Das Album „XOXO“ von Casper, 2011 erschienen, ist kein besonders sommerliches Album, und mal überhaupt nicht „so perfekt“.

Es ist für mich dennoch eines der wichtigsten Alben der letzten Jahre. Auf seinem zweiten Album beschäftigt sich der Rapper mit Themen aus seiner Jugend, musikalisch wird auf Pop und Rap zurückgegriffen. Ein paar Gitarren hier, ein bisschen Wehmut da, und fertig ist ein kleines Juwel von einem Album. Jeder kennt Casper, genauer gesagt seine unverwechselbare Stimme: Er hat Stimmbänder wie Reibeisen.

Das erste Lied Der Druck Steigt liefert ein perfektes Beispiel für die textliche Struktur der Platte: Viel Pathos und Texte wie Parolen, wie z.B. „Tragen schwarz jeden Tag, bis es was dunkleres gibt“, und dieses epische Intro geht dann mit einem großen Knall in Blut sehen über, ein ziemlich linkes Stück, dass sich gegen „die da oben“ richtet, und auch sehr energiegeladen ist. Bei diesem Lied wurde ich auf den Konzerten immer so hart gegen die Absperrung in der ersten Reihe gedrückt, dass ich wenig Luft bekam. Kleine, zierliche Jungs und Mädchen wurden dabei aus der Menge gezogen, es war ein einziges durcheinander. Auf meinem Lieblingstitel Auf und Davon geht es um das Gefangen sein im Alltag („bin den Krach so gewohnt, für mich Stille nun Lärm“). Das ganze Album ist voll mit sehr persönlichen Details, es geht teilweise auch um den Suizid eines guten Freundes (Michael X) oder um eine zerstörte Beziehung (230409). Das alles sind Erfahrungen, die teils so intim sind, dass man den Hut davor ziehen muss, dass er solche Lieder überhaupt schreibt. Das ist alles andere als einfach. Vielleicht ist es auch ein Weg, es zu verarbeiten.

Wieso rappt ein Gestandener Mann über die Probleme der Jugend?

Nun fragt man sich: Warum rappt Casper, ein damals 28-jähriger, erwachsener Mann etwas über die Probleme der Jugendlichen? XOXO ist kein Album eines Jugendlichen, sondern eines Erwachsenen, der auf seine Jugend zurückblickt. Deshalb ist es etwas komisch, wenn man damals 2011, mit 16 Jahren, sich damit identifizieren kann. XOXO ist kein „Pubertätsalbum“, sondern reflektierte und differenzierte Erinnerungen eines Erwachsenen an seine Jugend. Immer wieder zeigt sich der heute 33-jährige, dass er nicht immer alle Antworten weiß, er Schwächen zugibt und hilflos sein kann. Es ist keine einzige Tour des Selbstmitleids, sondern einfach nur Ehrlichkeit. Der populäre Rap der 00er-Jahre war geprägt von Oberflächlichkeit, da tat dann ein solches Album zum Beginn des laufenden Jahrzehnts sehr gut. Ein solches Album musste es einfach geben, denn so hätte es auf keinen Fall weitergehen dürfen. Rap über Schwächen und Kummer ist kein Experiment, denn so etwas hat es schon lange gegeben. Es war im Aufstieg des deutschen Gangsterraps untergegangen.

Für mich ist XOXO ist keine Hype-Platte, sondern ein Dauerbrenner. Das liegt daran, dass die Themen bzgl. Erwachsen werden erst im Nachhinein einen Sinn ergeben, nämlich während oder nach der Pubertät und dem Erwachsen werden.. Ein Jugendlicher kann trotzdem viel damit anfangen: XOXO ist praktisch eine Warnung an alle jungen Menschen, nämlich, dass jeder im Leben viel leiden wird. Der Titel ist eine amerikanische Abkürzung für Küsse und Umarmungen (Kisses n‘ Hugs), eine Abschiedsformulierung. Casper ist also dennoch dankbar für seine Jugend, und das ist, bei all den furchtbaren Dingen, von denen er rappt, wirklich beachtlich.

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