Von Yannic K.

Es ist etwas spät, aber an diesem Album kommt man in diesem Jahr nicht vorbei.

Zum einen möchte ich mich in dieser Rezension natürlich zum Album äußern, aber auch zu der Veröffentlichungsmethode, die Mr. West sicher mehr Feinde als Freunde gebracht hat.

Kanye West veröffentlichte sein letztes Album zuvor im Jahr 2013, „Yeezus“ war ein Meisterwerk: Reduziert und schlank, aber auch roh und aggresiv. Der 2010 erschiene Vorgänger „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ war mehr als nur ein Meisterwerk, es war ein Beben, das die Grenzen des Rap und des Pop nicht nur erweitert hat, sondern nachhaltig definierte. Das gelang ihm sogar schon auf den Alben zuvor, er machte Auto-Tune wieder salonfähig, kollaborierte erfolgreich mit Daft Punk, seine Alben gelten in den meisten Fällen jetzt schon als Klassiker. Kanye West ist ohne Zweifel der wichtigste und einflussreichste Künstler unserer Zeit.

Als Mitte Februar das Gerücht umherging, dass „The Life Of Pablo“ noch um Mitternacht veröffentlicht wird, war ich sehr gespannt und versuchte, bis Mitternacht zu warten, doch da kam nichts. Die Fans im Internet waren verwirrt, und ich war es auch. Ursprünglich war vorgesehen, dass der kostenpflichtige Streaming-Service TIDAL das Album für 7 Tage exklusiv zum Stream anbietet. Die eine Woche war verkraftbar. Doch dann verkündete Kanye, dass es für immer und ewig nur auf TIDAL zu hören sein wird. Was für ein kluger Plan, denn durch diese Taktik stieg die Anzahl der zahlenden Kunden rapide an, sorgte aber auch für einen neuen Rekord für illegale Downloads. Diese Veröffentlichungsmethode war schlichtweg eine Unverschämtheit, da es Kunden nicht möglich war, das Album auf CD oder auf Vinyl zu ergattern. Gerade aufgrund der Renaissance des Vinyls zeigt sich, dass Kanye selbst die Regeln aufstellen will, er richtet sich nicht nach der Kundschaft, sondern nach seinen eigenen Bedürfnissen. Das ist extrem mutig, und auch größenwahnsinnig. Längerfristige Konsequenzen erwarten Ihn nicht, es ist Kanye West.

Nachdem das Album nach fast zwei Monaten für Streaming-Dienste wie Spotify zur Verfügung gestellt wurde, konnte man es kostenlos hören.

Der erste Track „Ultralight Beam“ geht schleppend voran, es erinnert etwas an sein Album von 2010. „Father Stretch My Hands Pt.1“ irritiert den Hörer, es ist ein Misch aus Auto-Tune und komischen dahergelallten Zeilen. Auf die Zeile mit der Bleiche und dem T-Shirt möchte ich nicht genauer eingehen, es ist peinlich. Auf dem zweiten Teil des Liedes ist es auch nicht besser. Hier offenbart sich die meiner Meinung nach größte Schwäche des Albums: Der Beat erinnert an Trap. Was soll das denn, läuft Kanye hier etwa einem aktuellen Trend hinterher? Bisher hat er Trends und Maßstäbe gesetzt, und sich nicht an Ihnen orientiert. „Famous“ macht das Album zu einem relativ späten Zeitpunkt wieder interessant. Provozierende Zeilen gleich zu Beginn, ein passender, nicht allzu komplizierter Beat und (natürlich) Rihanna. Dazu noch gekonntes Sampling, so dass der Track im Kopf bleibt. Ein Ohrwurm! Der Track „Feedback” klingt wie ein Überbleibsel von “Yeezus”, es bohrt sich aggressiv ins Gedächtnis, die lauten Einrufe gegen Ende erinnern an „I Am A God“, auf dem er wie ein Wahnsinniger herumgebrüllt hat. Passend dazu ist die markanteste Zeile von „Feedback“ : „Name one genius that ain’t crazy!”

“Low Lights” ist ein Lückenfüller, “Freestyle 4” hinterlässt wieder einmal irritierte Hörer. Gerade als das Album anfängt, wie zu Beginn zu schwächeln, nimmt man sich die Freiheit raus, sich über seine eigenen Fans lustig zu machen. „Waves“ fasst dann das gesamte Album perfekt zusammen: Referenzen an 2010, Trap-Beats, verzerrte Stimmen. Man hat das Gefühl, man hätte alles schon einmal gehört. Aber das Gegenteil beweist dann „FML“, das etwas eigensinniger und tiefsinniger daherkommt. Das nächste Lied, „Real Friends“ wirkt wie eine Fortsetzung, es definiert den neuen Stil Kanyes genauer, obwohl es wieder einmal seine Verletzlichkeit zeigen soll, und das ist die nächste Schwäche des Albums: Das Album ist vorausschaubar. „Wolves“ ist wieder ein Ohrwurm, wieder mit weiblichem Gesangspart, und überall Engelsgesang, Referenzen zu seinem Glauben, Maria und Josef, ja, der gottesfürchtige Rapper mit Gottkomplex ist wieder da! Zwei weitere Lückenfüller später dann „30 Hours“, und es kombiniert den Flow von „The College Dropout“ im Rap mit seinem neuen Stil im Sampling. Anstatt das Album an dieser Stelle enden zu lassen, kommen drei weitere Tracks, die nicht unbedingt von Nöten waren. „Facts“ ist ein weiteres Experiment mit Trap, „Fade“ ist eher langweilig und „No More Parties in LA“ ist typisch arroganter Kram, und als hätte Mr. West dazu eine Zwangsneurose, muss unbedingt Louis Vuitton erwähnt werden. Dabei darf es nicht aus dem Kontext gerissen werden: Er rappt darüber, dass er selbst ein Backpack-Rapper mit edler Tasche ist. Dass Kanye dies schon 2004 gezeigt hat, gibt mir zu Denken. Wieso orientiert er sich an diesem Album so sehr an seiner musikalischen Vergangenheit? Alle Alben zuvor waren immer einen Schritt nach vorne, „The Life Of Pablo“ aber ist ein Schritt nach vorne und ein halber Schritt zurück.

Fazit:

“My Beautiful Dark Twisted Fantasy” war Kanye West, gut durch; “Yeezus” war Kanye West, roh.

Im Fall von “The Life Of Pablo” ist es Kanye West, medium. Im wahrsten Sinne des Wortes.

 

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