mit einem Knall namens „Contact“. Dieses Lied beinhaltet Funksprüche der Apollo-17-Mission, bei der angeblich ein unbekanntes Flugobjekt im Weltall gesichtet wurde. Ist mit „Contact“ der Kontakt zu fremden Leben im All gemeint? Oder doch eher das Transzendieren in höhere Ebenen? Und dann kommt das Finale, es wird schneller und intensiver, die Drums knallen laut und dann hört alles plötzlich auf, und das letzte, was man hört, ist Rauschen in der Stille. Ist das ein Zeichen, dass da draußen etwas auf uns wartet? Gibt es da mehr, ist da jemand oder etwas? Oder ist es das Existieren nach dem Tod?

Und all das macht „Random Access Memories“ zu einem modernen Klassiker. Ich bin mir sicher, dass man 2020 dieses Album auf allen Listen der besten Alben der 2010er-Jahre findet. Und das, obwohl es so viele Referenzen auf die Musik der 70er gibt. Das können wirklich nur Daft Punk.

 

 

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