Die letzten fünf Monate waren nicht gerade leicht für Musikliebhaber. Erst starb Ende Dezember Lemmy Kilmister, der den Hardrock nicht nur spielte, sondern sogar verkörperte. Dann folgte David Bowie, der zwei Tage nach der Veröffentlichung des großartigen Albums „Blackstar“ seinem Krebsleiden erlag. Und dann wurde Prince im April tot in seinem Studio aufgefunden. 2009 starb Michael Jackson, 2012 dann Whitney Houston. Zahlreiche Musikliebhaber und Fans, die mit der Musik der verstorbenen Legenden viele Jahre verbrachten, trauern nicht nur den Toten, sondern auch ihrer Jugend bzw. Adoleszenz hinterher.

Der Tod erinnert uns immer wieder an die eigene Vergänglichkeit. Und er erinnert uns daran, dass niemand unsterblich ist (Keith Richards auch nicht, was paradox klingt). David Bowie war die größte Größe in der Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Prince ebenso wie Michael Jackson. Und doch sind sie alle gestorben, so wie jeder Mensch es mal wird. Der Tod solcher Musiker nimmt Fans trotz der Mythen und Legenden die Illusion, ihre Helden seien Götter. Sie waren auch nur Menschen.

Ich frage mich: Wie fühlt es sich an, wenn die Helden der Jugend sterben? Stirbt die Jugend mit den Musikern, die für die schönste Zeit unseres jungen Lebens einen Soundtrack abgeliefert haben?

Jede erwachsene Person auf dieser Welt wird erzählen können, dass Musik sie in ihrer Jugend begleitet hat. Die Lieblingsband ist genauso wichtig wie ein Leibgericht oder der bevorzugte Kleidungsstil. In einem Freundeskreis wird oft die selbe Musik gehört, oder man bringt sich gegenseitig auf neue Bands. Wenn in der Clique Konsens darüber herrscht, welche Lieder auf den Hausparties oder im Auto laufen sollen, werden Erinnerungen für die Ewigkeiten geschaffen. Und genau an diese magischen Momente wird man erinnert, wenn man über dieses oder jenes Lied stolpert. Denn Musik ist immer da, jeder kann sich darin wiedererkennen. Doch es ist auch wichtig, wer diese Lieder schafft: Die Künstler sind nicht nur Sänger oder Komponisten, sondern Helden. Sie sind Vorbilder. David Bowie zeigte der Welt, dass es gut ist, anders zu sein. Jeder Fan eines Interpreten hat einzigartige Erinnerungen, die an ihre Helden der Musik gekoppelt sind. Die Musik macht also zu großen Teilen die Jugend aus, ebenso wie die Persönlichkeiten dahinter.

Die Menschen, die in den letzten Monaten die Helden ihrer Jugend verloren haben, sind die Eltern der Kinder, denen das selbe noch bevorsteht.

Was heißt das für mich?

Was wird passieren, wenn eines Tages Smudo stirbt, oder Casper oder Damon Albarn? Was ist, wenn es Anthony Kiedis oder Jonathan Davis einmal zu oft mit den Drogen übertrieben haben? Wie fühle ich mich, wenn Thomas Bangalters Schaltkreise nicht mehr funktionieren oder es sich für Thom Yorke ein für alle Mal ausgecreept hat? Ist meine Jugend dann tot?

Eines ist sicher: Es geht weiter. Vielleicht nicht mit der Band, aber auf jeden Fall mit der Musik, den Erinnerungen, dem Lachen, dem Weinen, dem Leben.

Als ich 13 war, waren Slipknot meine Helden. Zwei Jahre später starb dann der Bassist der Band, für mich brach die Welt ein kleines Stückchen ein, ich hatte Angst, dass die Band aufhört. Doch so kam es nicht, denn die Band brachte einige Jahre später ein neues Album heraus, waren in Top-Form und gingen wieder auf Tour (zu dieser Zeit interessierte mich die Band jedoch nicht mehr).

Dieses Beispiel muss nicht auf jede Band zutreffen, doch es zeigt, dass der Tod eines Künstlers nicht Jugend zerstört, die Erinnerungen nicht ruiniert werden oder man längerfristig traurig sein sollte. Nein, denn es erinnert uns an die schönen Zeiten, wir werden dankbar für das Leben, die Musik, die Momente, für die Liebe.

Oder, um es mit den Worten des größten Helden meiner Jugendzeit auszudrücken:

„Alles endet, aber nie die Musik“.

 

 

Eine Antwort

  1. Ares

    Die Endlichkeit des Lebens macht vor keinem Halt… Da kann nich einmal ein Kanye West mit der Selbsterhebung in Götterstatus etwas gegen tun.

    Wenn ich aber einen Louis Armstrong kratzig und verraucht auf der Schallplatte singen bzw. spielen höre; oder Tupac/Biggie so lange nach ihrem Tod noch „neue“ Tracks releasen; oder Freddie Mercury zeitlos durchs Radio schmettert, was kein Musiker jemals durch den Klang seiner Stimme und die Worte die er singt auszusagen vermag… Dann glaube ich, dass die Musik in uns weiterlebt. Dass das Vermächtnis dieser Männer und Frauen, dieser „Helden“, die doch trotz ihrer Sterblichkeit irgendwie eine Art Göttlichkeit erreicht haben, überdauert, solange es Menschen gibt, die noch zuhören.

    Und wenn dann doch irgendwann auch Damon Albarn ins Gras beißt, werde ich traurig an früher denken; aber trotzdem „Feel Good Inc.“ oder den großartigen „Song 2“ laufen lassen, wieder und wieder, bis ich selbst ins Gras beiße. Und wenn Kiedis wieder rückfällig wird und eine Überdosis seine Zukunft auslöscht, wie sie es schon bei so vielen Musikern getan hat, werde ich mit dem Auto durch die Stadt fahren, die Boxen voll aufdrehen und lautstark „Give it away“ durch die Straßen schmettern lassen, während ich wie verrückt auf dem Lenkrad rumtrommle und schief mitsinge. Auf dass unsere Helden, die Halbgötter der Musik, ewig leben. In uns, die wir ihnen zuhörten und ihre Lebensweisheiten aufsogen. Denn sie sind ein Teil dessen, was wir jetzt sind.

    Ein sehr schöner Text, ein Anstoß, um über die Vergänglichkeit nachzudenken und sich zu fragen, was aus der Musik wird, wenn der Interpret dahinter vergeht… Vielen Dank!

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